Irland hatte nie traditionelle Kronjuwelen, doch die juwelenbesetzten Insignien des Erlauchtesten Ordens von St. Patrick erhielten nach ihrem Verschwinden einen solch pompösen Titel. Diese prächtigen Stücke wurden vom König als Souverän des Ordens insbesondere bei der offiziellen Investitur neuer Ordensritter getragen. Im Jahr 1907 wurden die Juwelen aus dem Dublin Castle gestohlen und gelten seither als verschollen. Dieser Diebstahl wurde bisher nicht aufgeklärt und gilt als eines der faszinierendsten ungelösten Rätsel Irlands. Im Jahr 1783 gründete König Georg III. den Orden von St. Patrick. Zu den Insignien des Ordens gehörten ein Bruststern und ein Ordensabzeichen als Anhänger zum Schulterband. König Wilhelm IV. ließ sich 1831 entsprechende Stücke anfertigen, die kostbar mit Rubinen, Smaragden und brasilianischen Diamanten besetzt waren. Diese bedeutsamen Stücke wurden bei offiziellen Veranstaltungen vom König oder, falls er nicht persönlich anwesend sein konnte, vom Lord Lieutenant of Ireland als Großmeister des Ordens getragen. Die eigentlichen Insignien des Erlauchten Ordens von St. Patrick fristeten ein recht ereignisloses Dasein in Dublin Castle, bis es zu einem der mysteriösesten Diebstähle der Geschichte kam. Dass diese Insignien selbst keine typischen Kronjuwelen darstellten und keine Krone zu dem Ensemble gehörte, war ebenfalls bemerkenswert. König Wilhelm IV. hatte einen Bruststern mit Kleeblatt und Kreuz, einen Orden und ein Schulterband anfertigen lassen, verziert mit brasilianischen Diamanten und Smaragden. Die prächtigen Schmuckstücke sollten stets sicher aufbewahrt werden, wenn sie nicht in Gebrauch waren. So lagen sie gewöhnlich im Tresor des Bedford Towers in Dublin Castle. Die Einrichtung des Büros des Officer of Arms, Sir Arthur Vicars, wurde 1903 hierhin verlegt, um größtmögliche Sicherheit zu garantieren. Zudem befand sich das Hauptquartier der Metropolitan Police im Schloss, was umfassenden Polizeischutz gewährleistete. Am 6. Juli 1907, nur vier Tage vor dem Staatsbesuch von König Eduard VII. und Königin Alexandra in Dublin, wurde festgestellt, dass die Kronjuwelen verschwunden waren. In dem Tresor, der sich im Büro des Officer of Arms von Dublin Castle, Sir Arthur Vicars, befand, lagen nur ihre Schachteln, fein säuberlich zurück gefaltet. Es schien, als habe sich ein Dieb in aller Ruhe bedient und sei danach unbehelligt hinaus spaziert. Die Polizei ging schnell davon aus, dass jemand aus dem inneren Zirkel des Schlosses zumindest am Raub beteiligt gewesen sein musste. Arthur Vicars fiel zunächst auf, dass die Insignien fehlten. Die herbeigerufene Polizei konnte keine brauchbaren Spuren finden, was darauf hindeutete, dass der Dieb Zugang zu den Räumen hatte, in denen die Juwelen aufbewahrt wurden. Die sieben Schlüssel der Bürotür befanden sich in der Obhut von Vicars und seinen Mitarbeitern, während zwei weitere Tresorschlüssel einzig in Vicars’ Besitz waren. Doch Vicars war dafür bekannt, sich regelmäßig zu betrinken. Einmal erwachte er sogar mit den Juwelen um den Hals. Es ist nicht bekannt, ob dies ein Scherz oder eine für ihn typische Handlung war. Erbost drang der König auf schnellstmögliche Aufklärung, da sein Besuch in Dublin auch politische Bedeutung hatte. Zwar befand sich Irland noch nicht im Unabhängigkeitskrieg, doch die Spaltung zwischen Unionisten und Nationalisten war bereits weit vorangeschritten. Auf der Weltausstellung gab es getrennte irische und britische Pavillons, und politische Spannungen brodelten unter der Oberfläche. Einen Skandal konnte der König in dieser Situation nicht brauchen. Scotland Yard schaltete sich später ein, doch