Die Löwenbraut

Der 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering wird aufgrund seiner vier denkmalgeschützten Gasometer auch als Gasometer-City bezeichnet. Neben den beeindruckenden Gasometern befindet sich auch der Wiener Zentralfriedhof dort, auf dem berühmte Persönlichkeiten wie die weltbekannten Komponisten Franz Schubert und Ludwig van Beethoven ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Auf diesem Areal gibt es das wohl skurrilste Museum Wiens, das Bestattungsmuseum. Dieses gibt Einblicke in die Bestattungs- und Friedhofskultur der vergangenen Jahrhunderte. Die Weltstadt Wien ist bekannt für ihr besonderes Verhältnis zum Tod und der „schönen Leich“, einem opulenten Begräbnis, das gleichzeitig auch die Lebensphilosophie der Wiener verkörpert, die das Leben genauso wie den Tod zelebrieren. Eine solch opulente Feier auf das Leben fand auch auf dem Schloss Neugebäude in Simmering anlässlich der Geburt der kleinen Prinzessin des Kaisers Maximilians II. 1590 statt. Das Schloss, das der Kaiser Rudolf II. 1587 mit einer Menagerie mit wilden Tieren an der Stelle errichten ließ, an der einst bei der ersten Türkenbelagerung Wiens das Zelt des Sultans Soliman stand, wurde festlich geschmückt und zahlreiche Adelsfamilien waren beim kaiserlichen Familienfest eingeladen, um dieses Ereignis im großen Festsaal gebührend zu feiern. Stellvertretend für alle geladenen Gäste sprach die vierjährige Tochter Berta des Tierwächters der Menagerie als Schutzgeist Österreichs verkleidet und mit Blumenstrauß in der Hand für die kleine Prinzessin Glückwünsche aus. Daraufhin jubelten die Gäste, die Kanonen donnerten und die Trompeten ertönten. In diesem Augenblick stürmte ein brüllender Löwe in den Festsaal, der aus seinem Käfig geflohen war. Panik brach unter den Gästen aus und die Wachen eilten herbei, um das Tier zu erschießen. Just in diesem Moment sprang Berta dazwischen und flehte die Wachen an den Löwen nicht zu töten. Sie versprach ihn wieder in seinen Käfig zurückzuführen. Zum Erstaunen aller Gäste folgte ihr der Löwe wie ein frommes Lamm und kehrte artig in seinen Käfig zurück. Der Kaiser und alle Anwesenden waren überrascht und glaubten an ein Wunder. Doch Bertas Vater klärte alle auf, dass Berta den Löwen schon seit zwei Jahren kenne und er ihr aufs Wort gehorche. Der Kaiser schenkte Berta aus Dank für ihren Mut den Löwen und gab ihr den Namen Löwenbraut. Seitdem verging kaum ein Tag an dem Berta nicht den Löwen in seinem Käfig besuchte. Dieser freute sich immer sehr, wenn Berta ihn herzte. Viele Jahre strichen ins Land und aus Berta wurde eine junge, hübsche Frau, die sich mit einem jungen Hauptmann der kaiserlichen Reiterei verlobt hatte. Da die Hochzeit bevorstand und Berta sehr mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt war, besuchte sie den Löwen kaum noch. Dieser war darüber todtraurig. Am Tag ihrer Hochzeit wollte sie sich endgültig von ihm verabschieden. In ihrem Brautkleid ging sie zu ihm in den Käfig. Sie graulte ihn und versprach ihn nie zu vergessen. Als sie aus dem Käfig gehen wollte, entdeckte der Löwe ihren Bräutigam davor. Aus Zorn darüber versperrte er ihr den Weg. Berta bat den Löwen sie gehen zu lassen. Doch dieser war so wütend über den wartenden Nebenbuhler, dass er Berta mit einem Prankenhieb tot zu Boden streckte. Bertas weißes Brautkleid färbte sich durch ihr Blut rot und der Löwe legte sich neben sie. Er wusste, welches Schicksal ihn nun ereilte. Willenlos ließ er sich von ihrem völlig entsetzten Bräutigam erschießen. Nun war der Löwe im Tod mit seiner geliebten Berta vereint. Der junge Mann hingegen erholte sich nie wieder von diesem erbarmungslosen Schicksalsschlag. Seine Lebensfreude war dahin. So die tragische Legende von der Löwenbraut, in der wie so oft der Tod die Welt neu ordnet. Euch wünsche ich ein heiteres Vergnügen mit meinen Fotos vom Wiener Bestattungsmuseum in Simmering. 🙂

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