In den frühen 1930er Jahren wurde die ansonsten friedliche und abgelegene Region Westaustraliens von einer Reihe grausamer Verbrechen erschüttert, die als die „Murchison-Morde“ in die Kriminalgeschichte eingingen. Was diesen Fall besonders außergewöhnlich machte, war nicht nur die Kaltblütigkeit des Täters, John Thomas Smith – bekannt unter dem Decknamen „Snowy Rowles“ –, sondern auch die beunruhigende Verbindung zwischen diesen brutalen Morden und der fiktiven Handlung eines Kriminalromans. In diesem damals noch unveröffentlichten Roman „The Sands of Windee“ beschrieb der Autor Arthur Upfield eine Methode für den perfekten Mord. Die Geschichte, die auch viele Jahre später noch Schauer über den Rücken jagt, zeigt, wie Realität und Fiktion auf groteske Weise miteinander verschmelzen können. Der Tatort war der „Rabbit-Proof Fence“ eine riesige Drahtbarriere, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet wurde, um landwirtschaftliche Flächen vor einer Invasion von Kaninchen zu schützen. Diese ikonische Anlage erstreckte sich über Tausende von Kilometern durch die trockenen Landschaften Westaustraliens und bot zahlreichen Wanderarbeitern und Gesetzlosen, die entlang der Zäune arbeiteten oder dort Zuflucht suchten, einen Rückzugsort. In dieser abgelegenen, oft unzugänglichen Umgebung plante und verübte Snowy Rowles seine Verbrechen. Rowles, der 1905 in North Perth als John Thomas Smith geboren wurde, war Gelegenheitsarbeiter und ein ehemaliger Sträfling. Bevor er zum Mörder wurde, hatte er bereits eine kriminelle Vergangenheit: Er hatte wegen Diebstahls drei Monate im Gefängnis verbracht und war für seinen zwielichtigen Charakter berüchtigt. Es war jedoch eine unglückliche Begegnung mit dem bekannten Schriftsteller Arthur Upfield, die den Grundstein für seine grausamen Verbrechen legte. Arthur Upfield, ein hoch angesehener Autor von Kriminalromanen, arbeitete zu dieser Zeit selbst als Grenzarbeiter am „Rabbit-Proof Fence“. Während seiner Arbeit tüftelte er an einer neuen Krimihandlung, für die er nach einer einzigartigen Idee suchte. Sein Ziel war es, einen Mordfall zu entwickeln, bei dem es keine Leiche gab – die perfekte Herausforderung für seinen fiktiven Detektiv Napoleon „Bony“ Bonaparte. Doch Upfield stand vor einem Problem: Wie konnte eine Leiche so gründlich beseitigt werden, dass selbst der intelligenteste Ermittler keine Spuren finden konnte? Upfield besprach diese Frage offen mit seinen Kollegen. Einer von ihnen, George Ritchie, schlug eine nahezu makellose Methode zur Beseitigung einer Leiche vor: Der Leichnam des Opfers sollte zusammen mit dem Kadaver eines toten Tieres verbrannt, die Asche gesiebt und etwaige Metallreste mit Säure aufgelöst werden. Die winzigen Knochenfragmente sollten dann pulverisiert und in alle Winde verstreut werden. Eine derart gründliche Vernichtung würde jegliche Spuren beseitigen – zumindest theoretisch. Zu Upfields Entsetzen schien diese Methode tatsächlich narrensicher zu sein, weshalb er sie schließlich in seinen Roman „The Sands of Windee“ einfließen ließ. Die Diskussion blieb jedoch nicht auf Upfield und Ritchie beschränkt. Snowy Rowles, der ebenfalls am „Rabbit-Proof Fence“ arbeitete, bekam Wind von der Idee und sah darin offenbar eine Blaupause für das perfekte Verbrechen. Im Dezember 1929 begannen die Ereignisse, die später als die „Murchison-Morde“ bekannt wurden. Rowles wurde zuletzt in Begleitung von zwei Männern gesehen: James Ryan und George Lloyd. Die drei hatten gemeinsam die Camel Station, eine abgelegene Siedlung entlang des „Rabbit-Proof Fence“, verlassen. Einige Tage später wurde berichtet, dass Rowles allein in einem Lastwagen unterwegs war, der angeblich Ryan gehörte. Rowles behauptete, Ryan habe ihm das Fahrzeug verkauft und sei zu Fuß weitergegangen, doch niemand konnte bestätigen, dass Ryan oder Lloyd