Der Siegfriedsbrunnen in Odenheim: Tötungsort des Nibelungen-Heldens Siegfried von Xanten durch Hagen von Tronje

Ich besuche gern mystische Orte, die auf mich eine unerklärliche Wirkung ausüben. Einer von diesen Orten ist der Siegfriedsbrunnen in Odenheim. Er gilt als Ort, in dem Siegfried von Xanten, der Held des Nibelungenliedes von Hagen von Tronje ermordet worden sein soll. Ich begab mich an diesem Ort, der mitten im Wald liegt. Die Luft war klar und es wehte ein eisiger Wind. Das Wasser des Brunnens plätscherte und ich betrachtete das Denkmal aus nächster Nähe. Die Handlung des Nibelungenliedes entspringt sowohl mythologischer Erzählkunst als auch dichterischer Einbildungskraft. Hingegen haben die im Nibelungenlied erwähnten Gestalten und Ortsbezeichnungen jedoch meist einen realen Bezug. Deshalb ist der alte Historikerstreit, ob der Ort Odenheim als Stätte der Ermordung des Nibelungen-Helden Siegfried in Frage kommt, in den Hintergrund getreten, während die Tatsache, dass „Otenhain“, die frühere Schreibweise von Odenheim, in der C-Fassung des Nibelungenliedes in Strophe 1013 Erwähnung findet, an Bedeutung gewonnen. Die Übertragung dieses mittelhochdeutschen Verses ist in die Steinplatte des Brunnens eingemeißelt, die ich deutlich erkennen konnte. Die Inschrift lautete wie folgt: Wenn der den Brunnen sucht, wo Siegfried erschlagen, sollt ihr die rechte Kunde mich auch noch hören sagen. Dort vor dem Odenwalde ein Dorf liegt Odenhaim. Dort fließt noch der Brunnen. Darüber kann kein Zweifel sein. Aber wie kam diese geografische Bezeichnung Otenhain in das Nibelungenlied? Am plausibelsten ist die Vermutung, dass der Schreiber der C-Fassung, vermutlich ein Kleriker oder Benediktiner-Mönch, vorübergehend im Kloster Odenheim weilte oder aber die Strophe aus Verbundenheit mit der Abtei in seine Version des Nibelungenlieds aufgenommen hat. Das Benediktinerkloster Odenheim stand um das Jahr 1200, als das Nibelungenlied aufgeschrieben wurde, in großer Blüte und der Abt des Klosters hieß zu jener Zeit Siegfried. Die Geschichte des Nibelungenliedes reicht weit in die Welt germanischer und nordischer Heldensagen zurück. Die alten Maeren, die in der Eingangsstrophe des Epos erwähnt werden, erzählen von Namen und Geschichten, die über Jahrhunderte mündlich weitergegeben worden waren. Um das Jahr 1200 wurden diese verschiedenen Überlieferungen von anonymen Verfassern zu einem schriftlichen Werk verbunden, das wir als Nibelungenlied kennen und dessen bekannteste Version die Fassung C ist. Einer der historischen Kerne der Sage wird in der Zerschlagung des Burgunderreiches im Raum Worms um das Jahr 436 vermutet. Das Nibelungenlied handelt von Königen und Helden, von Liebe und Leidenschaft, von Treue, Verrat und Rache und gilt als die größte Dichtung des deutschen Mittelalters. Ein Erfolgsrezept, dessen sich auch die weltberühmte Serie wie „Game of Thrones“ oder Tolkiens „Der Herr der Ringe“ bediente. Teil des Nibelungenliedes ist der Aufstieg des Königssohns Siegfried von Xanten. Dieser besiegte einen Drachen und gewann in der Folge den Nibelungenschatz. Durch ein Bad im Blut des Drachen wurde er unverwundbar – bis auf eine Stelle auf seinem Rücken, die während des Badens durch ein herabfallendes Lindenblatt bedeckt war. Der Held Siegfried verhalf dem Burgunderkönig Gunther auf Island zu seiner Frau Brunhilde und erhielt im Gegenzug die Schwester von König Gunther, Kriemhilde, zur Gemahlin. Streit, Missgunst und Eifersucht am Hofe zu Worms führten schließlich zum Mordkomplott zwischen Brunhilde und deren treuen Gefolgsmann Hagen von Tronje. Auf einem Jagdausflug vor dem Odenwalde kam es schließlich zum Meuchelmord. Als sich Siegfried nach einem siegreich beendeten Wettlauf niederbeugte, um aus einer Quelle zu trinken, wurde er hinterrücks durch den Speer Hagens getötet. Möglich wurde die Ermordung nur, weil Krimhilde Siegfrieds verwundbare Stelle durch ein aufgesticktes Kreuz kenntlich gemacht hatte. Dies sollte zu dessen Schutz dienen, wie ihr Hagen vorher in hinterhältiger Weise versichert hatte. Krimhilde schwor Rache. Der Untergang der Burgunder wurde besiegelt. Ich bestaunte dieses Denkmal, das im Jahr 1932 an der vormaligen Siegfriedsquelle errichtet wurde. Der Bau des Denkmals wurde durch eine großzügige Spende des nach Amerika ausgewanderten Juden Sigmund Odenheimer ermöglicht, der sich in seiner neuen Heimat als Erfinder einen Namen gemacht hat. Er wurde 1860 in Odenheim geboren und soll die Stiftung auch in nostalgischer Erinnerung an seine Jugendliebe getätigt haben. Die vom Karlsruher Kunstprofessor Wilhelm Nagel entworfene und aus heimischen Schilfsandstein erbaute Brunnenanlage in Spitzbogenform ist 3,65 Meter hoch. Das Relief, das die Ermordung Siegfrieds durch Hagen zeigt, wurde von dem Karlsruher Steinbildhauer C. Dietrich in Stein gehauen. Die Steinmetzarbeiten besorgten die Odenheimer Steinhauer Adam Zirkel und Friedrich Lemle. Der Vorplatz wurde in den 1960er-Jahren nach der Fertigstellung der Straße neu gestaltet. Ich bestaunte diesen Brunnen eine ganze Weile und stellte mir die Frage, ob sich die Geschichte um den Helden Siegfried wirklich so zu getragen hatte? Gab es ihn tatsächlich und wurde er hier an diesem idyllischen Ort ermordet? Das Nibelungenlied ist eine Dichtung voller Symbolik und gleichnishafter historischer Handlungen. Für mich hatte dieser Ort etwas geheimnisvoll Dunkles und doch war der Ort, umgeben vom Wald und den Bäumen friedvoll. Was auch immer hier geschehen sein soll, es wird für immer ein ungelöstes Rätsel bleiben. In diesem Sinne viel Vergnügen mit meinen Fotos vom Siegfriedsbrunnen in Odenheim. 🙂

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