Die Geiselnahme

Isabella Müller Fulda Hessen Deutschland @isabella_muenchen

Eine Geiselnahme, die ganz Deutschland in Atem hielt, ereignete sich am 31. Oktober 1994. An jenem Montag um 4 Uhr morgens nahmen die Schwerverbrecher Raymond Albert und Gerhard Polak in Stuttgart einen Polizisten und dessen Kollegin als Geiseln. Danach überfielen sie bewaffnet mit einer Pistole und einer Handgranatenattrappe eine Volksbank im hessischen Fulda. Die Geiseln dienten ihnen dabei als menschliche Schutzschilde. Anschließend stiegen sie mit ihren Geiseln sowie 250.000 Mark Beute in ihr Auto und flüchteten. Eine filmreife Verfolgungsjagd durch Hessen, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt begann, bei der die beiden Kidnapper immer wieder neue Geiseln nahmen bis ein Schuss in die Luft die nervenaufreibende Odyssee beendete. Aber der Reihe nach. Am 10. Oktober 1994 brachen der 34 Jahre alte Raymond Albert, auch Rambo-Albert genannt und der 36 Jahre alte Gerhard Polak, besser bekannt als „Knast-Schlosser“ aus der legendären Haftanstalt Fuhlsbüttel, kurz Santa Fu aus. Diese war bekannt für ihren liberalen Strafvollzug und ihre hohe Ausbrecherrate, die ihr den Spruch: „Santa Fu – raus bist du!“ einbrachte. Doch wer waren die beiden Schwerverbrecher überhaupt? Raymond Albert gehörte vor dem Mauerfall zur ehemaligen DDR-Elite-Einheit, der nicht nur eine Einzelkämpfer-, Fallschirmjäger- und eine Kampfschwimmerausbildung absolviert hatte, sondern auch die Lizenz zum Töten besaß. Zu seinem Aufgabenfeld gehörte auch die mögliche Entführung von westlichen Politikern. Er war darüber hinaus einer von 100 Tauchern in der ehemaligen DDR, die Sprengstoffladungen an feindlichen Schiffen anbringen konnten. Kurz gesagt er war eine menschliche Kampfmaschine, aber gleichzeitig auch ein leidenschaftlicher Hobby-Poet. Jedoch hatte er sich im Laufe der Jahre vom DDR-Regime abgewandt und geriet danach auf die schiefe Bahn, was zu Gefängnisaufenthalten führte. Dann begann er seinen größten Fehler. Er tötete 1991 den 32 Jahre alten Wirt der Stuttgarter Kneipe „Bierteufel“, in dem er ihn erwürgte. Damit keiner seine Spur verfolgen konnte, zündete er den Kopf des Wirtes an und trennte diesen nicht mit einer Machete, sondern mit einem Rouladenmesser ab und verscharrte diesen anschließend im Wald. Doch in den Medien wurde aus dem Rouladenmesser eine Machete, weshalb Raymond von den Medien den Namen „Macheten-Mörder“ verpasst bekommen hatte. Für diesen Mord erhielt Raymond Albert eine lebenslange Haftstrafe, die er in der Hamburger Haftanstalt Santa Fu verbüßte. Dort lernte er den Schweizer Gerhard Polak kennen, einen gelernten Automechaniker, der dort wegen räuberischer Erpressung eine 4-jährige Haftstrafe absaß und dessen Ruf als Gefängnisausbrecher ihm vorauseilte. Da dieser in der Gefängnisschlosserei arbeitete, konnte er problemlos das Werkzeug für den geplanten Ausbruch aus Santa Fu am 10. Oktober besorgen. Die beiden Schwerverbrecher durchsägten die Gitterstäbe ihrer Gefängniszellen im 5. Stock und seilten sich per Elektrokabel ab. Mithilfe einer selbstgebastelten Leiter überwanden sie Zäune und die Mauer. Ihr Ausbruch fiel erst 5 Stunden nach ihrer Flucht auf, weswegen gegen 2 Justizbeamte ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde, da diese rein gar nichts bemerkt hatten. Zufall? Auf ihrer Flucht fassten sie den Plan eine Bank zu überfallen, den sie am 31. Oktober 1994 in die Tat umsetzen. Nachdem sie mit den beiden Polizisten als Geiseln und der Beute geflüchtet waren, wurden sie von 500 Polizisten und Sondereinsatzkommandos des Bundesgrenzschutzes gejagt. Auf ihrer wilden Verfolgungsjagd durch 4 Bundesländer tauschten sie hin und wieder ihre Geiseln aus. So wurden die Polizisten gegen einen Familienvater mit seinen beiden Kindern und diese wieder gegen ein älteres Ehepaar ersetzt. Dabei kümmerten sie sich immer rührend um ihre Geiseln und entschuldigten sich sogar bei diesen. Als sie einem Spaziergänger bei Hötzelsroda versehentlich in den Unterarm geschossen hatten, fuhren sie diesen sogar ins Krankenhaus und steckten ihm 10.000 Mark in die Jackentasche. Doch nach über 1000 Kilometern und fast 42 Stunden Flucht waren beide Kidnapper mit ihren Kräften am Ende. Deshalb feuerte der völlig zermürbte Gerhard Polak am 1. November auf einem Campingplatz bei Heisterbach im Westerwald einen Schuss als Zeichen der Aufgabe in die Luft ab. Kurz danach ergab sich auch Raymond Albert. Beiden wurde der Prozess vor der 5. Strafkammer in Stuttgart gemacht, wo sie wegen Raub, Geiselnahme und räuberischer Erpressung verurteilt wurden. Gerhard Polak wurde zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren und Raymond Albert zu 15 Jahren verurteilt. Damit endet die Geschichte der fürsorglichen Geiselnehmer. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Fulda, wo beide Schwerverbrecher die Volksbank zusammen mit ihren Geiseln als Schutzschilde überfallen hatten. 🙂

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