danach jemals wieder gesehen wurden. Im Mai 1930 verschwand ein weiteres Opfer spurlos: der Neuseeländer Louis Carron. Nachdem er seine Arbeit auf einer nahegelegenen Farm aufgegeben hatte, wurde er zuletzt in Begleitung von Rowles gesehen. Kurz darauf tauchte Rowles mit Carrons Gehaltsscheck bei einer Bank auf, was zunächst Verdacht erregte. Carrons Freunde, die regelmäßig Briefe von ihm erhalten hatten, meldeten sein Verschwinden der Polizei. Erst als die Ermittlungen zu Carrons Verschwinden begannen, wurde den Behörden klar, dass auch Ryan und Lloyd vermisst wurden – ein beunruhigender Zusammenhang, da alle drei Männer zuletzt in Begleitung von Rowles gesehen worden waren. Der Verdacht verdichtete sich, als Rowles widersprüchliche Aussagen über seinen Aufenthaltsort machte und sich zunehmend in einem Netz aus Lügen verstrickte. Der Fall nahm eine entscheidende Wendung, als die Polizei von Arthur Upfields literarischer Handlung erfuhr. Es wurde schnell klar, dass Rowles bei der Vertuschung seines Verbrechens die von Upfield entwickelte Methode buchstabengetreu befolgt hatte. Bei einer Durchsuchung der „183-Mile-Hut“, einer abgelegenen Station am „Rabbit-Proof Fence“, stieß die Polizei auf Asche, in der sie schließlich die Überreste von Carrons verbranntem Leichnam entdeckte. Darunter befand sich ein unverwechselbarer Ehering. Dieser Ring wurde von einem Juwelier in Auckland zweifelsfrei identifiziert, da er aufgrund eines seltenen Herstellungsfehlers einzigartig war und Carron gehörte. Während Rowles in den Fällen von Ryan und Lloyd keinerlei Spuren hinterlassen hatte, beging er im Fall Carron einen entscheidenden Fehler: Er hatte es versäumt, die metallischen Überreste vollständig zu vernichten. Diese Nachlässigkeit wurde ihm letztendlich zum Verhängnis. Detective Sergeant Manning identifizierte Rowles schnell als John Thomas Smith, einen entflohenen Sträfling, der seit Jahren unter falschem Namen gelebt hatte. Rowles wurde festgenommen und wegen des Mordes an Louis Carron angeklagt. Trotz fehlender Beweise für die Morde an Ryan und Lloyd war die Staatsanwaltschaft überzeugt, dass Rowles für deren Verschwinden verantwortlich war. Im Prozess wurden seine Lügen, seine unglaubwürdigen Alibis und der Besitz von Carrons persönlichen Gegenständen als belastende Beweise gegen ihn herangezogen. Nach einem kurzen Prozess befand die Jury Rowles am 19. März 1932 des Mordes an Carron für schuldig. Als der Richter ihn fragte, ob er noch etwas zu sagen habe, antwortete Rowles lediglich: „Nur dies: Ich wurde für ein Verbrechen verurteilt, das nie begangen wurde.“ Das Gericht blieb jedoch unnachgiebig. Rowles wurde zum Tode verurteilt und am 13. Juni 1932 im Fremantle-Gefängnis gehängt. Die grausamen Ereignisse der Murchison-Morde hatten weitreichende Folgen. Arthur Upfield, dessen literarische Handlung unwissentlich als Vorlage für ein reales Verbrechen missbraucht worden war, thematisierte die Tragödie in seinen späteren Werken. Sein Buch „The Sands of Windee“ blieb ein Meilenstein der Krimiliteratur, auch wenn es für den Autor ein bittersüßer Erfolg war. Darüber hinaus waren die „Murchison-Morde“ Gegenstand von Dokumentarfilmen, Büchern wie Terry Walkers „Murder on the Rabbit-Proof Fence“ und sogar eines australischen Fernsehfilms aus dem Jahr 2009 mit dem Titel „3 Acts of Murder“. Bis heute ist der Fall ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was passiert, wenn die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt – und wie gefährlich ein scheinbar perfekter Mordplan in den falschen Händen sein kann. Die abgelegene Wildnis Westaustraliens mag längst wieder zur Ruhe zurückgekehrt sein, doch die Geschichte der „Murchison-Morde“ wird noch lange in Erinnerung bleiben. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Perth. 🙂
Die fast perfekten Murchison-Morde

