Hoch über dem Untersee, eingebettet zwischen Wald, Weinbergen und den Überresten mittelalterlicher Festungen, liegen die Ruinen von Neuburg bei Mammern im Kanton Thurgau. Wer den Wanderweg zur Burganlage nimmt, begegnet nicht nur den Überresten der Mauern, sondern genießt auch einen weiten Blick über die Landschaft am Bodensee. In der Nähe befindet sich zudem ein markanter Felsvorsprung, den die lokale Überlieferung „Tüfelskänzeli“ – manchmal auch „Hexenkänzeli“ – nennt. Um diesen Ort rankt sich eine besonders eindrucksvolle Legende: Frauen sollen dort mit entblößtem Gesäß über den Felsen gerutscht sein, um ihren unerfüllten Kinderwunsch zu überwinden. Aus heutiger Sicht erscheint diese Erzählung zugleich seltsam, derb und faszinierend. Sie verbindet Sexualität, Fruchtbarkeit, Volksglauben und die geheimnisvolle Aura eines abgelegenen Naturortes. Doch was lässt sich tatsächlich über diesen Mythos sagen? Und warum entstehen solche Geschichten gerade an Orten wie einer Burgruine oder einer markanten Felsformation? Es ist wichtig, zwischen nachweisbarer Geschichte und Volkskunde zu unterscheiden. Die Burg Neuburg selbst ist Teil der mittelalterlichen Geschichte der Region. Das „Tüfelskänzeli“ hingegen und die damit verbundene Fruchtbarkeitserzählung gehören in den Bereich der mündlichen Überlieferung. Solche Geschichten können wertvolle Einblicke in vergangene Denkweisen geben – sie beweisen jedoch nicht automatisch, dass die beschriebenen Rituale tatsächlich regelmäßig oder genau in dieser Form stattfanden. Die Ruine von Neuburg liegt oberhalb von Mammern am Untersee, einem westlichen Teil des Bodensees. Ihre Lage war strategisch vorteilhaft: Von den Bergrücken aus konnte man die Verkehrswege und die Umgebung überblicken. Wie zahlreiche Burgen im heutigen Thurgau erinnert die Stätte an eine Zeit, in der Adel, Landbesitz und Feudalrechte die Landschaft prägten. In der Umgebung solcher Ruinen wurden oft Geschichten weitergegeben. Im Laufe der Jahrhunderte boten zerfallende Mauern, schwer zugängliche Waldgebiete, Felsvorsprünge und Schluchten Stoff für Fantasie und Interpretationen. Wo konkrete Erinnerungen an ehemalige Bewohner verblassten, entstanden Geschichten über Ritter, verborgene Schätze, Geister, Hexen oder den Teufel. Der markante Felsen bei Neuburg erhielt so einen Namen, der seine besondere Stellung in der Landschaft unterstreicht: eine „Känzeli“, also eine kleine Kanzel oder ein vorspringender Felsvorsprung, der mit dem Teufel oder mit Hexen in Verbindung gebracht wird. Gerade diese Namen verraten viel über die kulturelle Bedeutung des Ortes. Namen, die „Teufel“ und „Hexe“ enthalten, sind im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. Sie wurden häufig für Felsen, Höhlen, Schluchten oder ungewöhnliche Landformen verwendet. Oft kennzeichnen sie Orte, die als gefährlich, unheimlich oder außergewöhnlich wahrgenommen wurden. Nicht unbedingt, weil dort angeblich ein Hexensabbat oder eine Erscheinung des Teufels stattgefunden haben soll, sondern weil die natürliche Formation selbst nach einer Erklärung verlangte. Die Tradition rund um das Tüfelskänzeli ist eindeutig und dramatisch: Frauen, die sich Kinder wünschten, sollen mit nacktem Hintern den Felsen hinuntergerutscht sein. Man glaubte, das Herunterrutschen bringe Fruchtbarkeit oder helfe, den Kinderwunsch zu erfüllen. Solche Motive sind nicht auf Mammern beschränkt. Die Volkskunde hat Erzählungen aus verschiedenen Regionen Europas dokumentiert, die von Steinen, Quellen, Höhlen, Bäumen oder Kapellen handeln, denen fruchtbarkeitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben wurden. In