Im 13. Jahrhundert, als Wien noch von den Babenbergern regiert wurde und das Herzogtum Österreich seine Blütezeit erlebte, gab es eine besondere Tradition, die das Ende des Winters ankündigte: das Veilchenfest. Diese Geschichte handelt von einem der bemerkenswertesten Veilchenfeste, das mit dem bekannten Minnesänger Neidhart von Reuental in Verbindung steht. Wien wurde zu jener Zeit von Herzog Otto III., im Volksmund „Der Fröhliche“ genannt, regiert. In dieser Zeit war das Veilchenfest ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis, das den Frühlingsanfang markierte. Nach den entbehrungsreichen Wintermonaten sehnten sich die Menschen nach Festivitäten und Zusammenkünften. Die Tradition besagte, dass derjenige, der das erste Veilchen des Jahres fand, seinen Fund mit einem Hut markieren und umgehend dem Herzog Meldung machen sollte. Der Herzog würde dann mit seinem gesamten Hofstaat zum Fundort ziehen, wo ein rauschendes Fest stattfinden sollte. An einem verheißungsvollen Vorfrühlingstag ereignete sich die Geschichte um Neidhart von Reuental. Der angesehene Dichter und Sänger entdeckte am Fuße des Kahlenberges ein zartes Veilchen. Voller Freude bedeckte er es mit seinem Hut und eilte zur herzoglichen Burg, um seine Entdeckung dem Herzog zu verkünden. Der Herzog war besonders erfreut, dass ausgerechnet sein geschätzter Hofkünstler das erste Veilchen gefunden hatte. Er beschloss, dem Fest besondere Bedeutung zu verleihen, indem er auch seine Gemahlin mitbringen würde. Ein prächtiger Festzug wurde organisiert: Neidhart führte die Prozession an, gefolgt von Musikanten mit Trompeten, Posaunen und Pauken. Weiß gekleidete Mädchen, das Herzogspaar in festlichen Gewändern auf geschmückten Pferden, Ritter, Adelige und schließlich das Volk von Wien bildeten einen eindrucksvollen Zug. Als die Gesellschaft endlich den Fundort erreichte, bildete sich ein erwartungsvoller Kreis um den Hut. Der Herzog, dem das Privileg zustand, den Hut zu heben, tat dies mit feierlicher Geste. Doch statt des erwarteten Veilchens fand sich darunter nur ein Kothaufen. Die Blamage war perfekt, und der Herzog war außer sich vor Zorn, besonders weil seine Gemahlin Zeugin dieser Schmach geworden war. Neidhart, der selbst überrascht und beschämt war, versuchte sich zu rechtfertigen, doch der aufgebrachte Pöbel wollte ihn zur Rechenschaft ziehen. Nur durch eilige Flucht konnte er sich in Sicherheit bringen. Während er sich von der aufgebrachten Menge entfernte, sann er darüber nach, wer ihm diesen üblen Streich gespielt haben könnte. In Heiligenstadt machte er eine überraschende Entdeckung: Vor einem Wirtshaus tanzte die Dorfjugend um eine Stange, an deren Spitze sein Veilchen befestigt war. Von einem jungen Burschen erfuhr er, dass einige Bauern ihn beim Platzieren des Hutes beobachtet, das Veilchen gestohlen und durch den Kothaufen ersetzt hatten. Als Ritter von Ehre zog Neidhart sein Schwert und ging gegen die Übeltäter vor. Obwohl niemand zu Tode kam, gab es einige Verletzte. Er nahm das Veilchen an sich und eilte zurück zum Herzog, um ihm die wahre Geschichte zu berichten. Der Herzog, nun besänftigt, vergab Neidhart und sicherte ihm seine weitere Gunst zu. Diese Geschichte markierte den Beginn einer langjährigen Feindschaft zwischen Neidhart und den Bauern von Heiligenstadt, die bis zu seinem Lebensende andauern sollte. Sie zeigt auch, wie eng im mittelalterlichen Wien höfische Kultur und bäuerliche Derbheit miteinander verwoben waren. Das Veilchenfest selbst blieb dennoch eine beliebte Tradition, die den Übergang vom Winter zum Frühling feierte und die Menschen nach der kargen Winterzeit zusammenbrachte. Heute erinnert diese Geschichte an eine Zeit, als das Leben in Wien noch von anderen Rhythmen und Ritualen bestimmt wurde, und das erste Veilchen des Jahres ein Grund für ein großes Fest war. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Wien. 🙂



















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