Die verschwundene Lolita

Isabella Müller Trier @isabella_muenchen

Vor über 30 Jahren verschwand die 18 Jahre alte Lolita Brieger, die als ungelernte Näherin in Jünkerath, einer Ortsgemeinde in der Vulkaneifel in Nordrhein-Westfalen arbeitete und dort in einer kleinen Wohnung lebte. Die attraktive, schwangere Frau wurde das letzte Mal lebend gesehen als sie von ihrer Arbeitskollegin gegen 13 Uhr in Scheid aus dem Auto gestiegen war, um zu dem Bauernhof ihres Freundes Josef Klein, genannt Jupp zu gehen, mit dem sie sich und seinem Vater verabredet hatte. Doch dort kam sie nie an. Lolita Brieger verschwand an diesem Nachmittag des 4. Novembers 1982 spurlos und erst 30 Jahre später sollte sie wieder auftauchen. Doch der Reihe nach. Im August 1981 hatte Lolita Brieger mit knapp 17 Jahren den 21 Jahre alten feschen und wohlhanden Landwirt Jupp aus einer gut situierten, alt eingesessen Bauersfamilie kennen und lieben gelernt. Von Anfang an störten sich die Eltern von Jupp an der für sie nicht standesgemäßen Liaison. Lolita Brieger stammte aus einfachen Verhältnissen, deren Eltern deutsch Vertriebene aus Schlesien waren. Ihr Vater arbeitete im Bergbau und musste eine sechsköpfige Familie mit seinem geringen Gehalt ernähren. Im Sommer 1982 trennte sich Jupp das erste Mal von Lolita, die daraufhin einen Selbstmordversuch mit Schlaftabletten unternahm. Sie konnte gerettet werden und Jupp kehrte zu Lolita zurück, die ihm erzählte dass sie schwanger war. Lolita hoffte, dass Jupp sie nun heiraten würde, doch Jupp beendete aufgrund ihrer Schwangerschaft erneut die Beziehung. Am Tag vor ihrem Verschwinden kam es in ihrer kleinen Wohnung zu einer lautstarken Auseinandersetzung mit Jupp, die auch ihre Vermieterin, die im selben Haus lebte, mitbekam. Während Lolita Jupp von einer gemeinsamen Zukunft überzeugen wollte, machte Jupp Lolita unmissverständlich klar, dass es diese nicht geben würde. Lolita sollte am nächsten Tag auf den Hof kommen, damit sein Vater die Angelegenheit mit einer finanziellen Abfindung regeln konnte. Lolita willigte ein. Seitdem Lolita aus dem Auto ihrer Arbeitskollegin gestiegen war, galt diese wie vom Erdboden verschluckt. Ihre Eltern gaben eine Vermisstenanzeige auf und die Kriminalpolizei ermittelte auf Hochtouren. Doch leider ergebnislos. Einzig ihr Schlüsselbund wurde von einem Jugendlichen im Februar 1983 auf dem Friedhof in Stadtkyll gefunden. Jahrzehnte strichen ins Land. Dann bekam der Ermittler Wolfgang Schu der Mordkommission Trier die Akte erneut zur Hand, die nicht geschlossen worden war, da ein Mord nicht ausgeschlossen werden konnte. Dieser thematisierte den Fall Lolita Brieger am 24. August 2011 in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Er erhoffte sich, dass sich vielleicht ein Mittäter melden würde. Dieser hatte keine Strafverfolgung zu befürchten, da die Beteiligung an der Tat verjährt war. Er appellierte inständig an das Gewissen der Mitwisser, damit die Familie endlich Frieden schließen konnte. Tatsächlich geschah noch während der Sendung das ersehnte Wunder. Eine Zuschauerin meldete sich, die Hinweise auf einen möglichen Mitwisser hatte. Dieser war ein befreundeter Dachdecker von Josef Klein, der damals seinem Freund geholfen hatte, die tote Lolita verschwinden zu lassen. Josef Klein wurde deswegen am 9. September in Untersuchungshaft genommen. Am 19. Oktober 2011 nach zwölftägiger Suche wurde auf der stillgelegten Mülldeponie bei Dahlem-Frauenkron ein menschliches Skelett mit Drahtschlinge um den Hals in einem grünen Plastiksack gesteckt, gefunden. Die Obduktion ergab, dass es sich um die vermisste Lolita Brieger handelte. Diese wurde am 4. November, an dem Tag wo sie vor 29 Jahren ihr Leben ließ, gemeinsam mit ihrem ungeborenem Kind auf dem Friedhof der Pfarrei St. Brictius Berk beerdigt. Nachdem die Staatsanwaltschaft Trier am 29. Dezember Anklage wegen Mordes gegen Josef Klein erhoben hatte, begann sein Prozess am 6. März 2012. Der Tathergang hatte sich wie folgt am 4. November 1982 abgespielt. Josef Klein hatte sich mit Lolita Brieger in einem Schuppen auf dem Hof getroffen. Es kam wie so oft zum Streit und Lolita Brieger wurde mit einer Drahtschlinge von ihm erwürgt. Danach half ihm sein Freund mit der Beseitigung der Leiche, in dem sie die Tote in einen Plastiksack gesteckt hatten und diesen in der Müllhalde unter Müllbergen begruben. Im Prozess ging es darum, konnte Josef Klein Mord oder nur Totschlag nachgewiesen werden. Im Gegensatz zu Totschlag, der nach 20 Jahren verjährt, verjährt Mord in Deutschland nicht. Am 11. Juni 2012 wurde Josef Klein vom Mordvorwurf freigesprochen. Dieser war für den Tod von Lolita Brieger verantwortlich, aber Mordmerkmale waren nicht mehr nachzuweisen. Dies lag auch daran, dass Josef Klein während des gesamten Prozesses eisern schwieg. Da der Totschlag bereits verjährt war, konnte Josef Klein das Trierer Landgericht als freier Mann verlassen. Einziger Trost für die Angehörigen ist, dass Lolita Briegers Fall geklärt wurde und nun jeder weiß, wer diese auf dem Gewissen hat. Mit dieser Schuld und bohrenden Blicken muss nun Josef Klein leben. Denn was der Mensch sät, das wird er auch ernten. In diesem Sinne viel Freude mit meinen Fotos von Trier, in dem einst Josef Klein vor Gericht stand. 🙂

Verfasst von

Webseite: www.isabellamueller.com . Email: post@isabellas.blog . Instagram: @isabella_muenchen . Facebook: @IsabellaMuenchen . Twitter: @IsabellaMuelle9