Kenneth Erskine, bekannt als der „Stockwell-Würger“, versetzte die Londoner Bevölkerung im Jahr 1986 in Angst und Schrecken. Dieser Serienmörder ermordete mindestens sieben wehrlose ältere Menschen und ist möglicherweise für weitere Morde verantwortlich ist. Was treibt einen jungen Mann dazu, es gezielt auf die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft abzusehen, diese nicht nur kaltblütig zu erwürgen, sondern auch teils sexuell zu missbrauchen? Ein Blick auf das Leben dieses Mörders offenbart eine Geschichte voller Gewalt, Vernachlässigung und psychologischer Abgründe. Kenneth Erskine wurde am 1. Juli 1963 in Hammersmith in West-London geboren. Seine Eltern zeigten wenig Interesse an seiner Erziehung: Sein Vater, ein Mann aus Antigua, verließ die Familie früh, und seine britische Mutter war ebenfalls nicht willens oder nicht in der Lage, sich um ihn zu kümmern. Erskine neigte schon in jungen Jahren zu Gewalt; Berichten zufolge versuchte er während einer Schulreise, einige seiner Klassenkameraden zu ertränken. Sein gesamtes Umfeld war von Vernachlässigung geprägt – sowohl emotional als auch materiell. Die Scheidung seiner Eltern, als er zwölf Jahre alt war, besiegelte seine schwierige Kindheit endgültig. Er besuchte Sonderschulen, die ihm jedoch nicht helfen konnten, und driftete zunehmend in die Obdachlosigkeit ab. In den Jahren vor seinen Morden machte sich Erskine durch zahlreiche Einbrüche einen Namen. Mit der Beute konnte er zehn verschiedene Bankkonten eröffnen, was deutlich zeigt, wie geschickt und methodisch er vorging. Diese Strategie war auch Teil seiner späteren mörderischen Vorgehensweise. Zwischen April und Juli 1986 beging Kenneth Erskine mindestens sieben brutale Morde an älteren Menschen. Die Opfer waren zwischen 67 und 94 Jahre alt und lebten meist allein – eine perfekte Zielgruppe für Erskines tödliche Absichten. Seine Vorgehensweise war methodisch: Er verschaffte sich nachts Zugang durch offene Fenster und überraschte seine Opfer schlafend in deren eigenen Wohnungen. Oft kniete er sich auf ihre Brust, hielt ihnen den Mund zu und erwürgte sie mit der anderen Hand. In einigen Fällen wurden die Leichen zudem sexuell missbraucht, wobei unklar bleibt, ob dies vor oder nach dem Tod geschah. Sein erstes Opfer war die 78-jährige pensionierte Lehrerin Nancy Emms aus Wandsworth, die er am 9. April 1986 ermordete. Zunächst ging man von einem natürlichen Tod aus – erst als eine Haushälterin bemerkte, dass ein Fernseher aus der Wohnung verschwunden war, bestätigte sich der Verdacht auf Mord. Die Obduktion ergab, dass Emms brutal vergewaltigt und anschließend erwürgt worden war. Die Serie setzte sich zwei Monate später mit der 67 Jahre alten Janet Cockett fort, einer engagierten Vorsitzenden einer Mietervereinigung. Sie wurde am 9. Juni 1986 tot in ihrer Wohnung im Warwick House in der Overton Road Estate in Stockwell aufgefunden. Auch hier wurde zunächst kein Verbrechen vermutet. Erst als die Spurensicherung Fingerabdrücke an einem Fenster der Wohnung fand, tauchten entscheidende Beweise auf. Im Gegensatz zu den anderen Opfern war Cockett jedoch nicht sexuell missbraucht worden. Am 28. Juni 1986 fand Erskine zwei Opfer in einem Pflegeheim in Stockwell. Diese waren der 84 Jahre alte Valentine Gleim und der 94 Jahre alte Zbigniew Strabawa, die nebeneinander in benachbarten Zimmern wohnten. Beide Männer wurden auf die gleiche Weise angegriffen und schließlich erwürgt. Jedoch wurde Valentine Gleim darüber hinaus noch sexuell missbraucht. Strabawa, ein ehemaliger Veteran des Zweiten Weltkriegs, hatte sein Leben jahrzehntelang der Sicherheit und dem Frieden gewidmet – nur um es auf so grausame Weise zu verlieren. Das nächste