Die größte Fahndung in der Geschichte Australiens wurde durch die Flucht von den Häftlingen Kevin John Simmonds und Leslie Alan Newcombe aus dem Long Bay Gefängnis in Sydney ausgelöst. Diese Flucht und die damit einhergehende Jagd auf die beiden Insassen machte weltweit Schlagzeilen. Dies lag vor allem auch daran, dass Kevin Simmonds erst nach 37 Tagen auf der Flucht gefasst werden konnte, da er die Polizei immer wieder austrickste, was ihn zu einer Art Helden in der Bevölkerung werden ließ. Darum gilt Kevin John Simmonds, bekannt als „Simmo“, bis heute als eine der schillerndsten Figuren der australischen Kriminalgeschichte. Doch wer war dieser charismatische Ganove, der über 500 Polizisten, die ihn quer durch Australien jagten, an der Nase herumführte? Kevin wurde am 22. August 1935 in Sydney geboren. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf; sein Vater, John Simmonds, war Tagelöhner, und seine Mutter, Sheila Mary Simmonds, war gerade einmal 16 Jahre alt, als Kevin zur Welt kam. Die Familie führte ein Nomadenleben und zog jahrelang auf der Suche nach Arbeit durch New South Wales, bevor sie sich 1941 in Griffith niederließ. Mit einem Pferdewagen transportierte Kevins Vater landwirtschaftliche Erzeugnisse zu den Bahnhöfen der Region, um die Familie über Wasser zu halten. Die Kindheit des jungen Kevin war von Armut und Unsicherheit geprägt. In der Schule galt er als kluger Junge und erhielt den Spitznamen „Simmo“, doch die ersten Anzeichen seiner zukünftigen kriminellen Laufbahn zeigten sich schon früh. Im Alter von 14 Jahren wurde er wegen Diebstahls nach Boys’ Town in Engadine geschickt, einer Einrichtung für jugendliche Straftäter. Dort erlernte er nicht nur grundlegende schulische Fähigkeiten, sondern auch die „Kunst“ des Betrugs und des Verbrechens. Mit 18 führte ihn sein Weg erneut hinter Gitter – diesmal ins Mount Penang Training Center in Gosford, wo er wegen Einbruchs und anderer Delikte zwei Jahre verbüßte. Nach seiner Entlassung weiteten sich Simmos kriminelle Aktivitäten aus. Er entwickelte eine Leidenschaft für schnelle Autos und Fitness – beides Eigenschaften, die ihm später bei seinen Fluchtabenteuern zugutekommen sollten. Nur wenige Jahre nach seiner Rückkehr ins normale Leben geriet er wieder auf die schiefe Bahn. Nach einer Reihe von Einbrüchen, Autodiebstählen und bewaffneten Raubüberfällen wurde er 1957 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Doch dieser Aufenthalt hinter Gittern schreckte ihn nicht ab – ganz im Gegenteil. Nach seiner Entlassung im Februar 1959 löste Simmonds eine beispiellose Verbrechenswelle aus. Innerhalb weniger Monate häufte er so viele Anklagen an, dass es kaum vorstellbar war, dass ein einziger Mann für all das verantwortlich sein konnte. Mit drei Fällen von bewaffnetem Raubüberfall, 17 Einbrüchen und unglaublichen 35 gestohlenen Autos stand er erneut vor Gericht und wurde zu einer schweren Strafe verurteilt – 15 Jahre Haft – im berüchtigten Long Bay Prison. Am 9. Oktober 1959 gelang Simmonds zusammen mit seinem Mitgefangenen Leslie Alan Newcombe etwas, was nur sehr wenigen Häftlingen jemals gelungen war: eine Flucht aus der Hochsicherheitsabteilung von Long Bay. Die beiden flohen unter extrem riskanten Bedingungen und lieferten sich mit der Polizei ein Katz-und-Maus-Spiel, das bald neue Dimensionen annehmen sollte. Alles begann damit, dass Kevin in einer alten Kapelle, in der die Häftlinge sich Filme ansehen durften, einen Lüftungsschacht entdeckte. Dieser stellte sich als idealer Fluchtweg heraus. Beide Häftlinge zwängten sich in einem unbeobachteten Moment durch den Schacht, der sie tatsächlich in die Freiheit führte. Doch als sie das Auto des Gefängnisdirektors stehlen wollten, wurden sie entdeckt, weshalb sie ein vorbeifahrendes Auto anhielten und damit zum Friedhof Botany fuhren, wo sie die Nacht in einem frisch ausgehobenen Grab verbrachten. Am nächsten Tag hielten sie sich auf dem Ausstellungsgelände von Moore Park auf, wo sie schließlich erneut ein Auto stahlen. Mit diesem machten sie sich auf den Weg zur Emur