Der Name Iwao Hakamata ist nicht nur in Japan, sondern weltweit bekannt – als Symbol für einen der größten Justizirrtümer der Geschichte. Der ehemalige Profiboxer, geboren am 10. März 1936 in Yūtō in der Präfektur Shizuoka, verbrachte fast fünf Jahrzehnte in Einzelhaft in Japans Todeszelle, bevor er 2024 in einem Wiederaufnahmeverfahren schließlich freigesprochen wurde. Seine Geschichte ist eine Mischung aus tragischem Schicksal, brutalem Polizeiverhalten und einem systematischen Versagen des japanischen Justizsystems. Am Morgen des 30. Juni 1966 brach im Haus eines Geschäftsführers der Miso-Fabrik, in der Hakamata seit dem Ende seiner Boxkarriere gearbeitet hatte, ein Feuer aus. In den Flammen wurden die grausam verstümmelten Leichen des Geschäftsführers, seiner Frau und ihrer beiden Kinder gefunden. Alle vier waren mit 40 Stichwunden brutal ermordet worden. Aus dem Haus wurden rund 200’000 Yen in bar gestohlen. Was wie ein Raubmord aussah, war der Beginn jahrzehntelanger Qualen für Hakamata. Kurz nach der Tat wurde Hakamata von der Polizei verhört, da angeblich Blut- und Benzinspuren auf seinem Pyjama gefunden worden waren. Dies war jedoch nur der Anfang eines Verhörs, das später von Menschenrechtsorganisationen als „unmenschlich und grausam“ verurteilt wurde. Insgesamt wurde der Verdächtige über einen Zeitraum von 23 Tagen 264 Stunden lang verhört – zeitweise bis zu 16 Stunden am Stück. Seinen eigenen Angaben zufolge wurde er während dieser Verhöre körperlich und psychisch misshandelt. Berichten zufolge wurden ihm Wasser und Toilettenpausen verweigert. Unter diesen Umständen unterzeichnete Hakamata letztendlich ein vorformuliertes Geständnisdokument, das ihm ein Ermittler hinhielt. Hakamata widerrief sein Geständnis vor Gericht und erklärte, es sei unter Zwang erlangt worden. Doch trotz seiner Unschuldsbeteuerungen verurteilte ihn das Gericht am 11. September 1968 zum Tode. Die Beweise gegen ihn stützten sich hauptsächlich auf fünf Kleidungsstücke, die angeblich mit dem Blut der Opfer befleckt waren und etwa 14 Monate nach der Tat in einem Miso-Fass gefunden wurden. Diese Kleidungsstücke waren jedoch viel zu klein, um Hakamata zu passen. Die Anklage behauptete, die Kleidungsstücke seien durch das Eintauchen in Miso geschrumpft – eine Theorie, die von Experten vehement bestritten wurde. Erschwerend kam hinzu, dass die mutmaßliche Tatwaffe mit einer Klingenlänge von 12 cm nicht zu den tiefen Stichwunden der Opfer passte. Immer wieder wurden Zweifel laut, ob die Kleidungsstücke überhaupt Hakamata gehörten. Ein Etikett trug den Buchstaben „B“, der laut Staatsanwaltschaft für „Medium“ stand und somit Hakamatas Größe angab. Tatsächlich stellte sich heraus, dass „B“ für die Farbe Schwarz stand und nichts mit der Kleidergröße zu tun hatte. Nach seiner Verurteilung wurde Hakamata in Einzelhaft gehalten – eine Situation, die im Laufe der Jahrzehnte seinen psychischen Zustand stark beeinträchtigte. Es war ihm nicht gestattet, mit Gefängnispersonal zu sprechen oder regelmäßig Besuch zu empfangen. Nur bei wenigen Gelegenheiten erhielt seine ältere Schwester Hideko die Erlaubnis, ihn zu sehen. Sein psychischer Zustand verschlechterte sich rapide; Berichten zufolge entwickelte er eine „institutionelle Psychose“. Der ehemalige Boxer ließ sich zum katholischen Glauben taufen und erhielt den Namen „Paul“. Trotz seines körperlichen und psychischen Leidens beharrte er auf seiner Unschuld. In einem Brief an seinen Sohn aus dem Jahr 1983 schrieb er: „Ich werde dir beweisen, dass dein Vater niemals jemanden getötet hat. Die Polizei kennt die Wahrheit.