Heute würde man Friedrich von Hartenberg als einen klassischen Scammer bezeichnen, eine Person, die andere bewusst betrügt und täuscht. Denn dieser erlangte dadurch Berühmtheit, dass er seinen Mentor, den angesehenen Historiker Johannes von Müller, um dessen Vermögen betrog und seelisch runierte. Doch Hartenbergs Leben, geprägt von Höhen und Tiefen, ist eine Geschichte voller Intrigen, Täuschungen und letztlich auch tragischer Ereignisse. Friedrich war der zweitälteste Sohn des Schaffhausers Johann Baptist von Hartenberg. Seine Familie genoss ein gewisses Ansehen, und so schien es nur folgerichtig, dass sich Johannes von Müller, ein Freund der Familie, seiner Ausbildung annahm. Dies hatte seine Mutter Gräfin von Wartenberg 1797 per Vertag mit dem damals 45 Jahre alten Schweizer Gelehrten Müller geregelt. Müller, der zu dieser Zeit in Wien lebte, sah in dem jungen Hartenberg großes Potenzial und bemühte sich, ihm eine standesgemäße Erziehung zukommen zu lassen. Er verschaffte Friedrich ein Stipendium und ermöglichte ihm 1797 einen Studienaufenthalt in Prag sowie rund ein Jahr am Wiener Theresianum. Doch Hartenbergs akademische Laufbahn erwies sich als kurzlebig. Bereits 1799 zog er sich, angeblich wegen epileptischer Anfälle, vom Studium zurück. Dieses frühe Scheitern markierte den Beginn einer Reihe von Täuschungen, die Hartenbergs Leben prägen sollten. Hartenberg war bekannt für seinen kostspieligen und ausschweifenden Lebensstil, der sich als wahrer Taugenichts entpuppte, doch über sehr viel kriminelle Energie verfügte. Im Juni 1802 begann Friedrich ein bemerkenswertes Täuschungsmanöver. Unter dem fingierten Namen eines ungarischen Grafen namens Louis Batthyány Szent-Iványi nahm er Kontakt zu Müller auf. Der 36 Jahre alte Graf, so behauptete er, wollte mit Müller eine Lebensgemeinschaft eingehen, nachdem er seinen Geliebten im Krieg verloren hatte und gemeinsam Hartenberg als Adoptivsohn aufziehen. Müller, der den Betrug nicht durchschauen konnte, ließ sich auf diese Korrespondenz ein und schrieb in elf Monaten rund 130 oft mehrseitige Briefe an den vermeintlichen Grafen. Diese Briefe übergab er regelmäßig Hartenberg zur Weiterleitung. Müller schöpfte keinen Verdacht, obwohl ein persönliches Treffen mit dem Grafen immer wieder verschoben wurde. In seiner Naivität vertraute er Hartenberg große Geldsummen und ein ihm anvertrautes Vermögen an, um den jungen Mann standesgemäß auszustatten. Darüber hinaus mietete er sogar eine Wohnung an und entwarf ein gemeinsames Siegel. Die Briefe an „Batthyány Szent-Iványi“ sind heute noch in der Ministerialbibliothek Schaffhausen überliefert, während Hartenberg seine Briefe an Müller größtenteils vor Prozessbeginn verbrannte. Im Mai 1803 flog der Betrug schließlich auf. Müller zeigte Hartenberg an, worauf dieser versuchte, Müller zu kompromittieren, indem er ihn strafrechtlich verpönter gleichgeschlechtlicher Handlungen bezichtigte. Diese Anschuldigungen stellten sich jedoch als haltlos heraus, und Müller schwor eidesstattlich, nie gesetzeswidrige sexuelle Handlungen vollzogen zu haben. Die Ermittlungen gegen Müller wurden eingestellt, aber sein Ruf litt erheblich unter der Affäre, die als „Hartenberg-Affäre“ bekannt wurde. Auch politisch war Müller nach diesem Skandal kompromittiert. Dies lag daran, dass er sich öffentlich als Sympathisant von Napoleon outete, weshalb er 1804 nach Berlin ging. Hartenberg hingegen verbrachte ein halbes Jahr in Untersuchungshaft und wurde wegen Betrugs zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach Verbüßung seiner Strafe verließ er Wien und flüchtete 1807 nach Schaffhausen, da er erneut wegen Hochstapelei gesucht wurde. Dort trat er in die französische Armee ein, wurde jedoch wegen Diebstahls zu elfjähriger Zwangsarbeit im Bagne von Toulon verurteilt. Schließlich kehrte er 1819 in die Heimatstadt seines Vaters zurück, wo er 1822 an Auszehrung starb. Die Briefe Müllers an „Graf Louis“ sind ein einzigartiges Zeugnis für die emotionale und intellektuelle Komplexität jener Zeit. Sie lassen erkennen, dass Müller bewusst gleichgeschlechtliche Liebe empfand und ausdrückte, was damals in der Gesellschaft streng tabuisiert und kriminalisiert war. Seine Sprache, die bislang unerhört war, mischte geschickt erotisch-sexuelles Begehren mit intellektuellen und emotionalen Ebenen, die in der Vormoderne strikt getrennt bleiben mussten. Johannes von Müller, ein Mann mit umfassender Kenntnis der Geschichte und Textmassen, scannte historische Episoden stets auch auf mann-männliche Beziehungen hin. Diese besondere Sensibilität für gleichgeschlechtliche Liebe spiegelt sich in seinen Briefen wider und hebt ihn von den zeitgenössischen Kategorien des Päderasten, Sodomiten oder bloßen Freundschaftsfreundes ab. Seine innere Lage brachte ihn dazu, eine neue Sprache zu entwickeln, um seine Gefühle auszudrücken und gleichzeitig gesellschaftliche Normen zu hinterfragen. Die Geschichte von Friedrich von Hartenberg und Johannes von Müller zeigt eindrucksvoll, wie persönliche Intrigen und gesellschaftliche Tabus das Leben von Individuen prägen. Hartenbergs Hochstapelei und Täuschungen führten zu seinem eigenen Untergang, während Müller trotz seiner Naivität und der damit verbundenen politischen und sozialen Schädigung einen bleibenden Eindruck hinterließ. Der Fall Hartenberg bleibt ein faszinierendes Kapitel der Geschichte, das nicht nur die moralischen und rechtlichen Normen der damaligen Zeit beleuchtet, sondern auch die komplexen menschlichen Emotionen und Beziehungen offenbart. Es ist eine Geschichte von Vertrauen und Verrat, von Liebe und Täuschung, die bis heute nachhallt und uns lehrt, vorsichtiger und kritischer mit unseren Mitmenschen und ihren Motiven umzugehen. Denn manchmal verbirgt sich ein Wolf im Schafspelz. In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Freude mit meinen Fotos von Wien. 🙂
Die Hartenberg-Affäre: Ein historischer Fall von einem Scammer

Isabella Mueller Wien @isabella_muenchen
