Im ausgehenden 19. Jahrhundert gab es in England einen Fall, der die Grundfeste des Justizsystems erschütterte und als Paradebeispiel für die Gefahren von fehlerhaften Zeugenaussagen und falscher Identifizierung gilt. Die Geschichte von Adolf Beck, einem Mann, der fälschlicherweise wegen Betrugs verurteilt wurde, ist eine tragische Erzählung über Ungerechtigkeit und die Notwendigkeit von Reformen im Rechtssystem. Adolf Beck wurde 1841 in Norwegen geboren und erhielt eine Ausbildung zum Chemiker. Doch anstatt dieser Karriere zu folgen, zog es ihn auf das Meer. 1865 ließ er sich in England nieder und arbeitete als Angestellter bei einem Schifffahrtsmakler. Im Jahr 1868 wanderte Beck nach Südamerika aus, wo er zunächst als Sänger lebte, dann zum Schiffsmakler wurde und auch mit Immobilien handelte. Er verdiente beachtliche Summen, darunter £8.000 aus einer Provision für den Verkauf eines spanischen Konzessionsgebiets auf den Galapagosinseln. Nach seiner Rückkehr nach England 1885 versuchte er, in verschiedene finanzielle Projekte zu investieren, unter anderem in eine Kupfermine in Norwegen, was jedoch zu einem finanziellen Ruin führte. Von da an lebte Beck chronisch in Geldnot, war Schulden gegenüber dem Hotel schuldig, in dem er wohnte, und hatte sogar Geld von seinem Sekretär geliehen. Trotzdem hielt er an seinem Image fest und kleidete sich im Zwirn mit Zylinder, Gehstock, Monokel und gewachstem Schnurrbart. Die Ereignisse, die zur Festnahme Becks führten, begannen am 16. Dezember 1895. Der damals 54 Jahre alte Beck hatte sich Ende 1895 in der Victoria Street eine kleine Wohnung gemietet. Als er gerade vor die Tür des Wohngebäudes trat, sprach ihn eine ihm unbekannte Frau an. Diese hieß Ottilie Meissonier, die ihm den Weg versperrte. Sie beschuldigte ihn, sie um zwei Uhren und mehrere Ringe betrogen zu haben. Beck wies dies zurück und wandte sich an einen Polizisten, um zu berichten, dass er von einer Prostituierten verfolgt werde. Beide wurden nun zur Polizeiwache Rochester Row gebracht, wo Meissonier als Geschädigte identifiziert wurde, die behauptete, Beck habe sie vor drei Wochen betrogen. Die Beschreibung des Verbrechens stimmte dem von einer Frau namens Daisy Grant überein, die vor einigen Monaten von einem Betrüger, der auf Adolph Becks Beschreibung passte, übers Ohr gehauen worden war. Aus diesem Grund kam es zu einer Gegenüberstellung mit 7 weiteren Männern, die jedoch allesamt kein graues Haar noch einen Schnurrbart hatten, weshalb Adolf Beck eindeutig als der Betrüger von den Frauen identifiziert wurde. Adolf Beck wurde in U-Haft gesteckt und gegen ihn wurde Anklage erhoben. Für die Presse war der Fall ein gefundenes Fressen. Nach den Zeitungsberichten meldeten sich über 20 Frauen bei der Polizei, die auch auf Adolf Becks Betrugsmasche, der sich als Aristokrat Lord Wilton de Willoughby ausgegeben hatte, hineingefallen waren. Am 3. März 1896 begann Becks Prozess im Old Bailey. Das Verfahren wurde von Horace Edmund Avory geleitet, während Beck von Charles Gill verteidigt wurde. Der Richter war Sir Forrest Fulton, der selbst in einem früheren Verfahren gegen einen Mann namens John Smith, der über achtzehn Jahre zuvor verurteilt worden war, eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Gill argumentierte, dass es sich um einen Fall von Verwechslung handeln müsse und dass Beck nicht der Mann sein könne, der Smith gewesen