“ Nach jahrelangen Bemühungen, darunter mehrere gescheiterte Anträge auf ein Wiederaufnahmeverfahren, wendete sich das Blatt schlussendlich im Jahr 2008. Moderne DNA-Tests bewiesen, dass das Blut auf den fraglichen Kleidungsstücken nicht mit Hakamatas DNA übereinstimmte. Weitere Tests in den folgenden Jahren untermauerten diese Ergebnisse und lieferten seinen Anwälten zusätzliche Argumente, die daraufhin erneut einen Antrag auf ein Wiederaufnahmeverfahren stellten. Im März 2014 ordnete das Bezirksgericht Shizuoka unerwartet ein Wiederaufnahmeverfahren an und entließ Hakamata aus der Haft. Der Richter äußerte starke Zweifel an der Echtheit der Beweise und erklärte, die ursprüngliche Verurteilung könnte auf gefälschten Beweisen beruht haben. Die Entscheidung wurde von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen begrüßt, die sich seit Jahrzehnten für Hakamata eingesetzt hatten. Fast ein Jahrzehnt später, am 26. September 2024, sprach das Gericht Hakamata in einem Wiederaufnahmeverfahren nach 56 Jahren frei. Am 8. Oktober 2024 beschloss die Staatsanwaltschaft, keine Berufung einzulegen, womit der Freispruch rechtskräftig wurde. Dies war ein historischer Moment, der gleichzeitig Fragen zum japanischen Justizsystem und dessen Umgang mit zum Tode Verurteilten aufwarf. Als Entschädigung für seine jahrelange Haft erhielt Hakamata im Jahr 2025 rund 217’000’000 Yen (1’400’000 US-Dollar). Dies reichte jedoch nicht aus, um das Ausmaß der Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren war, wiedergutzumachen. Hakamata reichte zudem eine Klage gegen die japanischen Behörden wegen Verleumdung ein und forderte eine öffentliche Entschuldigung. Der Fall Hakamata wirft immer noch ein Licht auf die dunklen Ecken des japanischen Justizsystems. Kritiker argumentierten, dass die langwierigen Verhörphasen von bis zu 23 Tagen ohne Rechtsbeistand und der häufige Einsatz erzwungener Geständnisse reformiert werden müssten. Amnesty International und der japanische Anwaltsverband forderten wiederholt, dass alle polizeilichen Verhöre vollständig aufgezeichnet werden, um solche Fälle in Zukunft zu verhindern. Hakamata wurde zudem zu einem Symbol der weltweiten Bewegung gegen die Todesstrafe. Papst Franziskus selbst sprach sich während seines Japanbesuchs im Jahr 2019 erneut gegen die Todesstrafe aus und betonte die ethischen Herausforderungen, die mit solchen Strafen verbunden sind. Die Geschichte von Iwao Hakamata ist mehr als nur ein Rechtsfall. Sie erinnert die Gesellschaft daran, dass Gerechtigkeit nicht nur durch Gesetze oder Verfahren erreicht wird, sondern auch durch ständige Wachsamkeit gegenüber möglichen Mängeln im System. Trotz der 56 Jahre, die er aufgrund von Justizirrtümern und Misshandlungen verloren hat, bleibt sein Name als Symbol für den Kampf um Gerechtigkeit bestehen. Zwar kann er nun in seinem hohen Alter ein freies Leben führen, doch die Frage bleibt: Wie können die Hüter der Gerechtigkeit sicherstellen, dass sich solche tragischen Fehler niemals wiederholen? Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Japans Hauptstadt Tokio. 🙂



















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