Ein Kloster, das perfekt in jeden Horrorfilm passen würde, war das Kloster Mariaberg vor den Toren Aachens. Dieses Kloster mit seinen hohen Mauern wurde von den Alexianerbrüdern betreut, einem katholischen Laienorden. Das Kloster galt als Heilanstalt, das neben der Krankenpflege sich auch um Geisteskranke kümmerte. Besonders populär war das Kloster unter Geistlichen, die als aufmüpfig galten. Wenn sie dort landeten, wurde ihnen das Leben regelrecht zur Hölle gemacht. Statt dem Paradies auf Erden, waren sie in der Hölle gefangen, da niemand ohne der Zustimmung der Klosterbrüder aus dem Kloster entlassen wurde. Anfang 1893 wurde der Vikar Rheindorf, der nach seiner Mission in Amerika an Cholera und Malaria erkrankt war sowie an starken Zahnschmerzen und einem Nervenleiden litt, zur Genesung vom Kölner Erzbischof Dr. Krementz dorthin geschickt. Der Vikar Rheindorf war darüber wenig erfreut, da der Ruf des Klosters vorausgeeilt war. Weder das Essen schmeckte, noch die medizinische Behandlung stimmte, ganz zu schweigen von den mangelnden hygienischen Zuständen. Das Kloster glich einem dreckigen Gefängnis, zu dem kein Unbefugter Zutritt hatte, noch dass man es ohne Genehmigung verlassen konnte. Deshalb wandte der Vikar Rheinfeld eine List an. Er wusste, dass der Briefverkehr überwacht wurde, weshalb er in seinem Brief an den Erzbischof den Aufenthalt im Kloster lobte. Doch er bat um einen Tag Freigang, da er eine dringende rechtliche Angelegenheit zu klären hatte. Tatsächlich wurde ihm der Freigang genehmigt, den der Vikar nutzte, um zu einem Freund nach Iserlohn zu fliehen. Dieser hatte Heinrich Mellage, einen Iserlohner Gastwirt, der auch Rechtsberater und Publizist war, kontaktiert, der sich dafür einsetzte, dass der Vikar Rheindorf in ein Kloster seiner Wahl verlegt wurde. Der Vikar wurde in das Marienhospital in Ratingen verlegt, wo er bald als genesen entlassen wurde. Er trat seinen Dienst als Geistlicher in Köln an. Doch statt zu Schweigen, lag ihm und Mellage am Herzen über die skandalösen Zuständen im Kloster zu berichten. Besonders ein katholischer Geistlicher aus Schottland namens Forbes lag dem Vikar am Herzen. Er hatte diesen in der Heilanstalt kennen gelernt, der für geisteskrank erklärt worden war, obwohl er als geistig gesund galt. Er wurde wie viele im Kloster misshandelt. Da er der deutschen Sprache nicht mächtig war, konnte er sich nur mit dem Vikar, der Englisch sprach, austauschen. Der Schotte flehte den Vikar an, ihn aus der Hölle zu befreien. Mellage wandte sich an die Staatsanwaltschaft in Aachen, die ihn an die Polizei verwies. Am 30. Mai 1894 besuchte Mellage in Begleitung des Aachener Polizeikommissars Lohe das Kloster Mariaberg, um die Entlassung des schottischen Geistlichen aus dem Kloster Mariaberg zu erreichen, der gegen seinen Willen dort festgehalten wurde. Auf Druck von Mellage wurde Forbes vom Polizeiarzt Dr. Kribben untersucht, der feststellte, dass Forbes nicht geisteskrank war. Daraufhin wurde Forbes entlassen, den Mellage nun bei sich aufnahm. Der schottische Geistliche war ins Kloster gekommen, da er mit einer schottischen Äbtissin, wo Forbes als Pfarrer tätig war, in Streit geraten war. Die Oberin hatte sich beim Erzbischof von Aberdeen über Forbes beschwert, der ihre Nonnen gegen sie aufgebracht hatte. In Wahrheit wollte diese ihm eins auswischen, da er ihre Avancen nicht erwidert hatte. Zunächst war dieser in einem belgischen Kloster untergebracht worden. Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde Forbes 1890 ins Kloster Mariaberg gebracht. Anfangs wurde der schottische Geistliche gut behandelt. Dies änderte sich, als ein Abgesandter des Bischofs aus Aberdeen ihn im Kloster besucht hatte. Dieser hatte Forbes als gemeingefährlich und schweren Alkoholiker dargestellt. Forbes wurde daraufhin zunehmend schlecht behandelt. Als er abends im Wirtshaus war, um ein Bier zu trinken, war ihm ein Klosterbruder gefolgt, der ihn aufforderte, zurück ins Kloster zu gehen. Als sich Forbes weigerte, kam ein zweiter Klosterbruder hinzu. Beide zerrten Forbes in eine Droschke, die zum Kloster fuhr. Dort wartete schon ein Empfangskomitee auf Forbes, der zusammengeschlagen und in eine Zelle gesperrt wurde. Als er rebellierte und ein Fenster zu Bruch ging, wurde der Anstaltsarzt Dr. Chantraine und der Polizeiarzt Dr. Kribben gerufen. Die Klosterbrüder erzählten, dass Forbes ein Alkoholiker, der wahnsinnig geworden sei, ist. Dr. Kribben schaute sich Forbes 15 Minuten an, der ohne Untersuchung den Behauptungen der Klosterbrüder glaubte. Forbes galt fortan als geisteskrank, der in den Trakt der tobsüchtigen Geisteskranken gesteckt wurde. Seitdem wurde er misshandelt und schikaniert, manchmal wurde er