Das geheimnisvolle, normannische Stadttor und die gewaltige Stadtmauern in Southampton

Isabella Mueller @isabella_muenchen

Dieses Jahr verbrachte ich meinen Geburtstag in der englischen Hafenstadt Southampton. Southampton wurde 1912 weltweit bekannt, als die Titanic ihre schicksalhafte Jungfernfahrt von dort aus startete. Aber Southampton ist weit mehr als nur die Titanic-Stadt. Sie ist die bedeutendste Hafenstadt an der Südküste Englands, deren Historie bis in die Zeit der römischen Besatzung reicht. So wurden schon früher römische und angelsächsische Siedlungen um Southampton mit Mauern und Gräben befestigt. Die berühmten Old City Walls von Southampton entstanden erst im 10. Jahrhundert. Dieses Relikt vergangener Tage wollte ich unbedingt bei meinem Aufenthalt in Southampton erkunden. Darum begab ich mich auf den Weg zum mittelalterlichen Stadttor, dem Bargate, am Rande der High Street. Es wurde 1180 von den Normannen erbaut und galt als Haupteingang zur Innenstadt, da die meisten Besucher Southamptons von Norden her anreisten. Aus diesem Grund wurde es auch als Nordtor bezeichnet. Als ich dort ankam, war ich beeindruckt von diesem mächtigen Stadttor mit seinem großen Torbogen, das zu einer der Sehenswürdigkeiten und dem Wahrzeichen Southamptons zählt. Das Stadttor war Teil der Stadtbefestigung, den sogenannten Town Walls, und diente zur Verteidigung gegen Angriffe von Feinden. So hielt das Bargate Eindringlinge fern und alle Fremden, die nachts hinter den verriegelten Toren zurückblieben, konnten in den Gasthäusern entlang der Above Bar Street Nahrung und Unterkunft finden. Das imposante Tor wird durch eine Statue von König Georg III., der in eine römische Toga gewandet ist, geziert. Während des 12. Jahrhunderts war dieses nördliche Tor zur mittelalterlichen Stadt ein einziger Torbogen. Im 13. Jahrhundert kamen zwei runde Türme hinzu und im frühen 15. Jahrhundert wurde die Nordfront erweitert. Im Bargate befindet sich auch das Rathaus. Das Rathaus, das heute ein Museum ist, war früher das Verwaltungszentrum der Stadt und wurde für öffentliche Veranstaltungen und für Aufführungen genutzt. Southampton hatte ein Team von Artilleristen, die die Stadt verteidigten, und drei Kanonen waren im Bargate stationiert. Ich erkundete dieses historische Tor eine ganze Weile, bevor ich mich zu den mittelalterlichen Town Walls begab. Die mittelalterlichen Stadtmauern sind eine der besterhaltensten Stadtmauern Englands. Sie wurden nach dem Überfall der französischen Truppen 1338 im Auftrag von Georg III. erweitert und ausgebaut, um Southampton vor weiteren feindlichen Angriffen zu schützen. Ich startete meinen Rundgang durch die Altstadt vom Bargate aus und kam zum Watchpoint. Hier stand eine Figur, die über die mächtige Stadtmauer blickte. Diese steht symbolisch für eine Person, die im Falle eines Angriffs Alarm schlug. Dieser Punkt ist mit den Worten „In Gott ist meine Hoffnung R.B. 1605“ beschriftet. Danach ging es zu den „Vierzig Stufen“. Diese wurden 1853 entlang der Westmauer gebaut, um den Zugang zur Stadt zu erleichtern. Danach erreichte ich den Fangturm. Er war die letzte bedeutende Erweiterung der mittelalterlichen Stadtmauer und wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts für den Transport von Waffen gebaut. Wahrscheinlich befand sich eine Waffe in der gewölbten Kammer, die durch einen von drei umgekehrten „Schlüssellochkanonen“ abgefeuert werden konnte und einer größeren Waffe darüber. Während des Krieges von 1939 bis 1945 wurde auf dem Turm ein Flugabwehrmaschinengewehr angebracht. Dies war wahrscheinlich die letzte Nutzung der Stadtmauer zu Verteidigungszwecken. Ich schaute mir diesen Turm eine ganze Zeit an und war fasziniert von diesem antiken Verteidigungskonzept. Auf meinem Weg entdeckte ich eine Informationstafel für den Castle Garderobe Tower. Dieser Turm wurde Ende des 14. Jahrhunderts an der südwestlichen Ecke des Southampton Castle erbaut. Der Turm war ursprünglich dreistöckig und beherbergte im Erdgeschoss und im ersten Stock die Toilette für den Schlosssaal, die über eine Schleuse, die von der Flut sauber gespült wurde, ins Meer abfloss. Der Turm wurde zusammen mit der angrenzenden Stadtmauer im späten neunzehnten Jahrhundert abgerissen und heute erinnert an ihn nur noch eine Gedenktafel. Danach führte mich mein Weg zum Castle Gate, das einen direkten Zugang zur Stadt ermöglichte. Die Überreste seiner Trommeltürme, die das Haupttor zur mittelalterlichen Burg von Southampton flankieren, wurden 1961 durch archäologische