Zwei Tage vor Weihnachten am 22. Dezember 1923 wurde auf dem Wilheminenberg im 16. Wiener Gemeindebezirk Ottakring die 12 Jahre alte Grete Pilz in eisiger Kälte von der Polizei völlig verängstigt aufgegriffen. Nach der Untersuchung des Amtsarztes, der blutunterlaufene Striemen am Gesäß feststellte, war klar, dass Grete offensichtlich schwer misshandelt worden war. Die anschließende polizeiliche Befragung brachte Ungeheuerliches ans Licht. Grete lebte seit einiger Zeit bei Edith Cadivec, die sich auch Edith de Cadwéc oder Baronin Cadwé je nach Lust und Laune nannte. Die Erzieherin, Lehrerin und Pflegemutter von Grete betrieb seit 1916 in ihrer Dachgeschosswohnung in der Biberstraße 9 eine „Privatschule für moderne Sprachen“. Grete gestand, dass sie regelmäßig im Salon von Edith gezüchtigt wurde, wenn diese Herrenbesuch hatte. Vor vier Tagen war sie derart misshandelt worden, dass sie weder sitzen noch stehen konnte. Da Grete von Edith privat unterrichtet wurde und keine Schule besuchte, fielen die Misshandlungen niemanden auf. Grete gab an, dass Edith von den Herren 300.000 Kronen bekam, damit diese bei ihrer Züchtigung zu sehen durften. Grete bekam von Edith unlösbare Aufgaben gestellt, damit diese sie dann bestrafen konnte. Das Züchtigungsinstrument durfte Grete selber aussuchen, die sich dann entweder nackt oder mit einem weißen Glacéleder gefertigten Stoffhöschen übers Knie von Edith legte, die im Sessel saß. Die Schläge musste Grete laut mitzählen. Nach der Strafprozedur musste sie entblößt im Zimmer kniend verweilen. Danach musste sie Ediths Hände küssen, die ihr Trost spendete und ihr dann Süßigkeiten gab, bevor diese sich eine Zigarette anzündete und diese genüsslich rauchte. Einer der Herren kniete dann vor Edith und drückte sein Gesicht in ihren Schoss. Er liebte es diese zu lecken. Die Herren schauten sich das Ganze aus einem Nebenzimmer an. Neben Grete gab es noch drei weitere Kinder, unter denen auch ein Knabe war, die alle von Edith bestraft wurden. Alle Kinder stammten aus den unteren Gesellschaftsschichten, weshalb sie keine Entdeckung befürchtete. Selbst Ediths eigene Tochter war das Opfer ihrer sadistischen Schaustellungen. Nach dieser erschreckenden Aussage wurde Ediths Dachgeschosswohnung sofort durchsucht. Neben zahlreichen Züchtigungsgegenständen wie Leder- und Riemenpeitschen, wurde ein spanisches Rohr, eine Birkenrute, ein Rossschweif sowie sadomasochistische Fotografien, Kataloge und Briefe gefunden. Edith verfügte über ein beachtliches Arsenal an Schlagwerkzeugen, das keine Wünsche ihrer nach Peinigung der Kinder lechzenden Kunden offen ließ. Aber der wichtigste Fund war ein kleines Büchlein, das teilweise verschlüsselte, aber auch die echten Namen von Ediths Kunden sowie deren Tageseinnahmen enthielt und diese waren beachtlich. Edith wurde noch am selben Abend zusammen mit einigen ihrer Stammkunden verhaftet. Diese waren der Außenpolitiker und Freiherr Leopold von Chlumecky, der reiche Teppichhändler Paul Kotanyi, der im Grand Hotel Wien residierte und bei Edith als der “ Herr Schulinspektor“ sich vorstellte, der Universitätsdozent der Augenheilkunde Ernst Bachstez und der 27 Jahre alte Walter Taussig, der einzige Sohn eines stinkreichen Industriellen. Letzterer onanierte, wenn ein Kind gezüchtigt wurde. Alle Herren stammten aus den besten Kreisen, die sich daran ergötzten, wenn ein Kind auf grausame Weise gequält wurde. Natürlich sorgte das Verbrechen an unschuldigen Kindern zur Lustbefriedigung von Herren aus der Oberschicht für einen riesigen Skandal im Nachkriegswien. Im Sprachgebrauch bürgerte sich der Ausdruck „cadivezzln“ ein. Der spektakuläre Sadistenprozess fand Ende Februar 1924 am Wiener Landesgericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die feinen Herren hatten vorgesorgt und sich durch namhafte Persönlichkeiten, die für sie positiv aussagten, abgesichert. Der Freiherr Leopold Chlumecky berief als Leumundszeugen den angesehenen Fürsten von Babenhausen, der Universitätsdozent Bachstez hatte den Psychiater Julius Wagner-Jahregg an seiner Seite, während der Industriellensohn 5 ärztliche Gutachten zu seiner psychischen Verfassung, unter anderem ein Attest des Psychoanalytikers Ludwig Jekels vorlegte. Edith selbst beteuerte eisern ihre Unschuld. Sie hatte in „animo corrigendi“, in erzieherischer Absicht gehandelt. Warum sie dazu allerdings zahlendes Publikum benötigte, diese Frage konnte sie nicht beantworten. Edith war keine Schönheit, dafür aber klug. Edith erblickte am 27. November 1879 als Tochter eines Eisenbahnbeamten in Sankt Martin, das Licht der Welt. Im Alter von 11 Jahren kam sie ins Pensionat nach Graz zu Schulschwestern, zu deren gängiger Praxis körperliche Züchtigung gehörte. Bis zu ihrem 17 Lebensjahr wurde Edith gezüchtigt. Von 1894 bis 1898 besuchte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt der Ursulinen in Graz, die sie erfolgreich absolvierte. Anno 1904 war sie als Lehrerin im Lyceé de filles von Notre-Dame in Paris tätig, ehe sie Erzieherin in Wiener Bürgerhäusern wurde. Anno 1909 lernte Edith über ein Zeitungsinserat den Grafen Franz Schlick kennen, der gern Frauenkleidung trug. Die Zeugung der gemeinsamen Tochter Edith-Françoise geschah, in dem sie rittlings im Forsthaus des gräflich böhmischen Gutes auf Franz saß, der auf einer Strafbank angeschnallt war, bis er in sie abspritzte. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges 1915 reiste Edith in die Donaumetropole Wien, wo sie sich als verwitwete Gräfin ausgab. Ein Jahr später eröffnete sie ihre Sprachschule, bis sie verhaftet wurde. Drei Tage dauerte die Verhandlung bis am 1. März ein Schöffensenat Edith zu 6 Jahren schweren Kerkers, verschärft durch einen Fastentag vierteljährlich, wegen des Verbrechens der Schändung und des Verbrechens der Verführung zur Unzucht in einem Abhängigkeitsverhältnis verurteilte. Als Edith das Urteil hörte, schrie sie „Ich bin unschuldig!“. Von den Herren erhielten einzig der Teppichhändler Kotanyi und der Industriellensohn Taussig bedingte Haftstrafen, die anderen wurden freigesprochen. Doch nach zwei Jahren wurde Edith bereits im Dezember 1925 durch die ihr gewährte Amnestie des Bundespräsidenten Hainisch aus dem Gefangenenhaus St. Pölten entlassen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ihr Pflegekind Grete kam nach ihrer Aussage übrigens ins Luisenheim für gefährdete Kinder. Edith selbst sorgte mit der Veröffentlichung ihres Buches „Mein Schicksal – Bekenntnisse von Edith Cadwé“ erneut für einen Skandal, da es wegen der detaillierten Sexualpraktiken als die Bibel für Sadisten und Masochisten galt. 1932 erschien das Folgeband „Eros – Sinn meines Lebens“, in dem Edith die Jahre nach ihrer Haftentlassung beschrieb. Edith selbst änderte ihren Namen 1927 in Edith Christally, die 1940 teilentmündigt wurde. Edith war mittelos und alt, der das Amtsgericht ein Armenrecht bewilligte. Von 1951 bis 1952 befand sie sich in der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“. Ein Jahr später im Alter von 73 Jahren forderte sie Haftentschädigung, aber erfolglos. Danach verlor sich von Edith jede Spur, was aus dieser wurde, blieb ungewiss. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos vom Brunnenmarkt im 16. Wiener Gemeindebezirk Ottakring, wo einst Grete Pilz nach ihrer Flucht von Edith aufgegriffen wurde. 🙂














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