Es war der Neujahrsmorgen 1958 als der populäre US-Psychiater und Kriminologe Douglas McGlashan Kelley im Angesicht von seiner Ehefrau, seinem erst 10 Jahre alten Sohn und seinem Vater eine Zyankali-Pille schluckte und damit Suizid beging. Kelley hatte damit wie sein ehemaliger Patient, der ranghöchste Nazi, Reichsfeldmarschall Hermann Göring, sich mit Zyankali sein Leben genommen, aber warum? Douglas McGlashan Kelley wurde am 11. August 1912 in Truckee, Kalifornien, geboren. Er war nicht nur ein herausragender Psychiater, sondern auch eine faszinierende Persönlichkeit, die während einer der turbulentesten Zeiten der Geschichte eine zentrale Rolle spielte. Kelleys beruflicher Werdegang ist untrennbar mit dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher verbunden, einem Meilenstein in der Rechtsprechung und der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen. Kelley wuchs als Nachkomme des Schriftstellers C. F. McGlashan in einer Umgebung auf, die ihm den Wert von Bildung und Wissen vermittelte. Er begann sein Medizinstudium an der University of California, Berkeley, und setzte seine Ausbildung an der University of California, San Francisco, fort. Seinen Doktortitel erwarb er 1940 am Columbia University College of Physicians and Surgeons. Nach seiner Promotion begann Kelley als Dozent an der University of California, San Francisco, zu arbeiten. Schon früh zeigte er Interesse an psychologischen Tests und veröffentlichte 1942 eigene Forschungen zum Rorschach-Test, einem der bekanntesten psychologischen Testverfahren zur Analyse von Persönlichkeit und Emotionen anhand der Deutung von Klecksographien. Im Jahr 1942 wurde Kelley als Armeepsychiater eingezogen und kam nach Kriegsende 1945 ins Camp Ashcan in Luxemburg, wo hochrangige nationalsozialistische Gefangene untergebracht waren. Dort arbeitete er in einer Gruppe von Psychologen und Psychiatern, die die psychologische Verfassung der 52 Inhaftierten untersuchen sollten. Zu den verwendeten Methoden gehörten auch die Rorschach-Tests, die Kelley so gut kannte. Als die Gefangenen in das Nürnberger Gefängnis verlegt wurden, erhielt Kelley den Befehl nach Nürnberg zu kommen, um seine Arbeit als Gerichtspsychiater fortzusetzen. In den Verhandlungen, die im November 1945 begannen, hatte er die verantwortungsvolle Aufgabe, die Zurechnungsfähigkeit der 22 Angeklagten zu bewerten. Eine besonders schwierige Aufgabe, da es auch um Persönlichkeiten wie Rudolf Heß und Hermann Göring ging. Gerade bei Rudolf Heß war die Frage der Zurechnungsfähigkeit von großer Bedeutung, und Kelley stand in engem Kontakt mit den Angeklagten. Während seiner Zeit in Nürnberg trat Kelley in engen Kontakt mit Göring, der ihm sogar einen persönlichen Brief schrieb. Diese Gespräche waren nicht nur psychologisch herausfordernd, sondern auch moralisch angespannt. Kelley musste sich ständig zwischen seiner professionellen Haltung und den schrecklichen Taten der Angeklagten navigieren. Kelley wurde zu einer wichtigen Bezugsperson von Göring, der Göring sogar von seiner Opiatsucht befreien konnte. Nach einem Monat in Nürnberg wurde Kelley von Leon Goldensohn abgelöst, obwohl sein Mitarbeiter Gustave M. Gilbert weiterhin als Gefängnispsychologe tätig war. Nach seinen Erfahrungen in Nürnberg wurde Kelley 1946 aus dem Militärdienst entlassen und erreichte den Rang eines Lieutenant Colonel. Er trat der Bowman Gray School of Medicine in Winston-Salem, North Carolina, bei. Im Jahr 1947 veröffentlichte er sein Buch „22 Cells in Nuremberg“, in dem er Einblicke in das Leben und die Psyche der Angeklagten gab. Kelleys Schriften trugen dazu bei, die komplexen psychologischen Aspekte der historischen Verfahren zu