Es gibt Strafsachen, die nicht nur wegen ihrer ungewöhnlichen Umstände für Aufsehen sorgen, sondern auch wegen der medialen Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwird. Der sogenannte „Fall des gefesselten Mormonen“, der sich 1977 in Großbritannien ereignete, ist ein solches Beispiel. Eine bizarre Mischung aus Entführung, Sexualdelikten und Flucht vor der Justiz machte diesen Fall zu einer skurrilen Mediengeschichte, die bis heute nachhallt. Doch hinter den Schlagzeilen verbirgt sich eine düstere Episode, die das Leben aller Beteiligten für immer verändert hat. Am 14. September 1977 wurde Kirk Anderson, ein 21-jähriger Missionar der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, vor einem Kirchengebäude in Ewell entführt. Berichten zufolge wandte sein Entführer, der 24-jährige Keith May, nicht nur Gewalt an, sondern gab auch vor, sich für die Lehren der Mormonen zu interessieren. Mit einer Spielzeugpistole und Chloroform überwältigte er Anderson und brachte ihn in ein abgelegenes Ferienhaus in Devon. Dort wartete Joyce McKinney, eine 28-jährige US-Amerikanerin, die sich selbst als ehemalige Schönheitskönigin bezeichnete. Laut Anderson wurde er dort drei Tage lang gegen seinen Willen festgehalten, an ein Bett gefesselt und von McKinney sexuell missbraucht. Er erzählte der Polizei, dass McKinney ihn gezwungen habe, in sie einzudringen – obwohl dies nach dem damaligen britischen Recht nicht als Vergewaltigung eingestuft wurde, da der Begriff ausschließlich für weibliche Opfer galt. Andersons Schilderung stieß auf Unglauben und Spott, insbesondere angesichts der körperlichen Unterschiede zwischen ihm und McKinney. Während Anderson 1,88 Meter groß war und rund 110 Kilogramm wog, brachte McKinney nur 54 Kilogramm auf die Waage. Dennoch gelang es Anderson nach einigen Tagen, zu fliehen und den Vorfall bei der Polizei anzuzeigen. Die Polizei handelte zügig und arrangierte ein Treffen zwischen Anderson und seinen mutmaßlichen Peinigern, um diese auf frischer Tat zu ertappen. Am 19. September 1977 wurden McKinney und May festgenommen und wegen Entführung und sexueller Nötigung angeklagt. Beide bestritten die Vorwürfe vehement. McKinney behauptete öffentlich, Anderson sei aus freien Stücken mit ihr gegangen. Sie erklärte sogar: „Ich liebte ihn so sehr, dass ich nackt den Mount Everest hinunterfahren würde, wenn er mich darum bäte.“ McKinney und Anderson hatten sich Mitte der 1970er Jahre kennen gelernt und eine kurze Affäre in Utah gehabt. Doch Anderson beendete die Liaison mit der blonden Schönheitskönigin McKinney, die den Titel „Miss Wyoming“ trug. Anderson wurde von einem Missionar nach England zurückgeschickt, was McKinny nicht akzeptierten wollte. Sie glaubte, dass Anderson einer Gehirnwäsche von seiner Kirchengemeinde unterzogen worden war. Schließlich fasste sie mit May den Plan zur Entführung von Anderson. Joyce MCKinney wurde 1949 in Avery County im US-Bundesstaat North Carolina als Tochter des Grundschuldirektors David und seiner Ehefrau Marylin, einer Lehrerin, geboren. Joyce, die von allen nur „Joy“ genannt wurde, war ein aufgewecktes Mädchen, das einen hohen IQ von 168 hatte. Nach erfolgreichem Abschluss der Cranberry High School 1967, machte sie einen Bachelor-Abschluss an der East Tennesse University und einen Master-Abschluss an der University of North Carolina. Während ihrer Studienzeit trat sie der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tager bei, mit der Absicht einen heiratswilligen, anständigen und gut situierten Ehemann dort zu finden. Joyce war nicht nur intelligent, sondern auch attraktiv, weshalb sie 1972 sogar zur Miss Wyoming gewählt wurde. Dadurch konnte sie an der Miss-USA-Wahl teilnehmen. Doch Joyces Traum platzte und sie entschied sich in Provo an der Brigham Young University Schauspiel zu studieren, wo sie sich 1976 an der Film- und Theaterhochschule einschrieb. Dort lernte sie den Schauspielkollegen Kirk Anderson kennen. Einen 19 Jahre alten jungen Mann, der nicht nur leidenschaftlich Posaune spielte, sondern auch das Melchizedek-Priestertum der Mormonen empfangen hatte. Trotz dass sie aus religiösen Gründen der vorehelichen Enthaltsamkeit verpflichtet waren, kam es zwischen den beiden zum Sex. Anderson floh daraufhin zunächst unter falschen Namen nach Oregon, bevor er eine Mission im Ausland annahm. Joyce, die unsterblich in Anderson verliebt war, engagierte schließlich einen Privatdetektiv, der tatsächlich Anderson in Ewell aufspürte. Joyce schmiedete nun gemeinsam mit ihrem Freund Keith Joseph May, der in Joyce heimlich verliebt war, den Plan zur Entführung von Anderson, die in einem medialen Skandal endete. Die Öffentlichkeit verfolgte den Fall mit großem Interesse, doch teilweise