nachts ans Bett gefesselt. Zwar schrieb Forbes Briefe an den Bischof, doch diese kamen nie an, da der Briefverkehr kontrolliert wurde. Es gab kein Entkommen aus der Hölle, bis der Vikar Rheinfeld durch Mellage den Stein ins Rollen gebracht hatte. Nach Bekanntwerden meldete sich auch der Kaplan Schröder, dieser war einst aus dem Kloster zur Polizei geflohen, die ihm aber keinen Glauben geschenkt hatte, weshalb er ins Kloster zurückgebracht worden war. Dort wurde er als Strafe für seine Flucht 8 Tage in die schmutzige Station gesteckt. Diese war für Insassen, die ihre Körperflüssigkeiten nicht mehr kontrollieren konnten. Als sich der Kaplan weigerte, dort zu essen, wurde er in eine Zwangsjacke gesteckt und ihm wurde das Essen einfach in den Mund gestopft. Mellage fertigte über die Aussagen von Forbes, Rheinfeld und dem Kaplan Schröder Protokolle an, die er an die Staatsanwaltschaft in Aachen weiterleitete. Daraufhin wurde ein Strafverfahren gegen den Vorsteher des Klosters Mariaberg wegen widerrechtlicher Freiheitsberaubung eingeleitet. Dieses wurde kurz danach eingestellt. Es kam nicht zum Prozess. Mellage ließ nicht locker. Er gab seine Informationen an die Presse weiter. Die Tageszeitung in Iserlohn druckte mehrere Berichte über die unzumutbaren Zuständen im Kloster Mariaberg. Mellage selbst veröffentlichte ein Buch mit dem Titel: “ 39 Monate bei gesundem Geiste als Irrsinnig eingekerkert! Erlebnisse des katholischen Geistlichen M. Forbes aus Schottland im Alexianerkloster Mariaberg in Aachen während der Zeit vom 18. Februar 1891 bis 30. Mai 1894″. Das Buch erregte viel Aufsehen, weshalb der Amtsarzt Dr. Capellmann, der seit 30 Jahren zuständig für das Kloster war, und der Aachener Regierungspräsident Strafanzeige wegen Verleumdung stellten. Sie drehten den Spieß einfach um, woraufhin Ende November 1894 auf Beschluss des Landgerichts Hagen Mellages Buch konfisziert wurde. Wer hatte damit gerechnet, dass jetzt Mellage, sein Verleger, der Verlagsbuchbinder Johann Warnatzsch, und der Redakteur des Iserlohner Kreisanzeigers, Max Scharre, auf der Anklagebank saßen. Der Fall wurde vor der Ersten Strafkammer des Aachener Landgerichts verhandelt. Dabei kam die ganze Wahrheit über das Kloster ans Licht, das sich als Kerker für unbequeme Geistliche entpuppte. Auch kerngesunde Bürger wie der Bäcker Kaspar Kleinschmidt wurden dort eingesperrt. Dieser verdankte seinen Aufenthalt dort seiner Ehefrau, die ihn loswerden wollte. Er wurde grundlos in die Heilanstalt gebracht, wo er 2 Monate lang festgehalten wurde. Das Essen bestand aus Gerstensuppe, einem Stückchen Leberwurst oder einem halben Hering. Viele Zeugen wurden angehört, so auch der Landwirtschaftsgehilfe Joseph Nelleser. Dieser war dort ein halbes Jahr tätig, der niemals einen Amtsarzt dort gesehen hatte. Allerdings hatte er beobachtet, dass Insassen von den Klosterbrüdern misshandelt wurden. Die Wirtschafterin des Pfarrer Rheindorfes, eine Frau namens Friesel sagte aus, dass ihr der Leiter der Anstalt, der Bruder Heinrich, gesagt hatte, dass niemand ohne Zustimmung entlassen werde und wer entlassen wird, der wurde „zahm“ gemacht. Die Epileptiker Joseph Schäfer, Oprée und Louis Meyer erzählten über ihr Martyrium. Sie wurden in einen leeren Raum mit einer Badewanne gebracht. Sie mussten sich vollständig ausziehen, wurden dann gefesselt und in die Badewanne mit eiskaltem Wasser gelegt. Dann drückte ein Klosterbruder ihren Kopf unter Wasser, bevor sie erstickten, wurde dieser aus dem Wasser gezogen. Insgesamt 30 Minuten lang wurde diese Prozedur immer wieder wiederholt. Als der Rektor des Klosters Mariaberg, der Bruder Paulus Overbeck dazu befragt wurde, gab er alles zu. Behandlungsmethoden mit Zwangsjacke oder Tauchbäder gehörten zum Klosteralltag. Er war zuvor in einem belgischen Kloster tätig gewesen, wo diese Methoden sogar gesetzlich vorgeschrieben waren. Im Prozess kam alles ans Licht. Das Kloster Mariaberg war keine Heilanstalt, sondern eine Folterkammer, in der Laienbrüder, die zuvor einfache Handwerker und Arbeiter waren, nun mit der Pflege von Kranken und Geisteskranken betraut worden waren. Diese hatten keinen blassen Schimmer, was sie taten. Viele genossen es ihre neue Machtposition auszuleben und ihren sadistischen Trieben im Schutz der Klostermauern freien Lauf zu lassen. Nach über 2 Stunden verkündete der Vorsitzende des Gerichtshofes, Landgerichtsrat Dahm, das Urteil. Alle drei Angeklagten wurden in allen Punkten freigesprochen. Damit hatte die Gerechtigkeit doch noch gesiegt. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos der Kaiserstadt Aachen, vor dessen Toren das Kloster Mariaberg liegt. 🙂














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