Am 27. Juni 1977 ereignete sich in Duluth im US-Bundesstaat Minnesota eines der berüchtigtsten Verbrechen der amerikanischen Kriminalgeschichte – die Morde an der 83 Jahre alten Elisabeth Mannering Congdon und ihrer Nachtpflegerin Velma Pietila auf dem prächtigen historischen Anwesen Glensheen. Was zunächst wie ein Raubmord aussah, entpuppte sich bald als komplexer Fall voller familiärer Intrigen, finanzieller Motive und tragischer Wendungen. Glensheen ist ein opulentes Anwesen mit 39 Zimmern, das Chester Adgate Congdon 1905 auf einem 22 Hektar großen Grundstück in Duluth errichten ließ. Der wohlhabende Industrielle und Rechtsanwalt vollendete den Bau des Herrenhauses über mehrere Jahre hinweg, bevor er 1916 verstarb. Seine Frau Clara lebte bis 1950; danach ging das Anwesen an ihre Tochter Elisabeth Mannering Congdon über, die am 22. April 1894 geboren wurde und unverheiratet blieb. Elisabeth adoptierte zwei Töchter: Jacqueline Barnes (umbenannt in Marjorie Mannering Congdon) im Jahr 1932 und Jennifer Susan Congdon im Jahr 1935. Marjorie war eine eigensinnige Frau; sie hatte sieben Kinder aus erster Ehe, ließ sich aber nach 20 Jahren Ehe scheiden und suchte schließlich ihr Glück in Colorado, wo sie den ehemaligen Sportler Roger Caldwell heiratete. Gegen Ende ihres Lebens litt Elisabeth aufgrund eines Schlaganfalls an einer Hemiplegie und war an den Rollstuhl gebunden. Aus gesundheitlichen Gründen benötigte sie rund um die Uhr Pflege, die unter anderem von Velma Pietila geleistet wurde. Elisabeths enormes Vermögen – geschätzt auf etwa acht Millionen US-Dollar – wurde in einem Treuhandfond verwaltet, was auch Druck auf Marjorie und Roger ausübte, da ihr eigenes Bankkonto fast aufgebraucht war und ihre finanziellen Mittel abgeschnitten worden waren. Ihre finanzielle Lage war prekär; das Paar verlor sein Haus und seine Fahrzeuge durch Zwangsvollstreckung. Vor Elisabeths Tod war geplant, das stattliche Anwesen der University of Minnesota Duluth zu vermachen – ein kulturelles Erbe, das allen Menschen offenstehen sollte. Am frühen Morgen des 27. Juni 1977 wurden Elisabeth Congdon und Velma Pietila in Glensheen tot aufgefunden. Die Leichen wiesen Spuren brutaler Gewalt auf: Velma war auf der eleganten Haupttreppe von hinten mit einem schweren Messingkerzenleuchter erschlagen worden; ihr Schädel wies mehrere schwere Brüche auf. Elisabeth hingegen wurde leblos im Schlafzimmer aufgefunden; sie war durch Ersticken mit einem Satinkissen ermordet worden, das ihr über den Mund gezogen worden war. Die sorgfältig eingerichteten Räume wiesen Einbruchsspuren auf: Schmuckkästchen fehlten, und der Raum wirkte durchwühlt. Velma Pietila, geboren am 26. April 1911, war eigentlich bereits im Ruhestand, war jedoch als Aushilfskraft für die Nachtschicht eingestellt worden. Ihr plötzlicher Tod schockierte die Gemeinde und löste eine intensive Suche nach dem Täter aus. Pietilas Auto wurde am nächsten Tag auf dem Flughafenparkplatz entdeckt – ein Umstand, der darauf hindeutete, dass der oder die Täter ihre Flucht geplant hatten. Die Ermittlungen richteten sich schnell auf die Familie Congdon, insbesondere auf Marjorie und ihren Ehemann Roger Caldwell. Es war bekannt, dass Marjorie finanziell direkt vom Tod ihrer Adoptivmutter profitieren würde. Nur wenige Tage vor dem Mord hatte sie Dokumente unterzeichnet, die Roger einen erheblichen Teil ihres Erbes von 8 Millionen US-Dollar zusicherten – etwa 2,5 Millionen Dollar. Diese Tatsache verstärkte die Zweifel an ihrer Unschuld. Die Polizei fand am Tatort belastende Beweise: In Velmás Hand wurde ein Haar gefunden, das mit dem von Roger Caldwell übereinstimmte, ebenso wie ein Fingerabdruck auf einem am Tatort gefundenen Umschlag, der von Glensheen an Roger verschickt worden war. Diese Beweise waren entscheidend für die Anklage. Roger Caldwell wurde 1978 als Haupttäter verurteilt. Die