manchen Überlieferungen setzen sich Frauen auf bestimmte Felsen, rutschen über glatte Steinoberflächen, berühren eine Quelle oder vollziehen an besonderen Stätten symbolische Handlungen. Die genaue Abfolge der Handlungen variiert von Fall zu Fall. Gemeinsam ist ihnen der Glaube, dass Naturstätten eine besondere Kraft besitzen könnten. Insbesondere das Rutschen hat eine symbolische Dimension. Es ist eine körperliche Handlung, die Nähe zum Stein herstellt und eine Abwärtsbewegung beinhaltet. In einer mythischen Deutung lässt sich dies mit Vorstellungen von Übergang, Empfängnis, Geburt oder Erneuerung in Verbindung bringen. Es wäre jedoch unzulässig, daraus auf einen eindeutig nachweisbaren vorchristlichen Kult zu schließen. Die Vorstellung, dass jeder Fruchtbarkeitsbrauch automatisch auf ein heidnisches Ritual aus ferner Vergangenheit zurückgeht, wird in der modernen Volkskunde als problematisch angesehen. Viele Bräuche und Legenden haben sich im Laufe der Zeit verändert, wurden neu erzählt oder erst zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich festgehalten. Das „Tüfelskänzeli“ sollte daher weniger als archäologischer Beleg für einen alten Fruchtbarkeitskult verstanden werden, sondern vielmehr als Teil der regionalen Erzählkultur. Genau darin liegt sein Wert: Die Legende zeigt, wie Menschen existenzielle Erfahrungen – Hoffnung auf Nachkommen, Angst vor Kinderlosigkeit, Scham und Sexualität – mit einem bestimmten Ort in ihrer Umgebung verbanden. Um die Bedeutung eines solchen Mythos zu verstehen, muss man die Lebensrealitäten früherer Jahrhunderte im Blick behalten. Für viele Familien waren Kinder nicht nur emotional wichtig, sondern hatten auch große wirtschaftliche und soziale Bedeutung. Sie galten als Arbeitskräfte im Haushalt und in der Landwirtschaft, als potenzielle Erben und als Absicherung im Alter. Gleichzeitig waren die Säuglings- und Kindersterblichkeitsraten hoch, und Schwangerschaften sowie Geburten waren mit erheblichen Risiken verbunden. Wenn eine Schwangerschaft ausblieb oder Kinder früh starben, suchten die Betroffenen nach Erklärungen und Möglichkeiten, die Situation zu beeinflussen. Das medizinische Wissen war begrenzt, und in vielen Fällen konnten die Ursachen für unfreiwillige Kinderlosigkeit nicht ermittelt werden. Zudem wurde die gesellschaftliche Verantwortung dafür oft ausschließlich den Frauen zugeschrieben – obwohl Unfruchtbarkeit medizinisch gesehen sowohl bei Frauen als auch bei Männern Ursachen haben kann. In diesem Zusammenhang boten religiöse Praktiken, Pilgerfahrten, Segnungen, Heilquellen und Volksrituale eine Form der Hoffnung. Die Reise zu einem bestimmten Felsen konnte mehr sein als nur ein „magisches“ Ritual. Solche Handlungen verliehen der Ungewissheit Struktur. Sie brachten ein Problem ans Licht, auf das man kaum Einfluss nehmen konnte, und gaben den Menschen das Gefühl, aktiv etwas dagegen unternehmen zu können. Gleichzeitig schufen sie einen Rahmen, in dem Themen, die sonst von Scham und Schweigen geprägt waren, diskutiert oder zumindest symbolisch angesprochen werden konnten. Im europäischen Alltag standen Vorstellungen zur Fruchtbarkeit oft nicht einfach im Widerspruch zum Christentum. Vielmehr überschneiden sich offizielle religiöse Praxis, lokale Traditionen und individuelle Hoffnungen. Die Menschen beteten zu Heiligen, besuchten Kirchen und Wallfahrtsorte, nutzten aber gleichzeitig Quellen, Kräuter, Segnungen oder naturbezogene Bräuche. Die Grenzen zwischen Religion, Volksmedizin und Aberglauben waren im Alltag oft verschwommen. Die Bezeichnungen „Tüfelskänzeli“ und „Hexenkänzeli“ könnten auf