Tödlicher Sex

Isabella Müller Bruchsal Schloss Heidelberg @isabella_muenchen

Einer der größten Justizirrtümer in Deutschland war der Fall von Hans Hetzel, der 14 Jahre seines Lebens unschuldig im Gefängnis verbringen musste. Doch wie konnte dies passieren? Der gelernte Metzger und verheiratete Familienvater Hans Hetzel hatte am 1. September 1953 am Bahnübergang von Hofweier gegen 14 Uhr eine junge Frau namens Magdalena Gierth, die als Anhalterin unterwegs war, in seinem BMW mitgenommen. Magdalena Gierth war eine 1,60 Meter große Frau mit roten Locken, die am besagten Tag ein grünes Kleid trug und deswegen Hans Hetzel sofort aufgefallen war. Hans Hetzel war ein Schürzenjäger, der seit Kriegsende diverse Jobs ausübte, zuletzt verdiente er den Lebensunterhalt für seine Familie als Vertreter von Fußballspiel-Automaten, die er an Firmen auf Provisionsbasis verkaufte. Mit Magdalena Gierth fuhr Hetzel zunächst zur Firma Burger nach Münchweier, um dort noch ein paar Angelegenheiten zu klären. Danach setzte er die Spritztour mit Magdalena Gierth, die beabsichtigte ihr Geld als Bardame zu verdienen, weiter. Da die junge Frau an Geldmangel litt, kaufte ihr Hetzel kurzerhand ihre Beuteltasche für 6 Mark ab, um diese später seiner Ehefrau Käthe zu schenken. Gegen 20 Uhr kehrte Hetzel in Triberg im „Hotel über dem Wasserfall“ ein, um mit Magdalena Gierth etwas zu essen. Danach setzten sie die Fahrt fort und kehrten im „Gasthaus zum Engel“ ein, wo sie einen halben Liter Wein tranken. Etwas beschwipst fuhren sie anschließend in Richtung Hausach. Kurz nach dem Bahnübergang bogen sie rechts auf einen freien Platz ab. Dann kam es zu Küssen und zum einvernehmlichen Sex. Nachdem Vaginalverkehr, kam es zum Analverkehr, bei dem Magdalena Gierth plötzlich leblos zusammensackte. Hetzel, der wegen einem Unfall mit Todesfolge eines 5-jährigen Jungen vorbestraft war, geriet in Panik. Deshalb fuhr er mit der Leiche der jungen Frau zu einem Autobahnabschnitt, an dem bereits Frauenleichen aufgefunden wurden. Am 3. September 1953 gegen 19.30 Uhr entdeckte der Jagdaufseher Bäuerlein aus Windschläg die nackte Frauenleiche an der Bundesstraße 28 zwischen Appenweiler und Sand. Da dies bereits die dritte Frauenleiche auf diesem Abschnitt der Bundesstraße innerhalb von vier Jahren war, rätselte die Polizei und Öffentlichkeit, ob es sich womöglich um einen Serienmörder handelte. In der Zwischenzeit saß Hans Hetzel seit dem 6. September 1953 wegen eines beim Amtsgericht Hünfeld anhängigen Strafverfahrens im Landesgefängnis Offenburg ein. Als ihm am Morgen des 7. September ein Mithäftling eine Zeitung zum Lesen gab, entdeckte er einen Artikel über die gefundene Frauenleiche der Monika Gierth. Daraufhin meldete sich Hetzel sofort in der Haftanstalt, um eine Aussage zu machen. Er konnte nicht ahnen, dass dies ihn 14 Jahre seine Lebens kosten würde. Denn Hetzel galt als Lebemann, der trotz Ehefrau und Kind nichts anbrennen ließ. Während seinem Wehrdienst geriet der große, schlaksige Hetzel bei den Franzosen in Gefangenschaft. 1945 wurde er befreit und absolvierte eine Metzgerlehre im Offenburger Schlachthof. Danach arbeitete er als Kraftfahrer. Dort baute er 1947 einen Unfall, bei dem ein 5 Jahre alte Junge starb. Hetzel, der schuld am Unfall war, musste einen Monat ins Gefängnis und 300 Mark Entschädigung an die Eltern zahlen. Danach betrieb er zusammen mit seiner Mutter eine Gastwirtschaft. Zwar lief diese gut, aber seine Passion galt schon immer Autos, weshalb er 1948 ein Fuhrunternehmen gründete. Die Schulden wuchsen und Hetzel fing sich deshalb mehrere Vorstrafen wegen Betrugs ein. Danach