Die legendären Streiche des Wiener Goldfüllfederkönigs

Isabella Müller @isabella_muenchen Wien

Eine echte Wiener Kultfigur war Ernst Heinrich Winkler. Dieser schon krankhaft geltungssüchtige Geschäftsmann mit reichlich krimineller Energie ging durch seine sensationellen Streiche, die er Mystifikationen nannte und aufgrund der Tatsache, dass er am Kohlmarkt 5 und später am Hohen Markt 5 ein Schreibwaren- und Füllfedergeschäft besaß, ins Wiens Geschichte als der Goldfüllfederkönig ein. Seine Mystifikationen verübte er stets unter adeligen Namen, da er insgeheim davon träumte, selbst Aristokrat zu sein. Darum verkleidete er sich 1911 als Graf und mietete sich ein Automobil. In diesem fuhr er zusammen mit seinem Bruder, der sich als sein Diener verkleidet hatte, zum königlichen Hofjuwelier nach Dresden. Dort wies er sich per Visitenkarte als Graf Henckel, Freiherr von Donnersmarck aus, der Schmuck für seine Tochter aussuchte, den ihm der Juwelier auf sein angebliches Schloss bringen sollte. Doch der Juwelier alarmierte die Polizei und Winkler wurde 1912 wegen schwerer Urkundenfälschung zu 6 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Anno 1914 begnadigte ihn der sächsische König. Unter dem Namen Graf Henckel, Freiherr von Donnersmarck, verübte er auch einer seiner bekanntesten Streiche. Dieser ereignete sich auf dem kleinen Berg Anninger bei Mödling. Dort wurde im September 1926 ein kleiner Koffer gefunden, auf dessen Rückseite eine Visitenkarte mit dem Aufdruck „Graf Henckel Freiherr von Donnersmarck, Fideikommißherr auf Beuthen“ mit der Notiz, dass dieser im Wald sich umgebracht hatte und der Finder der Leiche 100.000 Goldmark erhalte, stand. Natürlich suchte daraufhin nicht nur die Polizei, sondern Heerscharen von Menschen nach der Leiche. Dies hörte erst auf, als Winkler sich als Verfasser des Schreibens zu erkennen gab. Winkler nutzte das öffentliche Interesse werbewirksam für seine Geschäfte, die durch seine Berühmtheit stets gut besucht wurden. Auch vor Kriminalfällen machte Winkler keinen Halt. So nutzte er den Mord der Geheimen Medizinalratswitwe Josefine Molitor am 6. November 1906 für einen weiteren Streich. Diese war von hinten auf der Kurpromenade in Baden-Baden erschossen worden. Ihr Schwiegersohn, der Rechtsanwalt Karl Hau, wurde als ihr Mörder zum Tode verurteilt. Dieses umstrittene Urteil wurde in lebenslange Haft umgewandelt und Karl Hau wurde nach 17 Jahren begnadigt. Bedingung war, dass es keine mediale Vermarktung gab. Doch mit der Veröffentlichung von zwei Broschüren und einem geplanten Film, verstieß Hau gegen die Auflagen, weshalb die Bewährung aufgehoben wurde. Karl Hau flüchtete nach Italien, um einer erneuten Haft zu entgehen und brachte sich schließlich 1926 in Italien um. Winkler schrieb im Dezember 1926 einen Brief an die Staatsanwaltschaft Karlsruhe, die damals zuständig für den Fall Hau war. In diesem Brief, den Winkler in Salzburg aufgegeben hatte, gestand ein anonymer Verfasser die Witwe Josefine Molitor getötet zu haben. Einen zweiten Brief schickte er von Semmering aus an die Karlsruher Polizeibeamten. In diesem schilderte er den Tathergang. Winkler konnte anhand von einem Handschriftenabgleich als Verfasser identifiziert werden. Als Grund für diese Tat gab Winkler an sich für seine Verurteilung 1911 an den deutschen Behörden rächen gewollt zu haben. Winkler wurde wegen Irreführung der Behörden angezeigt. Danach mischte er sich in den Fall Marek an und sorgte mit einem anonymen Brief 1927 ebenfalls für große Verwirrung. Das Ehepaar Marek musste sich im April 1927 