beleuchten. Ab 1949 war Kelley Professor für Psychiatrie und Kriminologie an der University of California in Berkeley. Hier setzte er seine Arbeit in der Lehre und Forschung fort, wobei er auch für die Polizei in Berkeley arbeitete und als psychiatrischer Gutachter in Mordprozessen fungierte. Kelleys Arbeiten reichten weit über die akademische Welt hinaus. Er produzierte auch kriminologische Unterrichtsmaterialien für das Bildungsfernsehen KQED. Trotz seines beruflichen Erfolgs war Kelleys Leben von inneren Kämpfen geprägt. Am Neujahrstag 1958 beging er im Kreise seiner Familie Suizid durch Zyankali. Dieser tragische Schritt hinterließ bei vielen Menschen Fragen und Trauer. Es wird darüber spekuliert, dass die psychologischen Belastungen und die Erfahrungen, die er während des Nürnberger Prozesses gemacht hatte, dazu beigetragen haben könnten, dass er in eine tiefe Depression fiel. Nachdem am 1. Oktober 1946 der Internationale Militärgerichtshof Hermann Göring in allen Punkten der Anklage für schuldig befunden und zum Tod durch Erhängen verurteilt hatte, beging dieser am 15. Oktober wenige Stunden vor seiner Hinrichtung in der Nürnberger Haftanstalt Selbstmord. Göring hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er damit prallte, dass er während des gesamten 11 Monate langen Prozesses stets eine Zyankalipille bei sich gehabt hatte. Bis heute rätseln Experten weltweit, wie die Zyankali-Pille in die streng bewachte Gefängniszelle gelangen konnte. Fest steht, dass Kelly nicht nur den geistigen Zustand der 22 höchstrangigen inhaftierten Nationalsozialisten untersuchte und sich um deren Gesundheitszustand kümmerte, damit diese lebend vor Gericht gestellt werden konnten, sondern er auch nach dem psychisch-mentalen Nenner für das Böse suchte. Fünfzig Jahre nach Kelleys Tod gab sein Sohn Jack El-Hai Interviews, um mehr über das Leben seines Vaters zu enthüllen. El-Hai hatte Zugang zu unveröffentlichtem Material und versuchte, Licht auf die möglichen psychischen Verwicklungen zwischen Kelley und seinen Klienten zu werfen. Dies führte zur Veröffentlichung eines spekulativen Buches, das Kelleys komplexe Persönlichkeit und die Herausforderungen, denen er sich stellen musste, untersucht. Douglas M. Kelley bleibt eine faszinierende Figur in der Geschichte der Psychiatrie und der Rechtswissenschaft. Sein Beitrag zum Verständnis der psychologischen Dimension von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und seine Rolle im Nürnberger Prozess sind von historischer Bedeutung. Zudem bietet sein Leben viele wichtige Lektionen über die Auswirkungen von Trauma und die Herausforderungen, die Psychiater in extremen Situationen bewältigen müssen. Seine Darstellung im BBC-Dokudrama „Nuremberg: Nazis on Trial“ im Jahr 2006, in dem Kelley von Stuart Bunce gespielt wurde, überträgt seine Geschichte auch auf die nächste Generation und hält sein Erbe lebendig. Kelleys Studien und seine Arbeit haben nicht nur die Psychiatrie prägend beeinflusst, sondern auch den rechtlichen Umgang mit Verbrechen in Kriegszeiten und die Behandlung von Täter-Psychologie revolutioniert. Insgesamt ist Douglas M. Kelley ein Beispiel dafür, wie das Leben und die Karriere eines Individuums nicht nur die persönliche Geschichte, sondern auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und moralischen Fragen prägen können. Sein Erbe fordert uns heraus, über die Komplexität humaner Natur und die Verantwortung, die wir gegenüber unserer eigenen Psychologie und den Geschichten anderer tragen, nachzudenken. In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Freude mit meinen Fotos von Nürnberg. 🙂
















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