Eine der faszinierendsten Kriminalgeschichten des 19. Jahrhunderts ist die von Englands erstem Eisenbahnmörder. Dieser war der 24 Jahre alte Franz Müller, ein deutscher Büchsenmacher, der in London als Schneider arbeitete. Sein Name wird für immer mit dem ersten Mord in einem britischen Zug verbunden sein, der nicht nur die Öffentlichkeit in Aufregung versetzte, sondern auch die Sicherheitsvorkehrungen im Schienenverkehr maßgeblich beeinflusste. Es war der 9. Juli 1864, ein gewöhnlicher Tag in London, bis er schreckliche Wendungen nahm. Um 21:50 Uhr stieg Thomas Briggs, ein 69-jähriger Bankier, in den Zug der North London Railway ein, der ihn von der Fenchurch Street zur Chalk Farm bringen sollte. Was folgte, war ein brutaler Überfall, der aus einem schrecklichen Verbrechen bestand. Briggs wurde geschlagen und ausgeraubt. Sein Angreifer entwendete seine goldene Uhr und die dazugehörige Kette, ließ jedoch das Bargeld in seinen Taschen zurück. Danach warf er Briggs einfach aus dem Abteil, als ob er ein Stück Müll wäre. Kurze Zeit später, gegen 22:00 Uhr, entdeckte der Fahrer eines Zuges, der in die entgegengesetzte Richtung fuhr, Briggs leblosen Körper am Gleis zwischen Bow und Hackney Wick. Der arme Mann lag mit dem Kopf in Richtung Hackney und den Füßen nach London, als würde er selbst ins Ungewisse gehen wollen. Trotz aller Bemühungen, ihn zu retten, starb er kurz darauf. Die Ermittlungen übernahm der Inspector Richard Tanner vom Scotland Yard, der von allen nur „Dick Tanner“ genannt wurde. Ein Wachmann berichtete von Blutlachen im Abteil, und die Polizei fand einen schwarzen Biberhut. Zunächst dachte man, dass dieser Hut Briggs gehörte, aber es stellte sich schnell heraus, dass er dem Mörder gehörte. Ein erster Hinweis auf die Identität des Täters. Allem Anschein nach hatte dieser seinen Hut gegen den von Briggs getauscht, was sich später als fataler Fehler herausstellen sollte. Innerhalb von 11 Tagen schaffte es Inspector Tanner den Juwelier zu finden, bei dem der Mörder die Uhr samt Kette gegen eine andere eingetauscht hatte. Dieser war der Juwelier John Death in Cheapside. Der Mörder hatte die Uhr in einem Karton mitgenommen, der den Stempel von John Death trug. Diesen Karton entdeckte die Zimmerwirtin des Mörders. Dadurch konnte dieser als Franz Müller identifiziert werden. Auch der Juwelier bestätigte anhand eines Fotos, dass dieser der junge Mann war, der am 11. Juli eine Uhr mit Goldkette gegen eine andere eingetauscht hatte, die eindeutig dem toten Bankier Briggs gehört hatte. Mit diesen durchschlagenden Beweisen wurde ein Haftbefehl gegen Müller ausgestellt. Doch zu spät! Müller war bereits an Bord eines Segelschiffs, der Victoria, und segelte nach New York. Scotland Yard war in Alarmbereitschaft, und Inspektor Richard Tanner machte sich zusammen mit dem Juwelier und der Zimmerwirtin auf den Weg, um Müller zu verfolgen. Sie reisten auf dem Inman-Dampfer City of Manchester und kamen drei Wochen vor Müller in New York an. Am 25. August 1864 kam Müller schließlich in Manhattan an, wo er festgenommen wurde. Bei seiner Festnahme wurde Briggs modifizierter Hut gefunden. Müller hatte die Krone des Hutes halbiert und bis zum Rand genäht. Ein erbärmlicher Versuch, seine Identität zu verschleiern. Ein amerikanischer Richter stimmte Müllers Auslieferung zu, so dass Müller nach Großbritannien zurückgebracht werden konnte. Dies war nicht selbstverständlich, da Amerika damals einen Groll gegen England hegte, da diese sich in den amerikanischen Bürgerkrieg eingemischt hatten. Als der Prozess begann, beruhte die Beweisführung gegen Müller größtenteils auf Indizien. Müller beharrte während des gesamten dreitägigen Prozesses darauf, unschuldig zu sein. Es war für Franz Müller ein Schock, als das Urteil verkündet wurde, da er für schuldig befunden und zum Tode durch Erhängen verurteilt wurde. Trotz der Intervention von König Wilhelm I. von Preußen, der versuchte, die britische Regierung davon abzuhalten, die Hinrichtung durchzuführen und das Todesurteil ins lebenslange Haft umzuwandeln, blieb es beim Todesurteil. Am 14. November 1864 einem kalten, nebligen Tag fand die öffentliche Hinrichtung von Franz Müller vor dem Newgate Prison statt. Schätzungen zufolge versammelten sich etwa 50.000 Menschen, um dem Spektakel beizuwohnen. Unter den Zuschauern herrschte eine Mischung aus Trunkenheit und zügellosem Verhalten. Obwohl dies eine der letzten öffentlichen Hinrichtungen in England war, endeten solche Ereignisse erst mit dem Capital Punishment Amendment Act von 1868. Obgleich Franz Müller während des Prozesses seine Unschuld beteuert hatte, gestand er kurz vor der Hinrichtung den Mord Dr. Louis Cappel, einem lutherischen Pfarrer. Dieser hatte einen Besuch bei Müller gemacht, der später von seinen letzten Worten auf Deutsch berichtete: „Ich habe es getan“ – eine direkte Antwort auf die Frage, ob er für den Tod von Briggs verantwortlich sei. Briggs war in einem geschlossenen Abteil ohne Korridor ermordet worden. Nachdem der Zug einmal gestartet war, gab es keine Möglichkeit mehr, zum nächsten Bahnhof zu reisen. Dies führte zu einer öffentlichen Diskussion über Sicherheit und Kommunikation im Schienenverkehr. Die Reaktionen auf diesen Mord waren erheblich. Der Fall von Franz Müller führte letztendlich zur Einführung von Kommunikationskabeln in Zügen, die es Passagieren ermöglichten, mit der Besatzung Kontakt aufzunehmen. Dies wurde in der Regelung des Eisenbahngesetzes von 1868 verankert. Außerdem entstanden neue Wagen mit Seitenkorridoren, die es Passagieren erlaubten, sich während der Fahrt zu bewegen und sich sicherer zu fühlen. Einige bestehende Wagen wurden sogar modifiziert und erhielten kreisförmige Gucklöcher in den Trennwänden. Franz Müllers Geschichte ist ein faszinierendes, wenn auch tragisches Kapitel in der britischen Kriminalgeschichte. Der erste Mord in einem britischen Zug hat nicht nur das Leben eines Mannes gefordert, sondern auch die Sicherheitsstandards im Schienenverkehr grundlegend verändert. Es erinnert uns an die dunklen Schatten, die manchmal hinter einem alltäglichen Ereignis lauern können, und dass selbst in den sichersten Teilen unserer Gesellschaft Gefahr aus den dunkelsten Ecken hervortreten kann. In diesem Sinne viel Freude mit meinen Fotos von London, wo der erste Eisenbahnmord stattgefunden hatte. 🙂















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