Es war einmal ein junger Ritter namens Kaspar von Schlezer, dessen Herz voller Mut und Abenteuerlust war. Er lebte gegen Ende des 15. Jahrhunderts in einem kleinen, malerischen Dorf in der Nähe von Wien, wo auch seine wunderschöne Gattin Bertha auf ihn wartete. Eines Tages erhielt Kaspar den Auftrag, eine geheime Botschaft zum Sultan von Konstantinopel zu überbringen. Es war ein langer, beschwerlicher Weg, und die beiden wussten, dass sie sich für eine lange Zeit voneinander trennen mussten. Traurig nahm er Abschied von seiner Liebsten, die ihm mit tränenden Augen ein silbernes Kreuz um den Hals legte, ein Zeichen ihrer Liebe und ein Schutzsymbol für die Gefahren, die ihm auf seiner Reise drohten. Falls Kaspar etwas zustoßen sollte, dann würde sie dieses Kreuz erhalten. Nur dann war er wirklich nicht mehr am Leben und Bertha konnte einen anderen Mann heiraten. Doch so lange sollte sie auf ihn warten. Die Reise war lang und voller Herausforderungen. Kaspar durchquerte dichte Wälder, hohe Berge und reißende Flüsse und traf dabei auf viele Weggefährten, die ihm halfen, aber auch auf viele Feinde, die ihm Steine in den Weg legten. Nach Wochen des Reisens erreichte er schließlich die prächtige Residenz des Sultans. Er überreichte das geheime Pergament und spürte ein Gefühl der Erfüllung und des Stolzes. Doch sein Glück sollte nicht lange währen. Auf dem Rückweg heimwärts wurde sein Schiff von grausamen Seeräubern angegriffen. In einem brutalen Kampf wurde Kaspar gefangen genommen, gefesselt und schließlich an einen reichen Scheich verkauft, wo er viele Jahre als Sklave arbeiten musste. In seiner Heimat am Fluss, wo die Wiesen blühten und die Vögel sangen, trauerte seine Frau um ihren verschwundenen Ehemann. Tag für Tag schaute sie in die Weite, in der Hoffnung, dass er zurückkehren würde. Doch die Jahre vergingen, und nach fünf Jahren des Wartens gab sie die Hoffnung fast auf. Schließlich gab sie dem Werben eines Edelmannes nach und begann, Vorbereitungen für eine Hochzeit zu treffen. Kaspar hingegen lebte im Gefängnis des Scheichs und verrichtete harte Arbeiten. Nur das silberne Kreuz, immer verborgen unter seinen Lumpen, gab ihm Trost und Hoffnung auf eine Rückkehr zu seiner geliebten Frau. Eines Nachts jedoch, als der Mond hell am Himmel stand, hatte er einen seltsamen Traum. Er sah seine Gattin im Stephansdom zu Wien, wie sie gerade einen anderen Ritter heiratete – den Ritter von Merkenstein. Eine leise Stimme raunte ihm ins Ohr: „Noch hast du Zeit, diese Ehe zu verhindern.“ Schweißgebadet erwachte der Ritter. Die Verzweiflung überkam ihn, und er rief laut: „Morgen muss ich in Wien sein, und sollte mich der Teufel holen!“ Da erschien plötzlich der Teufel mit einem schielenden Hahn. „Dieser Gockel wird uns nach Wien bringen, aber ich will deine Seele dafür!“ Kaspar spürte, wie die Furcht ihn ergriff, doch er war bereit zu kämpfen. Er stimmte zu, aber nur unter der Bedingung, dass er während des gesamten Fluges nicht erwachte. Denn sobald er erwachte, wollte er die Kontrolle über seine Seele und sein Schicksal zurückerhalten. Gemeinsam setzten sich der Ritter und der Teufel auf den Rücken des Hahns, und mit einem kräftigen Flügelschlag erhoben sie sich in die Lüfte. Es war eine wilde Fahrt, die über Wiesen, Felder, Meere und Seen führte. Der Wind pfiff um ihre Ohren, und die Sterne blitzten über ihnen. Kaspar ließ den Gedanken an seine Frau und das, was vor ihm lag, nicht los, während er gleichzeitig das Gefühl hatte, dass ein unheimliches Wesen ihn beobachtete. Als der Morgen graute und die ersten Strahlen der Sonne den Himmel erhellten, stieß der Hahn ein lautes Kikeriki aus, und in diesem Moment erwachte Kaspar. Dadurch musste der Teufel Kaspar freien Mann laufen lassen. Aus Wut und Verzweiflung schleuderte der Teufel Kaspar und den Hahn in den Donaustrom und raste in die Hölle zurück. Doch das Schicksal war auf der Seite des Ritters. Zwei Fischer, die zufällig am Ufer standen, bemerkten die gefallenen Gestalten und zogen sie aus dem Wasser. Klitschnass, aber lebendig, machte sich Kaspar sofort auf den Weg, um rechtzeitig zur Hochzeit seiner Frau zu gelangen. Er wusste, dass er alles tun musste, um sie von ihrer bevorstehenden Heirat mit dem Ritter von Merkenstein abzuhalten. Mit einem mutigen Herzen betrat er den Stephansdom und sah seine Frau, die in einem wunderschönen weißen Kleid vor dem Altar stand. Der Priester war bereits bereit, die Zeremonie einzuleiten, als Kaspar mit lautem Stimmenschall durch die Kirche rief: „Halt! Stoppt diese Hochzeit!“ Die Menge drehte sich um, erstaunt über das plötzliche Auftauchen des Ritters, der vor ihnen stand, als käme er direkt aus den Tiefen des Wassers. Seine Frau, mit Tränen in den Augen, lief ihm entgegen, und als sie sich in den Armen hielten, verschwanden alle Zweifel und Ängste. Der Ritter von Merkenstein, bereits enttäuscht, trat zurück und verließ die Kirche, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Nach dieser dramatischen Rückkehr war die Freude groß. Das Wiedersehen war ein Fest der Herzen, und die beiden Liebenden versprachen sich, nie wieder getrennt zu werden. Kaspar, dankbar für das silberne Kreuz, das ihm durch all die Widrigkeiten geholfen hatte, beschloss, einen eisernen Gockel anzufertigen und ihn auf dem rückwärtigen Dachfirst des Stephansdomes zu platzieren. So verwandelte er die Erinnerung an seine gefahrvolle Reise und den Teufelsritt in ein ewiges Zeichen der Hoffnung und Liebe. Und so steht der eiserne Hahn bis heute dort, umgeben von der historischen Pracht Wiens und erinnert an die mutigen Taten des jungen Ritters Kaspar von Schlezer, der trotz aller Widrigkeiten immer den Glauben an die Liebe und die Kraft der Hoffnung bewahrte. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Wiens Wahrzeichen, dem legendären Stephansdom. 🙂
Der junge Ritter Kaspar von Schlezer und der Teufelsritt nach Istanbul