deren Bericht erschreckte Edward VII. offenbar so sehr, dass dieser nie veröffentlicht wurde. Auch ein hoher Finderlohn konnte die Juwelen nicht wieder zutage fördern. Zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung trudelten ein, doch keiner führte zur Lösung des Falls. In seiner Verzweiflung ging Vicars sogar dem Fingerzeig einer Wahrsagerin nach und ließ angeblich zwei Dubliner Friedhöfe umgraben. Zum Kreis der Verdächtigen gehörte ein illustrer Kreis um Vicars. Er hatte einige unglückliche Entscheidungen getroffen, darunter die Einrichtung des Tresorraums, dessen Ausführung nicht frei von Fehlern war. Man hatte nicht bedacht, dass der Safe auch durch die Tür passen musste, sodass der Safe letztlich in der Bibliothek aufgestellt wurde – einem Durchgangszimmer. Die Liste der Personen, die Zutritt hatten, war jedoch übersichtlich. Vicars war der einzige, der einen Tresorschlüssel besaß, und ein Ersatzschlüssel lag in seiner Privatwohnung. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass Vicars regelmäßig wilde Partys im Büro feierte und mindestens einmal so betrunken war, dass seine Kumpane ihm den Schlüssel abnahmen, die Insignien im Jux entwendeten und ihm einige Tage später per Post zurückschickten. Francis Shackleton, Bruder des berühmten Polarforschers Ernest Shackleton, gehörte zu den Verdächtigen. Als offenes Geheimnis war bekannt, dass Francis schwul war und zudem oft in Geldnot steckte. Er residierte häufig in der Privatwohnung von Vicars und hätte somit leicht Zugang zu den Tresorschlüsseln gehabt. Historiker vermuten, dass er auch im Scotland-Yard-Bericht vorkam und der König diesen aus Angst vor einem Sexskandal verschwinden ließ. Ein weiterer Verdächtiger war Francis Bennett-Goldney, ein Mann aus einer Antiquitätenhändlerfamilie, der mit einem royalem Empfehlungsschreiben an eine Stelle bei Vicars gelangte. Jahrzehnte später stellte sich heraus, dass Bennett-Goldney ein geheimes Lager mit Diebesgut besaß, doch die Kronjuwelen waren auch bei ihm nicht zu finden. Arthur Vicars beteuerte bis zu seinem Tod, dass er keinem seiner Freunde ein solches Verbrechen zutraute. Für seine notorische Nachlässigkeit wurde er am Ende unehrenhaft entlassen und am 14. April 1921 von der IRA erschossen. Die Juwelen aber bleiben verschwunden. Seit dem Diebstahl der Kronjuwelen im Jahr 1907 hat der mysteriöse Fall zahlreiche Schriftsteller inspiriert. Offiziell wurde der Fall nie gelöst, doch schon 1908 schrieb der berühmte Autor Arthur Conan Doyle eine Variante des Diebstahls in der Sherlock-Holmes-Kurzgeschichte „The Bruce-Partington Plans“, welche im Strand Magazin und später im Sammelband „Seine Abschiedsvorstellung“ 1917 veröffentlicht wurde. Statt der Juwelen bildeten U-Boot-Pläne das Diebesgut, doch die Ähnlichkeiten sind sehr akribisch zusammengestellt. Die letzte Veröffentlichung stammt aus dem Jahr 2010 von Sean Marshall mit dem Titel „The Patricius Enigma“. Seit über einem Jahrhundert sind die irischen Kronjuwelen spurlos verschwunden, und der Fall bleibt ungelöst. Die Geschichte glänzt weniger durch ihre weltpolitische Bedeutung als durch ihr abruptes Ende und einige absurde Verwicklungen. Die Preziosen sind seit 1907 wie vom Erdboden verschluckt, und die zahlreichen Theorien und Verdächtigungen haben bis heute keinen klaren Täter hervorgebracht. Der Diebstahl der irischen Kronjuwelen, die Symbole der Loyalität zur britischen Monarchie und dem Einfluss auf Irland darstellen, bleibt eines der größten Mysterien der Geschichte Irlands. In diesem Sinne viel Freude mit meinen Fotos von Dublin. 🙂



















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