Eine faszinierende Geschichte aus dem Wien des 17. Jahrhunderts dreht sich um einen Mann, dessen Name eng mit der Kaffeehauskultur verbunden ist: Georg Franz Kolschitzky. Geboren 1640 im Dorf Kultschytzi-Schlachetzki im damaligen Polen-Litauen, sollte er später eine wichtige Rolle in der Geschichte Wiens spielen. Stell Dir einen 16-jährigen Jungen vor, der nach Wien kommt – das war Kolschitzky. Was ihn besonders wertvoll machte, waren seine Sprachkenntnisse. Er beherrschte sowohl Rumänisch als auch Türkisch, was ihn zu einem gefragten Dolmetscher machte. Man könnte sagen, er war so etwas wie ein früher Kulturvermittler zwischen dem osmanischen Reich und der westlichen Welt. Seine Karriere begann vielversprechend: Von 1662 bis 1663 arbeitete er für den kaiserlichen Gesandten Johann Philipp Beris in Konstantinopel. Wenig später, von 1665 bis 1666, stieg er zum „Unterdolmetscher“ beim Botschafter Walter Leslie auf. Das war damals eine ziemlich wichtige Position. 1667 wurde es noch spannender: Kolschitzky trat der ersten Wiener Orientalischen Handelskompagnie bei. Das war quasi das „Amazon“ der damaligen Zeit für den Handel mit dem Orient. Er bereiste den gesamten Balkan und den europäischen Teil des Osmanischen Reichs – eine beeindruckende Leistung für die damalige Zeit, als Reisen noch eine echte Herausforderung war. Der wirkliche Wendepunkt in Kolschitzkys Leben kam mit der zweiten Türkenbelagerung Wiens. Stell Dir vor: Die Stadt ist von Juli bis September 1683 von den türkischen Truppen unter Kara Mustafa belagert. Die Situation ist ernst, die Wiener haben Angst – und mittendrin unser Held Kolschitzky. Als Mitglied einer polnischen Einheit unter König Jan III. Sobieski nutzte er seine besonderen Fähigkeiten: Zusammen mit seinem serbischen Diener Đorđe Mihajlović verkleidete er sich als Türke und schlich durch die feindlichen Linien. Das war keine Kleinigkeit – wenn sie erwischt worden wären, hätte das ihren sicheren Tod bedeutet. Aber sie schafften es und brachten die wichtige Nachricht zurück, dass das Entsatzheer bald kommen würde, was den Sieg über die Türken bedeutete. Für diese mutige Tat wurde Kolschitzky fürstlich belohnt: Er wurde zum kaiserlichen Dolmetscher ernannt, bekam ein regelmäßiges Gehalt und sogar ein Hofquartier. Das war der soziale Aufstieg schlechthin. Doch viel kostbarer war, dass er als Belohnung für seine Heldentat die von den Türken zurückgelassenen Bohnen bekam. Diese wurden von ihm geröstet, gemahlen, mit Wasser aufgekocht und ausgeschenkt. Zunächst kam das schwarze, heiße Getränk jedoch nur mäßig bei den Wienern an. Erst als er das Getränk mit Zucker süßte und mit Milch streckte, wurde das Getränk zum Verkaufsschlager. Dies war die Geburtsstunde vom Wiener Melange und das Wiener Kaffeehaus war geboren. Lange Zeit wurde Kolschitzky als der Gründer des ersten Wiener Kaffeehauses gefeiert. Die Legende besagt, dass er im Schlossergassel, heute am Stock-im-Eisen-Platz 4, das erste Kaffeehaus eröffnet hat. Aber wie so oft in der Geschichte ist die Wahrheit etwas komplizierter. Neuere Forschungen zeigen, dass eigentlich Johannes Theodat am 17. Januar 1685 das erste Wiener Kaffeehaus eröffnete. Kolschitzky bekam erst ein Jahr später, zusammen mit zwei anderen ehemaligen Kundschaftern, das Privileg zum Kaffeeausschank. Als „Hofbefreite“ mussten sie zwanzig Jahre lang keine Gewerbesteuer zahlen – ein ziemlich guter Deal. Interessanterweise ist nicht einmal sicher, ob Kolschitzky sein Privileg jemals selbst nutzte. Vielleicht hat er es verkauft oder verpachtet – die historischen Quellen schweigen darüber. Auch wenn die Geschichte vom ersten Kaffeehausbesitzer vielleicht nicht ganz stimmt – Kolschitzkys Bedeutung für Wien ist unbestritten. Kolschitzky starb am 19. Februar 1694 in Wien. Er hatte ein bewegtes Leben hinter sich: vom jungen Einwanderer zum geschätzten Dolmetscher, vom mutigen Kundschafter zum privilegierten Bürger der Stadt Wien, der bis heute mit Wiens Kaffeehauskultur in Verbindung gebracht wird. Denn die Wiener Kaffeehauskultur, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, verdankt Menschen wie Kolschitzky wichtige Impulse. Auch wenn er vielleicht nicht der erste Kaffeehausbesitzer war – er war einer der Pioniere, die den Weg für diese einzigartige Kulturform ebneten. Georg Franz Kolschitzky war eine faszinierende Persönlichkeit seiner Zeit: Dolmetscher, Geschäftsmann, Spion und möglicherweise Kaffeehausbetreiber. Seine Geschichte zeigt uns, wie einzelne Menschen in turbulenten Zeiten durch Mut und Geschick Geschichte schreiben können. Auch wenn nicht alle überlieferten Geschichten über ihn der historischen Wahrheit entsprechen – sein Beitrag zur kulturellen Entwicklung Wiens ist unbestritten. Übrigens soll er auch die Kipferl aus Rache an die Türken erfunden haben, ein süßes halbrundes Gebäck, das an den Halbmond erinnert, der 1683 in Wien untergegangen ist. Wenn Du das nächste Mal in einem Wiener Kaffeehaus sitzt, denkst Du vielleicht an Kolschitzky – einen der Männer, die dazu beitrugen, dass wir heute diese besondere Atmosphäre genießen können. In diesem Sinne viel Freude mit meinen Fotos von Wien. 🙂
Georg Franz Kolschitzky – Der Mann hinter der Wiener Kaffeehaus-Legende

Cafe Central, Wien, Isabella Müller, @isabella_muenchen
