Im Jahre 1839 erschütterte ein grausamer Mord die beschauliche Kanalregion in Staffordshire in England. Die 37-jährige Schneiderin Christina Collins wurde Opfer eines brutalen Verbrechens, das noch heute als einer der berüchtigtsten Mordfälle der britischen Kanalgeschichte gilt. Die Geschichte beginnt in Liverpool, wo Christina Collins lebte, während ihr Ehemann Robert, ein arbeitsloser Stallknecht, nach London gereist war, um dort Arbeit zu finden. Nachdem er erfolgreich eine Anstellung gefunden hatte, schickte er seiner Frau Geld für die Reise nach London. Als kostengünstigste Reisemöglichkeit wählte Christina die Fahrt mit einem Kanalboot der Firma Pickford & Co. Am Samstag, den 15. Juni 1839, begann ihre verhängnisvolle Reise. Der Plan sah vor, dass sie in Preston Brook auf ein anderes Boot namens „The Staffordshire Knot“ umsteigen sollte, um ihre Reise nach London fortzusetzen. Die Besatzung bestand aus dem 39-jährigen Kapitän James Owen, George Thomas alias Dobell, William Ellis und dem Schiffsjungen Isaac Musson. Bereits am Sonntagabend gegen 20 Uhr, als das Boot die englischen Stadt Stone in der Grafschaft Staffordshire erreichte, beschwerte sich Christina beim örtlichen Vertreter von Pickford über das übermäßige Trinken der Besatzung und ihre wachsende Angst, die Reise fortzusetzen. Denn Christina wurde von den betrunkenen Männern sexuell belästigt. Tragischerweise wurden ihre Befürchtungen ignoriert. Die Ereignisse nahmen in der Nacht eine grausame Wendung. Gegen Mitternacht wurden vom Schleusenwärter James Mills und seiner Frau Ann an der Hoo Mill Schleuse Schreie gehört. Die Besatzung versuchte, die Situation zu vertuschen, indem sie behaupteten, die Schreie kämen von einem Ehepaar an Bord, das sich stritt. Eine dreiste Lüge, da Christinas Ehemann sich zu diesem Zeitpunkt in London befand. In den frühen Morgenstunden des Montags wurde Christinas Körper zwischen der Colwich Schleuse und Brindley’s Bank in den Kanal geworfen. Als das Boot um 6 Uhr morgens Fazeley erreichte, verbreitete Owen die Geschichte, eine Passagierin sei von Bord gesprungen und hätte sich ertränkt. Die Behörden in Fazeley wurden sofort misstrauisch. Bei einer Durchsuchung des Bootes fanden sie Frauenkleidung und eine Haube. Bei der anschließenden Suche im Kanal wurde Christinas Leiche am 17. Juni 1839 gegen 5 Uhr morgens in Brindley Bank in der Nähe von Rugeley gefunden, beschwert mit einer Eisenkette. Einheimische trugen ihren Körper die heute als „Bloody Steps“ bekannte Treppe in Brindley Bank hinauf zum Talbot Inn, wo zwei Ärzte feststellten, dass sie mehrfach vergewaltigt worden war. Die erwachsenen Besatzungsmitglieder wurden verhaftet und zunächst wegen Vergewaltigung angeklagt. Der Schiffsjunge Isaac Musson wurde nicht angeklagt, da er während der Tat in seiner Koje geschlafen hatte. Bei dem Staffordshire Gericht von 1839 konnte die Jury in der Vergewaltigungsanklage keine Einigung erzielen, weshalb nun eine Mordanklage erhoben wurde, die ein anderes Schwurgericht in Stafford am 16. März 1840 verhandelte. Vor Mr. Baron Gurney verteidigten sich die Angeklagten weiterhin mit der Behauptung, Christina sei über Bord gesprungen oder gefallen. Ein Mitgefangener namens Orgill bezeugte jedoch, dass Owen ihm den Mord am 21. Juli 1839 gestanden hatte. Dies reichte der Jury für einen Schuldspruch. Die Bootsleute wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. In der Berufung wurde jedoch William Ellis in letzter Minute zu lebenslanger Deportation nach Australien begnadigt. Der Henker William Calcraft reiste aus London an, um die Hinrichtung durchzuführen. Etwa 10.000 Menschen versammelten sich am 11. April 1840, um der öffentlichen Hinrichtung von James Owen und George Thomas beizuwohnen. Kurz vor 13 Uhr läutete die Gefängnisglocke, und die beiden Verurteilten schritten zum Galgen. Nach ihrem Tod wurden ihre Körper eine Stunde lang zur Schau gestellt und anschließend auf dem Gefängnisgelände begraben. Christina Collins wurde auf dem Friedhof der St. Augustine’s Kirche in Rugeley beigesetzt. Ihr Grabstein trägt die Inschrift: „Zum Gedenken an Christina Collins, Ehefrau von Robert Collins, London, die nach barbarischer Behandlung tot im Kanal dieser Gemeinde am 17. Juni 1839 gefunden wurde, im Alter von 37 Jahren.“ Heute erinnern mehrere Gedenkstätten an dieses tragische Ereignis. Die „Bloody Steps“ sind ein bekanntes lokales Wahrzeichen, und am Yard Lock in Stone steht eine Statue zu ihrem Gedenken. Der Fall Christina Collins verdeutlicht die Gefahren, denen alleinreisende Frauen im viktorianischen England ausgesetzt waren, und bleibt ein mahnendes Beispiel für eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der englischen Kanäle. Die Geschichte hat auch einen interessanten Nebenzweig: Der Gefangene George Smith, der sich freiwillig als Henkerassistent meldete und dafür eine frühere Entlassung erhielt, wurde später selbst zum Henker – eine makabre Wendung in dieser ohnehin schon düsteren Geschichte. Der Fall Christina Collins hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Region eingegraben und wird bis heute als warnendes Beispiel für die Schattenseiten der viktorianischen Gesellschaft erzählt. Die verschiedenen Gedenkstätten entlang des Kanals erinnern an ihr Schicksal und mahnen zur Wachsamkeit gegen Gewalt und Ungerechtigkeit. Der Fall bildete auch die Grundlage für den achten Roman der bekannten Inspector-Morse-Reihe mit dem Titel „The Wench is Dead“. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von London. 🙂
















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