Der Fall Catrine da Costa ist einer der rätselhaftesten und umstrittensten Kriminalfälle in der schwedischen Geschichte. Er sorgt seit Jahrzehnten für Aufsehen, nicht nur wegen der Brutalität der Tat, sondern auch wegen seiner rechtlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen, die weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung fanden. Bis heute bleibt die Frage unbeantwortet: Wer hat Catrine da Costa ermordet? Catrine da Costa war eine 28-jährige Frau, die im Juni 1984 spurlos verschwand. Catrine da Costa erblickte als Catrine Bäckström 1956 in der schwedischen Stadt Luleå das Licht der Welt. Ihre Familie siedelte später nach Solna um. Schon während ihrer Teenagerzeit konsumierte Catrine leichte Drogen wie Marihuana, die Mitte der 1970er Jahre schon auf der Straße lebte und ihren Lebensunterhalt mit Prostitution in Stockholms berüchtigtem Rotlichtviertel Malmskillnadsgatan verdiente. Anno 1976 unternahm Catrine eine Reise in die portugiesische Stadt Coimbra, wo sie sich in einen Portugiesen verliebte, den sie heiratete und mit dem sie einen Sohn zeugte. Doch das Glück währte nur kurz, da ihre Ehe aufgrund von Catrines Drogensucht zerbrach. Catrine kehrte mit dem gemeinsamen Sohn nach Schweden zurück, wo ihr die Sozialbehörden ihr Kind wegnahmen, da Catrine weiterhin heroinabhängig war und sich prostituierte. Catrines Leben war von schwierigen Lebensumständen geprägt, und sie gehörte zu einer der am stärksten marginalisierten Gruppen der Gesellschaft. Im Juni 1984 verschwand Catrine. Augenzeugen zufolge wurde sie zuletzt am 15. Juni in der Nähe der Gamla Brogatan in Stockholm gesehen – zusammen mit einem unbekannten Mann mittleren Alters. Am 18. Juli 1984 fand ein Mann, der mit seinem Hund Gassi ging, auf einem Parkplatz unweit des Kahlbergparken in Talludda zwei schwarze Plastiksäcke. In diesen befanden sich zerstückelte menschliche Überreste einer Frau. Am 7. August wurden in Eugeniavägen in der Nähe des Karolinska Institutet weitere Tüten mit weiteren Teilen desselben Körpers gefunden. Entscheidende Körperteile, darunter der Kopf, die inneren Organe und die Genitalien, wurden jedoch nie gefunden. Dies machte es unmöglich, die Todesursache mit Sicherheit festzustellen. Obwohl es sich um ein besonders brutales Verbrechen handelte, schenkte die Polizei dem Fall zunächst wenig Beachtung, da Schweden zu dieser Zeit eine hohe Zahl schwerer Gewaltverbrechen verzeichnete. Erst später rückte der Fall in den Mittelpunkt der öffentlichen und juristischen Debatte. Diese menschlichen Überreste wurden nach gerichtsmedizinischen Untersuchungen als die von Catrine da Costa identifiziert. Die Art der Zerstücklung deutete daraufhin, dass der Täter über medizinische Fachkenntnisse verfügte. Zu den ersten Verdächtigen gehörte der 30-jährige Pathologe Teet Härm, der am renommierten Karolinska Institutet tätig war. Es gab keine direkten Beweise, die Härm mit dem Mord in Verbindung brachten, doch sein Schwiegervater vermutete, dass Härm möglicherweise am Tod seiner Tochter – Härms Ehefrau – beteiligt gewesen sein könnte, die offiziell Selbstmord begangen hatte. Diese Vorwürfe konnten später durch keine verlässlichen Beweise untermauert werden. Dennoch geriet Härm ins Visier der Ermittler, unter anderem weil sich sein Arbeitsplatz zwischen den Orten befand, an denen die Leichenteile von Catrine da Costa gefunden worden waren. Härm wurde am 3. Dezember 1984 verhaftet, doch mangels an Beweisen wieder freigelassen. Härm versuchte sich anschließend das Leben zu nehmen, der in den Medien nur als der „Pathologe“ bezeichnet wurde, konnte jedoch noch rechtzeitig gerettet werden. Zwar überlebte Härm, doch er büßte einen Großteil seines Hörvermögens ein. Ein weiterer Verdächtiger in diesem komplexen Fall war Thomas Allgén, ein Allgemeinmediziner, der mit Härm zusammengearbeitet hatte. Die Polizei wurde auf ihn aufmerksam, nachdem seine Frau behauptet hatte, ihre Tochter sei möglicherweise Opfer sexuellen Missbrauchs durch ihren Vater geworden. Diese Behauptung wurde jedoch durch medizinische Untersuchungen widerlegt. Die Situation eskalierte, als die erst 27 Monate alte Tochter später angeblich davon sprach, Zeugin eines Mordes gewesen zu sein. Diese Aussagen, die von der Mutter „interpretiert“ und von Psychologen ausgewertet wurden, veranlassten die Polizei dazu, zu versuchen, eine Verbindung zwischen den beiden Ärzten und dem Mordfall herzustellen. Denn angeblich hatte das Mädchen die Zerstückelung einer Frauenleiche durch ihren Vater und Onkel Härm mit angesehen. Ende November 1987 wurde Härm erneut verhaftet. Sein ehemaliger Kollege Allgén war bereits Wochen zuvor in Gewahrsam genommen worden. Neben der Aussage von Allgén Tochter, gab es noch ein Ehepaar, das einen Fotoladen in Solna