versuchte sich Hetzel wieder als Gastwirt und kaufte eine Baukantine in Offenburg. Doch Hetzel begab sich lieber mit seinen Bekannten auf Sauftouren und vergnügte sich mit jungen Frauen, als sich um die Kantine zu kümmern. Was dazu führte, dass die Kantine schnell Geschichte war und Hetzel wegen Betrug und Diebstahl 1951 für 5 Wochen in Haft landete. Danach begab sich Hetzel, der gern mit seinem großen Penis prahlte, wieder auf Frauenfang. Kein Rock war vor ihm sicher. Schließlich heiratete Hetzel im Oktober 1951 Katharina Margarete Elisabeth Schmieder, genannt Käthe. Diese war eine sehr junge Frau, die aus einer Professorenfamilie stammte und den Lebemann Hetzel einfach anhimmelte. Bald darauf erblickte der gemeinsame Sohn Roland das Licht der Welt. Hetzel arbeitete ab 1952 erneut als Kraftfahrer und pachtete im Oktober 1952 einen Steinbruch in Durbach. Doch Hetzel, der zwei Angestellte hatte, verbrachte die Zeit lieber in der Kneipe und mit Frauenbesuchen als im Steinbruch zu arbeiten. Bereits nach zwei Monaten musste Hetzel auf Anordnung des Landratsamtes mangels Zuverlässigkeit seinen Steinbruch wieder schließen. Daraufhin übernahm Hetzel ab Juli 1953 den Vertrieb von Sportspielgeräten. Natürlich passte Hetzels Lebensstil nicht in das Weltbild des heilen Familienvaters, weshalb ihm die Polizeibeamten seine Aussagen über den plötzlichen Tod von Monika Gierth beim Analsex nicht glaubten. Es kam zum Prozess und Hetzel wurde zum triebhaften Lustmörder gemacht. Dies ging zumindest aus dem Gutachten des hoch angesehenen Mediziners Professor Albert Ponsold hervor. Dieser galt als Koryphäe der westdeutschen Gerichtsmedizin, der Direktor des Instituts für Gerichtliche Medizin der Universität Münster war. Sein Gutachten basierte ausschließlich auf Amateurfotografien, auf denen er angeblich erkannte, dass Monika Gierth erwürgt worden war und das mit einem Kälberstrick. Auf diese Annahme kam Ponsold, da Hetzel einst Fleischer gelernt hatte. Obwohl alle anderen Gerichtsmediziner und Gutachter von einem natürlichen Tod durch Herzversagen ausgingen, wurde Hetzel allein durch dieses Gutachten am 17. Januar 1955 zu lebenslangem Gefängnis in Bruchsal verurteilt. Sowohl seine Revision wurde verworfen, als auch zwei Wiederaufnahmeanträge mit elf weiteren Gutachten, die Ponsolds Version widersprachen, wurden abgelehnt. Erst durch das Gutachten von Prof. Dr. Otto Prokop, Direktor des Instituts für Gerichtliche Medizin der Humboldt-Universität zu Berlin, konnte Hetzels Unschuld bewiesen werden. Dafür hatte sich der Journalist Frank Arnau entschieden eingesetzt. So konnte 1969 mithilfe von Prof. Dr. Otto Prokop bewiesen werden, dass die angeblichen Würgemale erst nach dem Tod entstanden waren und von einer Astgabel stammten, in der Monika Gierths Kopf nach dem Tod lag. Die junge Frau war durch einen Schwangerschaftsabbruch und einer unmittelbar überwundenen Syphilis geschwächt. Beim heftigen Analverkehr erlitt sie durch eine Lungenembolie einen plötzlichen Herztod. Hans Hetzel wurde freigesprochen und erhielt 75.000 DM Entschädigung. Zwar heiratete er nach seiner Scheidung 1974 ein zweites Mal und wurde Vater von zwei Kindern. Doch er kam nie wieder gesellschaftlich und geschäftlich auf die Beine. Er war durch den Prozess gezeichnet und starb 1988 an Krebs. Seiner Familie hinterließ er einen Schuldenberg von 560.000 Mark. Bis heute sorgt dieser Justizirrtum für reichlich Film- und Lesestoff. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Bruchsal, in dessen Gefängnis Hans Hetzel 14 Jahre lang unschuldig inhaftiert war. 🙂

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