In der faszinierenden, aber auch unheimlichen Geschichte der Stadt Augsburg gibt es zahlreiche Figuren, die in den Annalen der Zeit eine bleibende Spur hinterlassen haben. Eine dieser Gestalten ist zweifelsohne der „Mädchenschneider“, ein Name, der im 19. Jahrhundert in der Bevölkerung für Angst und Schrecken sorgte. Bei dem Mädchenschneider handelte es sich um einen Mann, der junge Mädchen aufschlitzte, ohne diese aber wie der berüchtigte Serienmörder „Jack the Ripper“ zu töten. Er ging dabei immer nach dem gleichen Modus Operandi vor, indem er jungen Frauen in abgelegenen Gassen in der Abenddämmerung mit einem scharfen Gegenstand tiefe Schnittwunden zufügte. Nach seiner Attacke mit einem spitzen Instrument, verschwand der Unbekannte wieder in der Dunkelheit der Nacht. Die attackierten Frauen beschrieben den Mann als groß und sehr schlank, der einen weiten Mantel und ausladenden Hut trug, der sein Gesicht bedeckte. Manchmal wendete der Mann bei den Frauen auch einen Würgegriff an. Der Mädchenaufschneider, wie er in der Presse genannt wurde, sorgte für Panik in der Augsburger Bevölkerung. Frauen trauten sich nur in Begleitung aus dem Haus und die Polizei verschärfte ihre täglichen Patrouillen. Aufgrund vom öffentlichen Druck wurde im Januar 1832 ein Kopfgeld von 50 Gulden vom Magistrat der Stadt Augsburg ausgesetzt, das einen Monat später auf 100 Gulden erhöht wurde. Doch trotz intensiver Recherchen der Polizei kam es bereits 1820 zu einem fatalen Justizirrtum. Denn schon zu diesem Zeitpunkt trieb der Mädchenschneider sein Unwesen. Damals war die 19 Jahre alte Katharine Huber abends beim Bier holen von einem Mann attackiert worden. Fälschlicherweise wurde der Bankangestellte Georg Rügemer am 26. Februar 1820 als der Augsburger Mädchenaufschlitzer verhaftet. Er erlangte zwar nach wenigen Tagen wieder seine Freiheit, doch er wurde danach geächtet. Er verlor seinen Job und der Ruf des Mädchenaufschlitzers haftete wie Blei an ihm. Nach Rügemers Tod glaubte die Bevölkerung, dass die Attacken aufhören würden, aber sie gingen weiter. Ein besonders eindrücklicher Fall wurde in der historischen Ausgabe des Augsburger Tagblatts von 1832 beschrieben. Auf dem Heimweg wurde die 16 Jahre alte Dienstmagd Karolin Eislin in einer engen Gasse angegriffen, wobei der Täter ihr am rechten Vorderarm eine etwa fingerlange Schnittwunde zufügte. Solche detaillierten Schilderungen verstärkten das Gefühl der ständigen Bedrohung in der Stadt. Es folgten weitere Attacken, bis der Mädchenschneider nach einem Überfall auf Josepha Merk am 6. Januar 1837 endlich verhaftet werden konnte. Dieser entpuppte sich als der 37 Jahre alte, ledige Weinhändlersohn und Realitätenbesitzer zu Augsburg, Karl Alois Joseph Bertle. Er galt als unbescholtener Augsburger Bürger, der jedoch sehr sozial zurückgezogen lebte und an Melancholie litt. Karl Bertle wurde psychologisch vom Gerichtsarzt und Münchner Polizeiarzt Dr. Senger untersucht, die ihn als unzurechnungsfähig einstuften. Ein zusätzliches Gutachten des Medicinalcomités bestätigte seine vollkommene Zurechnungsfähigkeit. Das Motiv lag in einem gestörten Wolllustkomplex. Karl Bertle träumte nachts von der Idee, Frauen mittels Schneiden eine vollkommene Lustbefriedigung zu verschaffen. Ihm wurden insgesamt 19 Tatbestände, teils versuchte Körperverletzung zur Last gelegt. Am 29. Dezember 1839 verurteilte ihn das Königliche Appellationsgericht für den Oberdonaukreis zu 4 Jahren Arbeitshausstrafe. Dieses Urteil wurde am 12. August 1839 vom Oberappellationsgericht des Königreichs Bayern bestätigt, aber mit Abmilderung auf dreieinhalb Jahre. Die Strafe wurde im Zucht- und Strafarbeitshaus in München vollstreckt. Am 29. März 1842 wurde Karl Bertle angesichts tatsächlich bewiesener Besserung begnadigt. Nach seiner Entlassung soll Karl Bertle am 23. Dezember 1843 laut einer Frau namens Creszentia Weishaupt mit einem schneidenden Instrument in der Öffentlichkeit hantiert haben. Doch das Amt ließ die Anzeige auf sich beruhen, da Bertles Benehmen bis dato tadellos war. Es kam zu keinen weiteren Attacken auf junge Frauen. Bertle lebte nach seiner Entlassung völlig verarmt, der im September 1883 in Holzbach einen Suizidversuch unternahm, der missglückte. Danach wurde er von der städtischen Armenpflege mit einer täglichen Suppe und 4 Mark Wochenspende bedacht. Er starb am 16. Juli 1885 im Alter von 86 Jahren in Augsburg. Doch die Erinnerung an seine Taten und deren Auswirkungen blieben lange Zeit präsent. Bertles Fall ist nicht nur eine spannende Geschichte über Verbrechen und Strafe, sondern bietet auch Einblicke in die kriminalhistorische Entwicklung und Justizpraxis des 19. Jahrhunderts in Augsburg. Diese düstere Episode zeigt eindrucksvoll, wie tiefgreifend ein einzelner Täter eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen kann und wie komplex die psychosozialen Mechanismen hinter solchen Taten sind. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Augsburg. 🙂



























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