aufgrund von Gesetzeslücken wurde keine Anklage wegen Vergewaltigung erhoben. Die damals geltende Gesetzgebung – der Sexual Offences Act von 1956 – deckte keine Fälle ab, in denen Männer Opfer sexueller Gewalt durch Frauen waren. Stattdessen lautete die Anklage „unzüchtige Belästigung“. Im April 1978 flohen McKinney und May, die gegen Kaution auf freiem Fuß waren, kurz vor Beginn ihres Prozesses in die USA. Im Juni 1978 wurden beide in Abwesenheit zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt. Die britischen Behörden leiteten jedoch kein Auslieferungsverfahren ein, sodass die Angeklagten einer Strafverfolgung entgingen. Der Fall stieß auf großes Medieninteresse. Britische Boulevardzeitungen wie der *Daily Mirror* und die *Daily Mail* lieferten sich ein regelrechtes Wettrennen um Exklusivberichte. Der Fokus lag oft auf anzüglichen Details aus McKinneys Vergangenheit – wie beispielsweise ihrer angeblichen Tätigkeit als Aktmodell und Prostituierter im SM-Bereich. Die sensationslüsterne Berichterstattung wurde später von verschiedenen Seiten kritisiert, darunter auch von einem Ausschuss der Church of Scotland, der 1979 die „Schadenfreude“ und die „obszönen Illustrationen“ in den Artikeln anprangerte. Die Außergewöhnlichkeit des Falls – insbesondere die angebliche Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau – ließ viele Menschen Zweifel äußern. Geschlechtsstereotypen und gesellschaftliche Tabus verhinderten, dass Andersons Schilderung von allen ernst genommen wurde. Der Fall machte somit auch deutlich die rechtlichen und kulturellen Defizite im Umgang mit männlichen Opfern sexueller Gewalt. In den Jahren nach ihrer Flucht sorgte McKinney wiederholt für Schlagzeilen. 1984 wurde sie in den Vereinigten Staaten erneut festgenommen, weil sie Anderson, der inzwischen verheiratet war, belästigt hatte. Bei ihrer Festnahme fand die Polizei Handschellen, Seile und Landkarten in ihrem Fahrzeug, was darauf hindeutete, dass sie möglicherweise geplant hatte, ihren ehemaligen Partner erneut zu entführen. Der Fall war eigentlich längst in Vergessenheit geraten, bis McKinney 2008 plötzlich wieder Schlagzeilen machte. Der Grund war, dass sie ihren Hund in Südkorea klonen ließ – ein weltweit einzigartiges und äußerst medienwirksames Ereignis. Journalisten erkannten schnell Parallelen zwischen der Frau, die ihrem verstorbenen Haustier ein zweites Leben schenken wollte, und der Hauptfigur im Fall des „Gefesselten Mormonen“. McKinney bestritt zunächst jeglichen Zusammenhang mit ihrer kriminellen Vergangenheit, gab später jedoch zu, dass sie dieselbe Person war. Der erneute Medienrummel veranlasste den renommierten Dokumentarfilmer Errol Morris, die Geschichte in seinem Film *Tabloid* aus dem Jahr 2010 zu beleuchten. Der Film enthüllte neue Details, darunter die Tatsache, dass McKinney als Callgirl gearbeitet hatte, um ihre Reisen zu finanzieren. Der Film veranschaulicht eindrucksvoll, wie sich die öffentliche Wahrnehmung des Falls im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat. Die Chronik von McKinneys dramatischem Leben erreichte 2019 ein trauriges Kapitel. Nachdem sie jahrelang obdachlos in ihrem Fahrzeug gelebt hatte, war sie in einen tödlichen Verkehrsunfall verwickelt. Ihr wurde vorgeworfen, mit einem Pick-up einen 91-jährigen Mann auf einem Zebrastreifen überfahren und sich anschließend vom Unfallort entfernt zu haben. Die Ermittler fanden McKinney schließlich in Burbank in ihrem Fahrzeug, wo sie mit ihren Hunden lebte. Die Anklage umfasste mehrere schwere Straftaten, darunter fahrlässige Tötung und Flucht vom Unfallort. McKinney wurde jedoch letztendlich für verhandlungsunfähig erklärt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Fall wurde nie abgeschlossen, da Ärzte und Gerichte wiederholt feststellten, dass sie psychisch nicht in der Lage war, vor Gericht zu erscheinen. Der Fall des „Gefesselten Mormonen“ ist mehr als nur eine bizarre Anekdote aus der Kriminalgeschichte. Er wirft grundlegende Fragen auf: nach Geschlechterrollen bei der Definition von Sexualdelikten, nach dem Einfluss der Medien auf die öffentliche Meinung und nach den langfristigen Auswirkungen von Traumata – sowohl für Opfer als auch für Täter. Joyce McKinney bleibt eine umstrittene Persönlichkeit, deren Leben von Extremen geprägt war. Von der einst glamourösen „Miss Wyoming“ bis hin zu einer obdachlosen Frau, die in rechtliche und psychische Abgründe stürzte, ist ihr Werdegang ein Paradebeispiel dafür, wie eng Ruhm und Tragödie oft miteinander verflochten sind. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Wyoming, wo Joyce einst zur „Miss Wyoming“ gekrönt worden war. 🙂






















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