wegen versuchten Versicherungsbetrugs vor dem Landgericht Wien verantworten. Ihrem Mann wurde vorgeworfen sich selbst sein Bein abgehackt zu haben, um die Versicherungssumme zu kassieren. Winkler behauptete als anonymer Verfasser, dass es kein Unfall war und er als Mittäter geholfen hatte, das Bein abzutrennen. Das Ehepaar wurde jedoch freigesprochen. Winkler hatte jedoch Blut geleckt und verfasste immer wieder anonyme Briefe. Jahrelang hielt er so die Polizei und das Strafgericht auf Trab und durfte aufgrund seiner Mystifikationen oftmals das Zuchthaus besuchen. Stadtbekannt wurde er durch seine Aktion anlässlich des Justizpalastbrandes 1927, die auch als Julirevolte in Wien bezeichnet wird. Diesem ging der ungerechte Freispruch von drei Mitgliedern der Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreich voraus, die in Schattendorf bei einem Zusammentreffen mit Sozialdemokraten zwei Menschen getötet hatten. Dies führte zu heftigen Auseinandersetzungen der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterschaft und der Staatsmacht. Dabei war der Polizeipräsident Johann Schober heftigen Attacken ausgesetzt. Sein Gegner Karl Kraus ließ ihn durch unzählige Plakate, in dem er seinen Rücktritt forderte, öffentlich an den Pranger stellen. Dies nutzte Winkler und entwarf eine werbewirksame Gegenaktion, in dem er forderte, dass Schober nicht zurücktrete. Durch diesen genialen Schachzug war Winkler am Zenit seiner Karriere angelangt, die er mit der Eröffnung einer Filiale am Hohen Markt 5 krönte. Kurz danach drohte er 1928 mit einem Attentat auf die Opernredoute, was ihm einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik einbrachte. Seine Streiche weiteten sich immer mehr aus und so erweiterte sich sein Strafregister bald auch noch um die Anklagepunkte Hehlerei und illegaler Waffenbesitz. Selbst in die Politik wagte sich Winkler, der 1931 zur Bundespräsidentenwahl antreten wollte. 1934 brachte ihm die Vortäuschung des Selbstmords von „Jaroslav von Zumpferl“ abermals eine Haftstrafe ein. Während des Nationalsozialismus betrieb Winkler Schwarzmarktgeschäfte. Aufgrund des Verstoßes gegen das Devisen- und Zollgesetz wurde er als Volksschädling am 22. Januar 1945 erneut zu 6 Jahren Zuchthaus und einer Geldstrafe von 300.000 Reichsmark verurteilt. Winkler wurde jedoch am 6. April 1945 befreit. Er behauptete ein Widerstandskämpfer zu sein und reichte ein Gnadengesuch ein, weshalb seine Strafe 1947 auf 1,5 Jahre geändert wurde. Danach kam der tiefe Fall, denn Winkler soll kleine Mädchen in seine Geschäfte mit Geschenken gelockt haben, um sich an diesen zu vergehen. Dafür wurde er 1947 zu 15 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Anno 1952 kam es wegen Schändung von minderjährigen Mädchen erneut zu einer Verurteilung. Diesmal zu fünf Jahren schweren Kerkers mit Verschärfung durch hartes Lager. Dies hinderte Winkler nicht 1958 einen Brief an die deutsche Staatsanwaltschaft zu schreiben. In diesem gestand ein anonymer Verfasser den Mord an der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt und einer weiteren Prostituierten. Damit machte Winkler zum letzten Mal Schlagzeile. Winkler, der von einer kleinen Sozialrente lebte, starb am 21. Juni 1974 im Versorgungsheim Lainz an Magenkrebs. Doch als Wiener Original lebt diese tragische Figur bis heute weiter. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos vom Kohlmarkt, wo Ernst Heinrich Winkler, der selbsternannte Goldfüllfederhalter, einst sein erstes Geschäft eröffnet hatte. 🙂

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