besaß. Dort hatte Härm einen Film entwickeln lassen, auf dem eine zerstückelte Leiche zu sehen war. Darüber hinaus hatte sich eine Frau gemeldet, die beide Ärzte mit einem kleinen Kind gesehen hatte, die in ein Gebäude unweit der Gerichtsmedizin gegangen waren. Außerdem behauptete eine Polizistin, dass sie Härm mit Catrine da Costa gesehen habe, mit der er in die U-Bahn gestiegen war. Neben diesen beiden Ärzten wurden auch weitere Personen im Zusammenhang mit dem Fall befragt. Unter ihnen befand sich Stanislaw Gonerka, ein Metzger polnischer Herkunft, der bereits wegen mehrerer Morde an Frauen bekannt war und in Stockholm als gefährliche Person galt. Ein weiterer Verdächtiger war Karl Vinoff Reinhold Olausson, besser bekannt als „Vincent“ oder „der Pferdemörder“, der ebenfalls eine von Gewalt und kriminellen Aktivitäten geprägte Vergangenheit hatte. Die Ermittlungen und Gerichtsverfahren im Fall da Costa waren wiederholt von Wendungen und Komplikationen geprägt. Im Januar 1988 begann der erste Prozess gegen die beiden Ärzte Härm und Allgén. Dieser endete jedoch in einem Skandal, als die Laienrichter in einem Zeitungsinterview ihre Meinung zur Schuld der Angeklagten äußerten. Infolge dieses Verhaltens wurde das Verfahren aufgehoben und ein zweiter Prozess eingeleitet. Während des zweiten Prozesses konnte nicht nachgewiesen werden, dass Catrine da Costa eines gewaltsamen Todes gestorben war. Obwohl das Gericht feststellte, dass die Ärzte für die Zerstückelung ihrer Leiche verantwortlich waren, war eine strafrechtliche Verfolgung nicht mehr möglich, da die Verjährungsfrist für dieses Delikt inzwischen abgelaufen war. Beide Ärzte wurden daher freigesprochen, ihre berufliche Laufbahn war jedoch ruiniert. Der schwedische Gesundheitsrat entzog ihnen 1989 die ärztliche Zulassung, eine Entscheidung, die später bestätigt wurde. Der Fall Catrine da Costa spaltete nicht nur die schwedische Gesellschaft, sondern auch die Medienlandschaft. Autoren und Journalisten veröffentlichten zahlreiche Bücher und Artikel, in denen sie unterschiedliche Perspektiven auf die Ereignisse darlegten. Während Hanna Olsson in ihrem Buch „Catrine och rättvisan“ die patriarchalischen Strukturen innerhalb des Justizsystems kritisierte und darauf hinwies, dass Frauen in der Prostitution oft als unzuverlässige Zeuginnen angesehen würden, stellte Per Lindeberg in seinem Werk „Döden är en man“ die polizeilichen Ermittlungen in Frage und argumentierte, dass die beiden Ärzte Opfer eines von den Medien inszenierten Justizirrtums geworden seien. Die Tragödie des Falls inspirierte auch zahlreiche Belletristikwerke, darunter Stieg Larssons internationalen Bestseller „Verblendung“, der sich auf mehrere Elemente des Falls stützt. Der da-Costa-Mordfall ist bis heute einer der meistdiskutierten und umstrittensten Strafverfahren in Schweden. Selbst Jahrzehnte nach dem ungelösten Mord sorgte der Fall weiterhin für Schlagzeilen. Im Jahr 2026 erhielten beide Ärzte, die damals freigesprochen worden waren, jeweils eine moralische Entschädigung in Höhe von zwei Millionen schwedischen Kronen sowie eine öffentliche Entschuldigung der schwedischen Regierung. Diese Geste konnte jedoch die jahrelange soziale und emotionale Belastung, die die Männer erdulden mussten, nicht wiedergutmachen. Der Mord an Catrine da Costa ist bis heute unaufgeklärt. Die schwedischen Behörden haben die Ermittlungen offiziell eingestellt, da die Verjährungsfrist für die Straftat im Jahr 2009 abgelaufen ist. Ihr tragischer Tod und die rechtlichen Turbulenzen rund um den Fall verdeutlichen die Probleme innerhalb des Rechtssystems und gesellschaftliche Vorurteile gegenüber marginalisierten Gruppen. Der Fall erinnert daran, wie wichtig eine gründliche und faire Ermittlung sowie ein ausgewogenes Justizsystem sind. Die Geschichte von Catrine da Costa ist nicht nur die eines brutalen Verbrechens, sondern auch ein Zeugnis für die Herausforderungen bei der Durchsetzung von Gerechtigkeit und im Umgang mit sozial benachteiligten Menschen. Das Schicksal von Catrine da Costa und die damit verbundenen rechtlichen und gesellschaftspolitischen Kontroversen zeigen, wie komplex und vielschichtig Strafsachen sein können. Obwohl die schwedischen Behörden den Fall inzwischen abgeschlossen haben, bleibt er ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Landes und wirft Fragen nach Gerechtigkeit, Wahrheit und der Rolle der Medien in der Strafjustiz auf. Es bleibt zu hoffen, dass solche Fälle künftige Ermittlungen und Gerichtsverfahren beeinflussen und zur Entwicklung eines gerechteren und systematischeren Umgangs mit Opfern und Verdächtigen beitragen werden. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Stockholm. 🙂
















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