Während die Gräueltaten von Jack the Ripper, der 1888 fünf Frauen in Londons Whitechapel ermordete, weltweite Berühmtheit erlangten, verblassen sie im Vergleich zu den abscheulichen Verbrechen von Earle Leonard Nelson, einem amerikanischen Serienmörder, der in den 1920er Jahren über Nordamerika hinweg eine blutige Spur zog. Sein brutales Vorgehen und seine erschreckende Effektivität machten ihn zum wohl berüchtigtsten Killer seiner Zeit, lange bevor Namen wie Ted Bundy oder John Wayne Gacy Schlagzeilen machten. Earle Leonard Nelson aufgrund seines physischen Erscheinen als großer, kräftiger Mann und seines rüden Verhaltens als „Gorilla-Killer“ bezeichnet, wurde am 12. Mai 1897 in San Francisco als einziges Kind von Jams Ferrel und Frances Nelson geboren. Seine frühen Jahre waren geprägt von Tragödien und Isolation. Als Kind verlor er beide Eltern innerhalb eines Jahres an Syphilis und wuchs bei seinen streng religiösen Großeltern Lars und Jennie Nelson auf. Diese stellten Sex als sündhaft dar und lebten nach einem puritanischen „Feuer und Verdammnis“-Ethos, das Nelson nachhaltig prägte. Der psychische Schaden war offensichtlich: Er war ein stiller und unterwürfiger Junge, unfähig, sich zu verteidigen oder normale soziale Kontakte zu knüpfen. Sein Leben nahm einen weiteren Wendepunkt, als er mit zehn Jahren schwer verletzt wurde: Bei einem Fahrradunfall stieß er mit einem Straßenbahnwagen zusammen, erlitt eine Kopfverletzung und war sechs Tage lang bewusstlos. Obwohl er äußerlich genesen schien, berichtete er später häufig von Kopfschmerzen und Gedächtnisverlust – Symptome, die möglicherweise frühe Anzeichen einer neurologischen Schädigung waren. Diese intensivierten sich nachdem er später abermals eine Kopfverletzung durch einen Sturz von einer Leiter erlitt. Seitdem hatte er seltsame Visionen und hörte Stimmen. Als Nelson 14 Jahre alt war, starb seine Großmutter, sodass er fortan bei seiner Tante Lillian und deren Ehemann lebte. Nelsons kriminelle Laufbahn begann früh. Bereits 1915 wurde er zu 2 Jahren Haft im Staatsgefängnis an Quentin verurteilt, da er in eine Hütte eingebrochen war, die er für verlassen hielt. Nelson, der als Tagträumer galt, versuchte sein Glück bei der US-Marine. Doch aufgrund seines unberechenbaren Verhaltens, wurde er in die Nervenheilanstalt Napa eingewiesen, von der er dreimal flüchtete. Als Nelson 21 Jahre alt war, fing er mit sexuellen Übergriffen an. Sein erstes Opfer wurde ein 12 Jahre altes Mädchen namens Mary Summer, das er versuchte in San Francisco zu missbrauchen, doch ihre Schreie und ihr Bruder, der ihr zur Hilfe eilte, vertrieben ihn. Daraufhin wurde Nelson erneut in das Napa State Hospital für Geisteskranke eingewiesen, wo Ärzte bei ihm eine „konstitutionelle psychopathische Störung“ diagnostizierten – eine damals unheilbare Krankheit. Doch das Krankenhaus erwies sich als unfähig, ihn zu halten. Nelson floh mehrfach und wurde schließlich auf dem Papier entlassen, während er weiterhin frei herumlief. Auf einer seiner Fluchtversuche hatte er die eine 36 Jahre ältere Frau namens Mary Martin, eine alte Jungfer, die in einer Hauswirtschaftsabteilung in einem Krankenhaus arbeitete, geheiratet. Aber bereits nach 6 Monaten war die Ehe schon wieder Geschichte. Nelsons Verhalten verschlimmerte sich zunehmend, und ab Februar 1925 begann er mit seiner abscheulichen Mordserie. Nelson entwickelte eine grausame Routine: Er suchte gezielt Häuser mit „Zimmer zu vermieten“-Schildern auf, gab vor, ein Interessent zu sein, und nutzte die Gelegenheit, wenn die Bewohnerinnen allein waren. Er strangulierte seine Opfer, verging sich an ihren Leichen und versteckte sie anschließend unter Betten oder Möbeln. Schmuck und Kleidung stahl er, um sie zu verkaufen und seine Flucht zu