sei. Es wurde versucht, durch Zeugen zu beweisen, dass Beck zur Tatzeit in Südamerika war. Doch die Verteidigung konnte ihre Argumentation kaum aufbauen, da die Zeugenaussagen, die Beck eindeutig entlastet hätten, nicht zugelassen wurden. Zu allem Übel kam der Handschriftsexperte Thomas H. Gurrin, der die Handschrift der Schriftstücke von Smith, die dieser 1877 seinen Opfern gegeben hatte, mit Becks Handschrift, verglich, zu dem Schluss, dass Beck die früheren Schriftstücke mit einer verstellten Handschrift geschrieben hatte. So kam es, dass Beck letztlich am 5. März 1896 für schuldig befunden wurde und eine Strafe von sieben Jahren schwerer Haft erhielt. Im Gefängnis erhielt er John Smith alte Häftlingsnummer D 523, die mit dem Buchstaben W, der für Wiederholungstäter stand, ergänzt wurde. Beck saß bis 1901 im Gefängnis, ohne dass jemand die Unrechtmäßigkeit seiner Verurteilung hinterfragte. Seinen Anwalt gelang es, zwischen 1896 und 1901 insgesamt zehn Beschwerden über die Wiederprüfung seines Falls einzureichen, jedoch ohne Erfolg. Im Mai 1898 stieß ein Offizieller des Innenministeriums auf den Umstand, dass Smith jüdisch und damit beschnitten war, während Beck das nicht war. Dies brachte etwas Bewegung in den Fall, auch wenn der Richter weiterhin skeptisch blieb. Dies führte lediglich dazu, dass aus Becks Häftlingsnummer das W entfernt wurde. Die öffentliche Meinung begann sich allmählich zu ändern, als Georg Robert Sims, ein Journalist, und Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlock Holmes, die Aufmerksamkeit auf die Ungerechtigkeit lenkten. Beck wurde 1901 unter Auflagen entlassen. Am 22. März 1904 kam es erneut zu einer Festnahme von Beck. Eine Frau beschuldigte ihn, ihr Schmuck gestohlen zu haben, und obwohl er die Vorwürfe heftig bestritt, wurde er erneut verhaftet. Bei seiner zweiten Gerichtsverhandlung konnten wieder fünf Frauen ihn identifizieren. Schließlich stellte sich jedoch heraus, dass ein gewisser Wilhelm Meyer, ein Mann, der Beck auffällig ähnelte, der tatsächliche Betrüger war, der unter verschiedenen Namen agierte. Meyer wurde schließlich festgenommen, gestand seine Taten und wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Beck wurde am 29. Juli 1904 begnadigt und erhielt letztlich 5.000 £ in Entschädigung für seine ungerechte Haft. Diese Summe entsprach etwa 600.000 £ in heutiger Währung und wurde durch den öffentlichen Druck und das Engagement von Sims erreicht. Der Fall führte zur Gründung des englischen Gerichtshofs für Strafrecht 1907, da man die Schwächen im System erkannte. Darüber hinaus wurde die Justiz gedrängt, die Verwendung von unzuverlässigen Bewertungen und die Bedeutung von ordnungsgemäßen Gerichtsverfahren zu überdenken. Adolf Beck starb jedoch 1909, nur wenige Jahre nach seiner Entlassung, als gebrochener Mann im Middlesex Hospital. Seine Geschichte bleibt ein lehrreiches Beispiel dafür, wie wichtig die Integrität des Rechtssystems ist und wie tragisch die Folgen einer falschen Identifikation sein können. Die Lehren aus dem Fall Beck sind bis heute relevant und werden in vielen Ländern als Warnung vor den Gefahren unzureichender Beweiserhebung und irriger Zeugenaussagen herangezogen. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von London, wo sich der tragische Justizirrtum zugetragen hatte. 🙂



















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