Emu Plains Prison Farm, um sich dort mit Vorräten einzudecken. Doch dabei kam es zu einer brutalen Auseinandersetzung mit dem Gefängniswärter Cecil Mills, den beide zu Tode prügelten, ehe sie dessen Waffe stahlen und danach die Flucht ergriffen. Dieser Vorfall machte die beiden entflohenen Häftlinge zu Australiens meistgesuchten Männern. Während Newcombe nur zwei Wochen später wieder gefasst wurde, blieb Simmo auf freiem Fuß. Die Fahndung wurde zu einer nationalen Angelegenheit. Rund 500 Polizeibeamte nahmen daran teil, ausgerüstet mit Schusswaffen, kugelsicheren Westen und Hochgeschwindigkeitsfahrzeugen. Sogar Flugzeuge und ein Hubschrauber standen bereit, um die Landschaft abzusuchen. Doch Simmo erwies sich als äußerst gerissen und zäh. Am 5. November entdeckten zwei Männer den Flüchtigen in Kuring-gai Chase. Er war gerade dabei, ein Loch zu graben, um einen gestohlenen Wohnwagen zu verstecken. Er entschuldigte sich höflich bei den Männern, die ihn entdeckt hatten, bevor er ihren Lastwagen stahl und verschwand. Wenige Stunden später rannte er barfuß und in leichter Sommerkleidung durch eine Straßensperre in der Nähe von Wyong. Die Polizei verfolgte ihn durch unwegsames Gelände voller Schlangen, Blutegel und schlammiger Pfade – doch Regen verhinderte den Einsatz von Spürhunden. Während der spannenden Verfolgungsjagd gewann Simmonds überraschenderweise die Sympathie der Öffentlichkeit. Viele Menschen bewunderten seine Ausdauer, seine Cleverness und seine Fähigkeit, selbst Hunderten von Beamten immer einen Schritt voraus zu sein, weshalb Teenagerinnen sogar einen „Simmo“-Fanclub gründeten. Die Polizei hingegen wurde wegen ihrer offensichtlichen Unfähigkeit, den Flüchtigen zu fassen, verspottet. Die Flucht endete schließlich am Morgen des 15. November, als Detective Sergeant Ray Kelly, begleitet von sieben Wagenladungen voller Polizeibeamter und Spürhunden, Simmonds in Mulbring festnahm. Die Kleinstadt Kurri Kurri wurde Zeuge eines außergewöhnlichen Moments: Die Einheimischen applaudierten dem legendären Flüchtigen, als er zur Polizeiwache gebracht wurde. Auch in Sydney wurde er von einer neugierigen Menschenmenge begrüßt. Trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit kam Simmonds nicht ungeschoren davon. Im März 1960 befand eine Jury sowohl ihn als auch Newcombe des Totschlags für schuldig. Der vorsitzende Richter, J.H. McClemens, war jedoch von diesem milden Urteil alles andere als überzeugt und verurteilte beide Männer zu lebenslanger Haft. Einige Monate später wies das Obergericht Simmonds’ Berufung zurück. Was folgte, war nichts weniger als die Zerstörung eines Menschen. Die sechs Jahre, die Simmonds als „unbeherrschbarer Häftling“ im Hochsicherheitstrakt des Grafton-Gefängnisses verbrachte, brachen ihn psychisch und physisch. Der einst agile, charismatische Mann verwandelte sich in einen lustlosen, sprachlosen Insassen, der schließlich begann, sich mit Zigaretten selbst zu verletzen. Am Morgen des 4. November 1966 wurde er erhängt in seiner Zelle aufgefunden – ein tragisches Ende eines komplexen Lebens. Kevins Geschichte ist mehr als nur die Chronik eines Verbrechers. Sie erzählt von den Mechanismen sozialer Ungerechtigkeit, den Folgen des Außenseitertums und den zerstörerischen Auswirkungen des Strafvollzugssystems. Zwar wurde er für seine Verbrechen verurteilt, doch sein unermüdlicher Widerstand gegen die Behörden weckte auch Mitgefühl. Sein Leben und sein Tod werfen wichtige Fragen auf: Wie kann ein auf Bestrafung basierendes System verhindern, dass es Menschen dauerhaft zerstört? Und welche Verantwortung trägt eine Gesellschaft, wenn sie Menschen wie Kevin John Simmonds in ein Leben in die Kriminalität treibt? Seine Geschichte bleibt eine Warnung und zeigt, dass Kriminalität oft mit Geschichten von Verlust, Isolation und der Suche nach Anerkennung verbunden ist – eine Lehre, die bis heute relevant ist. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Sydney. 🙂
Die größte Fahndung in der Geschichte Australiens: Die Flucht von Kevin Simmonds und Leslie Newcombe