finanzieren. Dieser Modus Operandi brachte ihm den grausamen Spitznamen „Gorilla-Killer“ oder „The Dark Strangler“ ein. Nelsons Mordserie begann am 20. Februar 1925, als er die 62 Jahre alte Clara Newman in San Francisco strangulierte. Nur zwei Wochen später ermordete Nelson Laura Beal. Innerhalb weniger Wochen folgten weitere Opfer. Alle wurden auf ähnliche Weise getötet, und die Polizei bemerkte schnell Muster in den Verbrechen: stranguliert, sexuell missbraucht und mit einem spezifischen Seemannsknoten gefesselt. Die brutale Spur erstreckte sich bald auf die gesamte USA, von San Francisco über Chicago bis hin zu Portland und weiter nach Kanada. Nelson war ein Meister der Flucht. Er reiste per Autostopp, zahlte für Unterkünfte mit gestohlenem Geld und wechselte ständig seine Kleidung, die er aus Second-Hand-Läden bezog. Manche seiner Opfer, wie Mary Sietsema aus Chicago, mussten ihren brutalen Tod erleben, als sie einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Im Juni 1927 erreichte Nelson Winnipeg, nachdem er sich zuvor in einer Reihe kleinerer Städte aufgehalten hatte. Hier setzte er seinen mörderischen Plan fort. Am Abend des 10. Juni ermordete er die 14-jährige Lola Cowan, indem er sie mit einer Stoffbahn strangulierte, sich an ihrer Leiche verging und diese dann auf bestialische Art und Weise verstümmelte. Nur Stunden später tötete er die junge Hausfrau Emily Patterson, die ihm eine Unterkunft gegeben hatte, indem er ihr mit einem Hammer auf den Kopf schlug und sie anschließend erwürgte. Die Brutalität seiner Taten zog die Aufmerksamkeit der kanadischen Behörden auf sich, und ein groß angelegtes Fahndungsprogramm wurde gestartet. Die Polizei in Winnipeg stellte einen Zusammenhang zwischen Nelson und früheren Morden in den USA und Kanada her, was die Medien dazu brachte, ihn als „den wandernden Würger“ zu bezeichnen. Die öffentliche Angst breitete sich aus – niemand fühlte sich sicher, solange Nelson frei war. Am 13. Juni 1927 wurde Nelson in Wakopa endlich festgenommen. Doch selbst in Gewahrsam blieb er gefährlich. Mit einer improvisierten Nagelfeile entkam er kurzzeitig aus seiner Zelle, wurde jedoch schnell wieder eingefangen. Seine Festnahme wurde in Winnipeg von einer aufgebrachten Menge von 4000 Menschen begleitet, die den „Gorilla-Killer“ sehen wollten. Nelson wurde schnell vor Gericht gestellt und wegen des Mordes an Emily Patterson verurteilt. Die Beweise waren überwältigend, darunter Fingerabdrücke und Augenzeugenberichte. Nach nur 48 Minuten Beratung befand eine Jury ihn des Mordes für schuldig. Er wurde ohne Berufungsmöglichkeit zum Tode verurteilt. Am Freitag, dem 13. Januar 1928, wurde Nelson schließlich gehängt. Der Mann, der in weniger als zwei Jahren über 26 Frauen ermordet haben soll, starb an der gleichen Stelle, an der er viele seiner letzten Verbrechen begangen hatte. Seine Grausamkeit und Effizienz machten ihn zu einem der berüchtigtsten Serienmörder der Geschichte. Earle Leonard Nelson bleibt eine dunkle Figur in der Geschichte des organisierten Verbrechens. Seine Mordserie offenbarte nicht nur die Schwächen und mangelnde Koordination der damaligen Polizeiarbeit, sondern auch die Abgründe menschlicher Gewalt. Selbst heute spekulieren Historiker über weitere mögliche Opfer, die nie offiziell als Nelsons Werk bestätigt wurden. Seine Morde brachten einen früher kaum bekannten Begriff in den Fokus der Öffentlichkeit: der Serienmörder. Sein Name mag durch jüngere Fälle wie die von Bundy und Gacy in den Hintergrund geraten sein, aber seine grauenhaften Taten bleiben ein Mahnmal für die Schrecken, zu denen Menschen fähig sind. In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Freude mit meinen Fotos von San Francisco. 🙂
Earle Leonard Nelson: Der Gorilla-Killer