Ausgrabungen entdeckt. Das Schloss selbst stand früher an der Stelle, an der sich heute ein zwölfstöckiger Wohnblock aus dem 20. Jahrhundert befindet. Die teilweise restaurierten Zwillingstrommeltürme wurden im späten 14. Jahrhundert an die Verteidigungsmauer des königlichen Schlosses angebaut und waren ursprünglich über 20 Fuß hoch. Es war faszinierend diese Verteidigungsanlage zu erkunden und ihre Geschichte anhand von Informationstafeln nachzulesen. Die antike Stadtmauer wurde in mehr als 300 Jahre langen Etappen errichtet und ihre Überreste bestimmen heute noch das Stadtbild von Southampton, die früher eine florierende Handelsstadt für Wolle und Wein war. Meine nächste Station war das Castle Watergate. Das Watergate von Southampton Castle wurde Ende des 14. Jahrhunderts erbaut, um den Zugang vom Schlosskai in das Innere des Schlosses zu beschränken. Der Durchgang durch das Tor wurde von einem Fallgitter und Holztüren kontrolliert. Das Tor wurde Ende des 19. Jahrhunderts teilweise restauriert, als die Strebepfeiler hinzugefügt wurden. Danach entdeckte ich das Castle Vault. Das Castle Vault ist ein Schlossgewölbe, in dem wertvolle Güter des Königs, wie zum Beispiel aus Bordeaux importierter Wein lagerten. Im Mittelalter mussten Weinhändler ihre Steuern in Wein bezahlen. Für jeweils zehn in den Hafen gebrachte Tonnen oder Fässer Wein wurde einer am Burgkai abgeladen und in das Gewölbe des Königs gebracht. Kaufleute lagerten den restlichen Wein in Gewölben unter ihren Häusern. Eine interessante Geschichte, die sich mir hier offenbarte und die allmächtige Stellung des Königs im Mittelalter zeigte. Danach führte mich mein Weg zum West Quay und Biddle´s Gate. Im Mittelalter war dies eine geschäftige Uferpromenade mit den Häusern reicher Kaufleute. Nach dem französischen Überfall im Jahr 1338 mussten die Kaufleute umziehen und die Mauern ihrer Häuser wurden blockiert, um die Stadtmauern zu errichten. Noch heute erkennt man die Umrisse der mittelalterlichen Türen und Fenster. Das Biddle´s Gate wurde nachts abgeschlossen, um die Angreifer fernzuhalten, und mit großem Aufwand gewartet. Im Jahr 1489 wurde ein neues Schloss für fast 600 Pfund gebaut, um Southampton noch sicherer zu machen. Meine nächste Station bildeten die Arkaden. An einem ruhigen Sonntagmorgen im Oktober 1338 fuhren 50 Schiffe lautlos in den Hafen von Southampton ein, während sich die Einwohner der Stadt in der Kirche befanden. Französische und genuesische Soldaten und Söldner stürmten die Stadt, griffen die Bewohner an, plünderten ihre Besitztümer und steckten Gebäude in Brand. Als Edward III. von der Razzia und dem Verlust seines Weines und Wolle hörte, befahl er wütend eine Mauer zu bauen, die zum Schutz vor zukünftigen Angriffen errichtet werden sollte. Die Händler waren gezwungen, den Eingang zu ihren Lagerhäusern am Kai zu blockieren, um die heutige Verteidigungsarkade zu bauen. Ich war beeindruckt von diesen massiven Arkaden und bestaunte sie eine ganze Weile. Meine nächste Station bildete die Blue Anchor Lane. Diese wurde benutzt, um importierte Waren vom Kai in die mittelalterliche Stadt und zum Markt am St. Michael Platz zu bringen. Der Steinbogen ist Teil der Stadtmauer und der Fallgatterschlitz ist weiterhin sichtbar. Danach entdeckte ich das Westgate mit seinem Denkmal für die Mayflower und die Speedwell, die auf ihrer Fahrt nach Amerika 1620 im Hafen einen Zwischenstopp einlegten. Das Westgate wurde nach dem französischen Überfall von 1338 erbaut und war ein wichtiger Eingang in die mittelalterliche Stadt. Dieses wichtige Westtor führte direkt zum Westkai, der jahrhundertelang der einzige Handelskai war, den die Stadt besaß. Durch diesen Torbogen marschierten 1415 einige Heere Heinrichs V. auf dem Weg nach Agincourt. Ich war überwältigt von dieser raffinierten Verteidigungsanlage und deren Geschichte. Die historischen Reste der Stadtmauer hatte bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen und ich hatte Einblicke in die Stadtgeschichte Southamptons bekommen. Mir wurde das erste Mal die große Bedeutung dieser Stadt und ihres Hafens im Mittelalter bewusst. Die Stadt bietet übrigens regelmäßig geführte Rundgänge um die antike Stadtmauer mit ihrem wunderschönen Stadttor an. Ich war dankbar Southampton auf diese Weise neu kennengelernt zu haben und genoss meinen Geburtstag in dieser Stadt in vollen Zügen. In diesem Sinne viel Freude mit meinen Fotos vom prächtigen Stadttor, Bargate, und den mächtigen Town Walls. 🙂

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