Im Jahr 1942 geriet Melbourne in den eisernen Griff des sogenannten „Brown-outs“. Die Straßenlichter wurden gedimmt, um die Stadt vor Angriffen aus der Luft zu schützen. Doch es war nicht nur das bedrohliche Dröhnen feindlicher Flugzeuge, das die Stadt in Angst und Schrecken versetzte. In den düsteren Schatten dieser Zeit lauerte ein noch viel schrecklicheres Monster: Edward „Eddie“ Joseph Leonski, bekannt als der „Brown-out-Würger“. Edward Joseph Leonski war ein US-Soldat, der nach dem Angriff auf Pearl Harbor in Melbourne stationiert war. Auf den ersten Blick schien Leonski ein geselliger Kamerad und gutaussehender GI zu sein, doch bei näherem Hinsehen entpuppte er sich als ein Mann mit einem dunklen Geheimnis. Seine exzessiven Trinkgewohnheiten ließen ihn häufig in eine andere, gefährliche Persönlichkeit abrutschen, die insbesondere Frauen gegenüber aggressiv wurde. Am frühen Morgen des 3. Mai 1942 wurde die Leiche der 40-jährigen Ivy McLeod gefunden. Sie war teilweise nackt, brutal geschlagen und erwürgt worden. Ihr Mörder hatte außerdem ihren Körper in anstößigen Posen drapiert. Zeugen berichteten, sie zuletzt in Begleitung eines US-Soldaten gesehen zu haben. Die brutale Art und Weise, wie Ivy ums Leben kam, löste Panik unter den Einwohnern Melbournes aus und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Nur drei Tage später wurde eine weitere Frau tot aufgefunden. Diese war die 31 Jahre alte Pauline Thompson, die nicht nur vergewaltigt und getötet, sondern deren Körper wie bereits bei Ivy in obszönen Posen drapiert worden war. Die Verletzungen wiesen darauf hin, dass der Täter große Hände und immense Kraft hatte – beides Merkmale, die auch auf Leonski zutrafen. Kurz darauf gestand Leonski einem anderen Soldaten, zwei Frauen getötet zu haben. Als dieser ihn aufforderte, sich zu stellen und auf vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren, lehnte Leonski ab. In den folgenden Tagen trieb Leonski weiterhin sein Unwesen. In der Nacht des 18. Mai fand der australische Soldat Neil Seymour Leonski völlig verschlammt und nach Orientierung suchend. Nur wenige Stunden zuvor war die dritte Leiche einer 41 Jahre alten Frau namens Gladys Hosking gefunden worden, in einem schlammigen Graben nahe des Camps. Neben den drei Morden hatte Leonski mindestens vier weitere Frauen attackiert, die ihm jedoch entkommen konnten. Dies wurde Leonski schließlich zum Verhängnis. Denn eines seiner Beinahe-Opfer konnte dank dem beherzten Eingreifen ihres Onkels entkommen. Dieser entdeckte bei einer der Identifizierungsparaden im Camp Pell zufällig Leonski, der sofort Alarm schlug, so dass Leonski in Gewahrsam genommen wurde. Die Verhandlung gegen Leonski wurde vom US-Militär geführt – ein Präzedenzfall, da erstmals eine Person in Australien von einem ausländischen Militärtribunal wegen eines zivilen Verbrechens verurteilt wurde. Leonski wurde für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Während des Prozesses kamen interessante Details ans Licht. Zeugen berichteten, dass sich Leonskis Stimme veränderte, wenn er betrunken war und dass er erschreckende Dinge über Poltergeister, Werwölfe und Dämonen von sich gab. Er sprach oft mit sich selbst, oder es schien, als würde er mit einer unsichtbaren Person kommunizieren. Sogar seine Kindheit war geprägt von Gewalt und Missbrauch durch seinen alkoholabhängigen Vater, der ihn regelmäßig windelweich schlug. Leonski war in einem dysfunktionalen Haushalt aufgewachsen und hatte einen Bruder, der in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden war. Psychologen, die Leonski untersuchten, stellten fest, dass er von einer obsessiven, kontrollierenden Mutter dominiert wurde, was ihn möglicherweise zu seinen grausamen Taten trieb. Seine Morde wurden als „symbolischer Muttermord“ gewertet. Edward Joseph Leonski wurde am 12. Dezember 1917 in Kenvil im US-Bundesstaat New Jersey als sechster Sohn russisch-jüdischer Immigranten geboren. Er galt als Muttersöhnchen, der von seiner Mutter abends in den Schlaf gesungen wurde, was seine Vorliebe für Frauenstimmen erklärte. Nach kurzen Phasen verschiedener Tätigkeiten und nach einem Angriff auf eine Frau in San Antonio, der ungesühnt blieb, wurde er im Februar 1941 in die US-Armee eingezogen und kam am 2. Februar 1942 nach Melbourne, wo 15.000 Soldaten im Camp Pell stationiert waren. Zuerst schien alles normal, bis die erschreckenden Vorfälle begannen. Ivy Violet McLeod, Pauline Thompson und Gladys Hosking wurden innerhalb weniger Wochen brutal ermordet. Leonski gestand schließlich die Morde und wurde am 17. Juli 1942 zum Tod durch Hängen verurteilt. Am 9. November desselben Jahres wurde das Urteil in Pentridge Prison vollstreckt. Leonskis Verbrechen hinterließen tiefe Spuren in der Gemeinschaft und riefen Furcht und Misstrauen hervor. Die Tatsache, dass Leonski seine Morde damit begründete, die Stimmen seiner Opfer „besitzen“ zu wollen, fügte dem Ganzen eine noch schaurigere Dimension hinzu. Obwohl er vor ein US-Militärgericht gestellt wurde, bleibt Edward Joseph Leonski ein Name, der in Australien für immer mit den schrecklichen Ereignissen des Jahres 1942 verbunden sein wird. Sein Grab befindet sich heute auf einem Militärfriedhof auf der Insel O’ahu im US-Bundesstaat Hawaii, in einem abgelegenen Bereich für Gefangene, die in militärischer Haft starben. Die Geschichte des „Brown-out-Würgers“ ist eine düstere Erinnerung daran, wie tief sich das Böse in die menschliche Psyche eingraben kann und welch grausame Taten daraus resultieren können. Auch Jahrzehnte später bleibt diese Geschichte eine mahnende Erzählung zur Vorsicht und Wachsamkeit in Zeiten des Krieges und darüber hinaus. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Melbourne. 🙂
Der Horror von Melbourne: Der „Brown-out-Würger“