Opfer des Stockwell-Würgers wurde am 8. Juli der 84 Jahre alte William Carman aus Islington, der sexuell missbraucht und erdrosselt wurde. Wenige Wochen danach wurde am 21. Juli der 74 Jahre alte William Joseph Downs in seinem Einzimmerappartement in Stockwell erdrosselt. Aufgrund der Tatsache, dass bis dato vier ältere Menschen im Londoner Stadtteil Stockwell erwürgt wurden, erhielt der Mörder den Spitznamen „Stockwell-Würger“. Das letzte Opfer von Erskine wurde am 23. Juli die 83 Jahre alte Florence Tisdall aus Fulham. Auch im Fall von Tisdall ergab die Obduktion neben der tödlichen Strangulation Anzeichen sexuellen Missbrauchs. Nach intensiven Ermittlungen und öffentlichen Appellen von Kriminaloberrat Ken Thompson gelang es der Polizei schließlich, den 23 Jahre alten Kenneth Erskine am 28. Juli 1986 in einem Sozialamt festzunehmen. Der entscheidende Durchbruch gelang durch einen Fingerabdruck, den Erskine an einem der Tatorte hinterlassen hatte. Weitere Beweise lieferte der 74 Jahre alte Fred Prentice. Dieser hatte einen Monat zuvor einen Angriff von Erskine in seinem Bett überlebt und identifizierte ihn später bei einer polizeilichen Gegenüberstellung. Im Januar 1988 wurde Erskine wegen siebenfachen Mordes verurteilt. Die Ermittler verdächtigten ihn zudem mindestens vier weiterer Morde verübt zu haben, darunter jene an dem 81 Jahre alten Wilfred Parkes, dem 75 Jahre alten Trevor Thomas, dem 57 Jahre alten John Jordan und dem 73 Jahre alten Charles Quarell – doch es gab nicht genügend Beweise, um Anklage zu erheben. Während des Prozesses zeigte Erskine keinerlei Reue – im Gegenteil: Er masturbierte öffentlich im Gerichtssaal. Dieses Verhalten verdeutlichte die tiefgreifenden psychischen Störungen, die später eingehend untersucht wurden. Erskine war ursprünglich zu lebenslanger Haft mit einer Mindeststrafe von 40 Jahren verurteilt worden – eine der härtesten Strafen in der britischen Rechtsprechung. Im Jahr 1988 wurde er jedoch aufgrund einer diagnostizierten psychischen Erkrankung in die Hochsicherheitsklinik Broadmoor verlegt. Laut einem Bericht aus dem Jahr 2006 litt Erskine seit Anfang der 1980er-Jahre an chronischer Schizophrenie und einer antisozialen Persönlichkeitsstörung. Im Jahr 2009 legte er erfolgreich Berufung ein: Seine Verurteilungen wegen Mordes wurden aufgrund verminderter Schuldfähigkeit auf Totschlag herabgestuft. Doch trotz dieser Änderung bleibt Kenneth Erskine eine Gefahr für die Gesellschaft und ist bis heute in Broadmoor inhaftiert. Viele Jahre nach Erskines Verhaftung ereignete sich eine seltsame Episode. Am 23. Februar 1996 rettete er dem berüchtigten Serienmörder Peter Sutcliffe – bekannt als der „Yorkshire Ripper“ – das Leben. Sutcliffe wurde von einem Mitgefangenen namens Paul Wilson angegriffen, doch Erskine und ein weiterer Patient griffen ein und verhinderten, dass die Situation eskalierte. Diese paradoxe Szene unterstreicht die Komplexität von Erskines Persönlichkeit: einerseits ein brutaler Mörder, andererseits jemand, der in einem Moment aktiver Gewalt eingreift. Kenneth Erskine ist nicht nur ein Name, sondern ein Symbol für den Schrecken, der London in jenen Jahren heimsuchte. Seine Verbrechen – kaltblütig und kalkuliert – schockieren uns noch heute. Doch hinter der Bestie verbirgt sich die tragische Geschichte eines Mannes, der durch sein Umfeld und seine eigene Psyche in die Dunkelheit getrieben wurde. Die Schuld liegt allein bei ihm, doch sein Leben wirft die Frage auf: Wie prägen Vernachlässigung und Gewalt die gefährlichsten Individuen in unserer Gesellschaft? In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Freude mit meinen Fotos von London. 🙂
Kenneth Erskine: Der Stockwell-Würger

