Einer der spannendsten Kriminalfälle in der französischen Justizgeschichte, der bis heute Fragen aufwirft, ist die Entführung und der Mord an der 8 Jahre alten Marie-Dolorés Rambla. Es war der 3. Juni 1974 als Marie-Dolorés mit ihrem 6,5 Jahre alten Bruder Jean-Baptiste gegen 11 Uhr im Hof einer Wohnsiedlung in Marseille spielte, bis ein Mann in einem grauen Auto Marie-Dolorés ansprach und sie in sein Auto lockte. Danach fuhr dieser mit Marie-Dolorés davon, die zwei Tage später erstochen unweit der Landstraße, die von Marseille nach Aix-en-Provence führt, auf dem Gelände eines Champignonzuchtbetriebs übersät mit unzähligen Messerstichen tot aufgefunden wurde. Die Obduktion ergab, dass Marie-Dolorés mit 15 Messerstichen ermordet worden war. Einziger Wehrmutstropfen war, dass diese weder vergewaltigt, noch in irgendeiner Weise sexuell missbraucht worden war. Eine Stunde nachdem die Leiche des kleinen Mädchens entdeckt worden war, wurde der 20 Jahre alte Christian Ranucci, ein Handelsvertreter für Klimaanlagen der Firma Ets COTTO mit Sitz in Nizza, in der Wohnung seiner Mutter Héloïse Mathon verhaftet. Dieser hatte eine Stunde nach dem Marie-Dolorés gekidnappt worden war, einen Autounfall unweit des Tatorts gehabt. Er hatte ein Stoppschild bei einer Straßenkreuzung überfahren und war mit einem anderen Fahrzeug zusammengeprallt. Doch anstatt auf die Gendarmerie zu warten, hatte dieser Fahrerflucht begangen, was ihn zum Tatverdächtigen machte. Im anschließenden 20-stündigen Verhörmarathon gestand er Marie-Dolorés Entführung und Ermordung. Er hatte Marie-Delorés an jenem Tag beobachtet. Mit der Bitte ihr bei der Suche seines entlaufenen schwarzen Hundes zu helfen, hatte er das Mädchen in sein Auto gelockt. Nachdem er eine Weile gefahren war, hatte er angehalten. Er und Marie-Dolorés stiegen aus dem Auto. Dann tötete er sie mit seinem Springmesser, 15 Mal stach er damit auf Marie-Dolorés ein. Das Messer hatte er unweit des Tatortes entsorgt. Er nannte den Gendarmen die Stelle, wo er das Messer weggeworfen hatte. Tatsächlich fanden diese dort ein Messer. Dieses Geständnis wiederholte Ranucci vor dem Ermittlungsrichter. Doch während seiner Untersuchungshaft im Gefängnis von Les Baumettes widerrief er dieses Geständnis. Angeblich hatte er erfahren, dass die blutbefleckte Hose, die in seinem Auto gefunden worden war, nicht in Verbindung mit der Ermordung von Marie-Delorés gebracht werden konnte, da beide dieselbe Blutgruppe hatten. Damals war eine DNA-Analyse noch nicht durchführbar. Ranucci selbst behauptete, dass die Blutflecken von einem früheren Unfall mit einem Mopedfahrer stammten. Ferner gehörte der rote Pullover, der in Tatortnähe gefunden wurde und an dem ein Polizeispürhund eindeutig Marie-Delorés gewittert hatten, nicht Ranucci. Ranucci sagte aus, dass er an dem Tag des Unfalls viel Alkohol konsumiert und einen kompletten Filmriss erlitten hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schob das Geständnis, auf das stundenlange Polizeiverhör. Aber dies half ihm nicht, da Ranucci am 9. März wegen der Entführung und dem Mord an Marie-Delorés Rambla angeklagt wurde. Der Prozess startete am 9. März 1976 vor dem Geschworenengericht des Départements Bouches-du-Rhône in Aix-en-Provence unter großem öffentlichen Interesse. Da ein Tag zuvor die Leiche eines erwürgten Mädchens in Troyes gefunden worden war, war die Stimmung in der Bevölkerung hochexplosiv. Die Bevölkerung forderte Gerechtigkeit. Ranucci war schon vor Prozessbeginn als Mörder vorverurteilt worden, weshalb bereits am zweiten Prozesstag er des vorsätzliches Mordes für schuldig und zum Tode verurteilt wurde, obwohl die Beweise recht fragwürdig waren. Laut Zeugenaussagen von Marie-Delorés Bruder Jean-Baptiste und einem KFZ-Mechaniker, die die Entführung ebenfalls beobachtet hatten, war ein deutlich größerer Mann in einem grauen Simca 1100 mit Marie-Delorés davongedüst. Außerdem war ein paar Tage vor der Entführung und Ermordung von Marie-Delorés ein Mann mit einem roten Pullover gesehen worden, der dem gefundenen ähnelte, der in Marseille Kinder angesprochen hatte. Aber weder konnte Ranucci mit dem roten Pullover in Verbindung gebracht werden, noch fuhr dieser einen grauen Simca 1100. Ranuccis Auto war zwar grau, aber es handelte sich um einen Peugeot 304. Ferner hatten ihn die Zeugen nicht unmittelbar erkannt. Ein Ehepaar, dass Ranucci nach seiner Fahrerflucht verfolgt hatte, hatte diesen nicht sofort bei der Gegenüberstellung mit drei anderen Männern erkannt. Erst als dieser ihnen gegen die Vorschriften allein gegenüberstand, erkannten sie ihn. Diese hatte ihn nicht wie anfänglich in Tatortnähe mit einem Paket aussteigen gesehen, sondern er war auf der Fahrerseite und Kind war auf der Beifahrerseite ausgestiegen. Aber der Peugeot war so verbeult, dass die Beifahrertür klemmte und dort niemand hätte aussteigen können. Darüber hinaus war das Messer, die angebliche Tatwaffe, nicht von der Gendarmerie kriminaltechnisch untersucht worden. Des Weiteren fehlte schlichtweg das Motiv, warum hatte Ranucci Marie-Delorés ermordet? Es gab berechtigte Zweifel an der Schuld von Ranucci, trotzdem wurde sein Revisionsantrag am 17. Juli 1976 vom Kassationsgericht in Paris abgewiesen. Noch am selben Tag reichte Ranucci ein Gnadengesuch ein, das 10 Tage später vom Staatspräsidenten Valéry Giscard d´Estaing abgelehnt wurde. Einen Tag später wurde am 28. Juli 1976 um 4.13 Uhr in der Früh der 22 Jahre alte Christian Ranucci vom Scharfrichter André Obrecht mit der Guillotine enthauptet. Seine angeblichen letzten Worte zu seinen Anwälten waren: „Rehabilitieren Sie mich!“ Er war der drittletzte Mensch, der in Frankreich hingerichtet wurde. Seine Hinrichtung löste eine weitgreifende Debatte um die Todesstrafe auf. Bis heute gibt es Menschen und Gruppen, die sich für eine Wiederaufnahme des Verfahrens einsetzten. Anno 2004 hatten 4 Studenten des Instituts d´Etudes Politiques de Paris die „Association Affaire Ranucci. Pourquoi Reviser?“ mit dem Ziel eines posthumen Revisionsprozesses gegründet. Außerdem erschienen die Filme „Der rote Pullover“ und „Die Wahrheit kennt nur der Tod“, die sich mit dem Kriminalfall beschäftigten. Bis heute sorgt dieser Kriminalfall für reichlich Film- und Lesestoff. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von der französischen Hafenstadt Le Havre. 🙂















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