eine christlich geprägte Neuinterpretation hindeuten. Praktiken, die als anstößig, unverständlich oder außerhalb der kirchlichen Ordnung liegend angesehen wurden, wurden im Nachhinein mit Hexen oder dem Teufel in Verbindung gebracht. Gerade die Nacktheit – oder vielmehr das Entblößen des Gesäßes – dürfte zum provokativen Charakter der Legende beigetragen haben. In einer von moralischen Konventionen und sozialer Kontrolle geprägten Gesellschaft fiel eine solche Handlung außerhalb der Privatsphäre besonders auf. Die Zuschreibung an Hexen oder den Teufel machte die Erzählung sowohl verständlich als auch warnend. Ob der Name zuerst da war und die Fruchtbarkeitslegende erst später hinzukam – oder ob beide Elemente gemeinsam entstanden sind –, lässt sich ohne präzise, früh datierte Quellen nicht feststellen. Mündliche Überlieferungen verändern sich. Erzähler schmücken Geschichten aus, kürzen sie, verlagern Schwerpunkte oder passen sie dem Zeitgeschmack an. Genau deshalb sollten lokale Legenden nicht als wortgetreue Berichte gelesen werden. Der historische Schauplatz lässt sich belegen: die Ruine von Neuburg oberhalb von Mammern und der markante Felsen in der Umgebung, der im Volksmund als „Tüfelskänzeli“ oder „Hexenkänzeli“ bekannt ist. Es ist zudem nachweisbar, dass Fruchtbarkeitsmythen und -wünsche, die mit Naturstätten verbunden sind, in der europäischen Folklore weit verbreitet sind. Es lässt sich jedoch nicht mit derselben Gewissheit behaupten, dass Frauen tatsächlich über einen langen Zeitraum hinweg am „Tüfelskänzeli“ ein fest etabliertes Ritual vollzogen haben. Dazu wären zeitgenössische schriftliche Berichte, amtliche Aufzeichnungen, Predigten, Reiseberichte oder andere historische Quellen erforderlich. In Ermangelung solcher Belege bleibt die Geschichte eine Legende – eine Überlieferung, die zwar durchaus auf realen Ereignissen beruhen mag, aber ebenso gut aus späteren Ausschmückungen entstanden sein könnte. Diese Ungewissheit schmälert die Erzählung nicht. Im Gegenteil: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf ihre wahre Bedeutung. Legenden sind keine Geschichtsbücher, aber sie erzählen Geschichte auf eine andere Art und Weise. Sie offenbaren, welche Orte die Menschen als besonders betrachteten, welche Ängste und Hoffnungen sie antrieben und wie sie das Unbekannte interpretierten. Das Tüfelskänzeli bei Mammern ist mehr als nur eine kuriose Randnotiz entlang des Wanderwegs zur Ruine von Neuburg. Die Legende vom Herabrutschen auf dem Felsen, um sich den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, greift Themen auf, die auch heute noch aktuell sind: den Kinderwunsch, die Einstellung zu körperlicher Intimität, gesellschaftliche Erwartungen und die Suche nach Halt in unsicheren Lebenssituationen. Der Felsen zeugt jedoch nicht von einer wissenschaftlich nachweisbaren Heilkraft. Er zeugt von Hoffnung. Von der Vorstellung, dass ein besonderer Ort Hilfe bieten könnte, wenn der Alltag keine Antworten liefert. Und er zeigt, wie Landschaft in Erinnerung verwandelt wird: Ein hervorstehender Felsen wird zur Teufelskanzel, zum Versammlungsort der Hexen – und zum Symbol eines zutiefst menschlichen Sehnens. Wer die Ruine von Neuburg besucht, begegnet daher mehr als nur mittelalterlichem Mauerwerk. Die Umgebung birgt auch ein Stück immaterielles Kulturerbe: eine Regionalgeschichte, die irgendwo zwischen Wahrheit, Glauben und Legende liegt. Gerade weil sie sich nicht schlüssig beweisen lässt, bleibt sie faszinierend – als Erzählung davon, wie Menschen ihrer Landschaft Bedeutung verleihen.




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