Staatsanwaltschaft argumentierte überzeugend, dass der Mord aus Gier begangen wurde, um an das Vermögen von Elisabeth Congdon zu gelangen. Der Prozess erregte großes Medieninteresse. Marjorie hingegen wurde ein Jahr später freigesprochen. Während ihres Prozesses begannen die Beweise zu bröckeln: Ein Sachverständiger stellte den auf dem Umschlag gefundenen Fingerabdruck in Frage, und ein wichtiger Zeuge, der Rogers Alibi bestätigen sollte, widerrief später seine Aussage. Diese Entwicklungen untergruben die Argumentation der Staatsanwaltschaft erheblich und führten dazu, dass der Oberste Gerichtshof von Minnesota Rogers Verurteilung 1982 aufhob. Die Staatsanwaltschaft sah sich somit dem Risiko eines weiteren Freispruchs gegenüber. Roger entschied sich daraufhin für einen Deal mit der Staatsanwaltschaft: Am 5. Juli 1983 bekannte er sich des Totschlags zweiten Grades schuldig – ein Teilgeständnis, bei dem ihm die fünf Jahre, die er bereits verbüßt hatte, angerechnet wurden. Er wurde am 5. Juli 1983 aus der Haft entlassen, nahm sich jedoch am 18. Mai 1988 das Leben. Obwohl Marjorie rechtlich nie wegen der Morde verurteilt wurde, verfolgte sie der Verdacht für den Rest ihres Lebens. Fünf ihrer sieben Kinder reichten eine Zivilklage ein, um ihren Erbanteil zu beschränken, und hatten Erfolg – fortan erhielt Marjorie nur noch eine jährliche Zahlung von 40.000 Dollar. In den folgenden Jahren geriet Marjorie mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt: Sie wurde wegen Brandstiftung in ihrem eigenen Haus verurteilt und verbrachte fast zwei Jahre im Gefängnis. Später wurde sie erneut wegen Brandstiftung verurteilt und musste eine 15-jährige Haftstrafe verbüßen. Zu ihren kriminellen Aktivitäten gehörte auch Betrug. Sie manipulierte die Bankkonten eines Mannes, Roger Sammis, den sie kurz vor seinem Tod gepflegt hatte, und wurde 2009 zu drei Jahren Bewährung verurteilt. Während dieser turbulenten Phase ihres Lebens wurde Marjorie zudem wegen Bigamie angeklagt, was ihr weitere negative Presse einbrachte. Jahrzehnte nach der Tat ermöglichten moderne forensische Methoden eine erneute Überprüfung der Beweise. John DeSanto, der damalige Bezirksstaatsanwalt, hatte den umstrittenen Umschlag mit dem Fingerabdruck aufbewahrt. Dank moderner DNA-Analyse konnte dieser Abdruck mit 99-prozentiger Sicherheit als der von Roger Caldwell identifiziert werden – eine verspätete Bestätigung seiner Schuld. Zwei Jahre nach den Morden öffnete das Glensheen-Anwesen als Museum seine Türen für Besucher. Anfangs wurden die Führungspersonen angewiesen, das Thema der Morde um jeden Preis zu vermeiden, um Besucher nicht abzuschrecken. Erst 2005 wurde eine offizielle Richtlinie eingeführt, die es den Führungspersonen erlaubt, auf Anfrage über die dunklen Kapitel der Geschichte des Anwesens zu sprechen. Heute zieht das Anwesen zahlreiche Touristen an, die von seiner Architektur, seiner Geschichte und nicht zuletzt von dem makabren Verbrechen angezogen werden, das einen Schatten darauf wirft. Die Glensheen-Morde sind mehr als nur ein ungelöstes Krimidrama – sie spiegeln eine Familientragödie wider, die von Macht, Gier und Verrat geprägt ist. Die Kombination aus einem luxuriösen Lebensstil, der schwachen Gesundheit der Opfer und der verzweifelten Lage der Täter schuf eine explosive Mischung. Auch wenn Roger Caldwell letztendlich als Täter identifiziert wurde, bleibt der Fall ein facettenreicher Teil der amerikanischen Kriminalgeschichte, der immer wieder neu beleuchtet und diskutiert wird. Die Tragödie der Opfer, die juristischen Wendungen und das spätere Schicksal von Marjorie prägen die Erinnerung an jenen dunklen Tag in Glensheen. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von der Hafenstadt Duluth, in der sich einst die Familientragödie zugetragen hat. 🙂




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