Codename Goldfisch: Der geheime Rüstungsbetrieb der Daimler Benz AG

Isabella Mueller @isabella_muenchen

Bei meiner Fahrt durch den Neckar-Odenwald-Kreis entdeckte ich den Goldfischlehrpfad in Obrigheim. Ich wusste nicht, was dieser bedeutete und folgte dem Wegweiser. Ich fuhr in den Wald und parkte mein Auto in der Nähe einer Gipsfabrik. Auf einer Tafel konnte ich nachlesen, dass es sich bei dem Goldfischlehrpfad, um einen historischen Geschichtslehrpfad handelt. Der Goldfischlehrpfad ist ein 2,5 Kilometer langer Rundweg, der die oberirdischen Überreste der unterirdischen Rüstungsfabrik mit dem Codenamen Goldfisch verbindet. Ich machte mich auf die 10 Stationen dieser Geschichte zu erkunden und das mitten im Wald. Es war ein sehr seltsames Gefühl als ich vor dem stillgelegten Tunnel stand. Der Weg war mit einem Zaun versperrt und ich fühlte eine eisige Kälte aus ihm heraus dringen. Der Ort hatte etwas Unheimliches. Vielleicht lag es an seiner Geschichte. Denn als am 6. März 1944 das Flugmotorenwerk der Daimler Benz AG in Genshagen bei Berlin durch einen alliierten Luftangriff schwer beschädigt wurde, verlegte man die kriegswichtigen Unternehmen in die Obrigheimer Gipsgrube Friede. Denn aufgrund seiner enormen Größe war das Bergwerk ideal für eine unterirdische Produktionsstätte und zudem sehr verkehrsgünstig durch die Odenwaldbahn gelegen. Natürlich durfte niemand davon erfahren. Darum verliefen die Planungen für die Verlegung der Rüstungsfabrik unter strengster Geheimhaltung ab. Die Operation erhielt den Codenamen: „Goldfisch“. Für die geheime Operation wurde eine eigenständige Gesellschaft gegründet, die den Namen „Goldfisch GmbH“ erhielt. Für den Ausbau der Stollen setzte man KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter ein. So wurden im März 1944 etwa 500 KZ-Häftlinge dorthin transportiert und in die Neckarelzer Schule untergebracht. Insgesamt waren im Herbst 1944 rund 3000 Häftlinge hierhin transportiert worden. Diese wurden in verschiedene Lager in der Umgebung untergebracht. Das Werk wurde am 10. November 1944 mit einer Feierstunde eingeweiht. Das Werk in Obrigheim fertigte vor allem Motoren für das Jagdflugzeug „Me 109“ an. Aber nicht nur die Grube „Friede“, sondern auch das unweit gelegene Gipsbergwerk „Ernst“, das bereits 1896 stillgelegt worden war, wurden als unterirdische Produktionsstätte für die Rüstungsproduktion verwendet. Doch der Ausbau dieser Produktionsstätte konnte bis Kriegsende nicht mehr fertig gestellt werden. Die Front rückte näher und so wurde die „Goldfisch GmbH“ mit den zu ihr gehörenden Lagern geräumt und die Häftlinge abtransportiert. Die Amerikaner erreichten Obrigheim am 1. April 1945 und fanden ein verlassenes Werk vor. Fast 250 der in der Produktion tätigen Häftlinge starben an Unterernährung, bei Arbeitsunfällen und alliierter Luftangriffe. Nach Ende des Kriegs bekam die Sowjetunion ein Teil der in den Stollen eingesetzten Maschinen als Reparationsleistung. Die restlichen hingegen wurden verkauft. Eine spannende Geschichte, die ich anhand der Stationen: „Tunnel/Bahnhof“, „Kesselhaus“, „Alte Eisenbahnbrücke“, „Umschlaghalle“, „Treppenweg“, „Talblick“, „Stolleneingang-Goldfisch“, „Küchenbaracke“, „Stolleneingang-Brasse“ und „Wasserversorgung“ hautnah miterleben durfte. Neben dem abgetragenen Bahndamm erblickte ich Überreste der ehemaligen Eisenbahnbrücke, die 1945 zerstört und ihre Pfeiler 1971 gesprengt wurden. Es war ein seltsames Gefühl vor den Überresten der Umschlaghalle zu stehen, die sich südlich des ehemaligen Karlsbergtunnels befindet. Dieser Tunnel sowie ein Bahnwärterhäuschen erinnern als einzige noch an die Odenwaldbahn, deren letzte Reste 1980 komplett beseitigt wurden. Von der Umschlaghalle wurden die Flugzeugmotoren auf die Bahn verladen. Dabei war die Ladestelle durch einen Querstollen sowie einen Schacht direkt mit der 25 Meter höher gelegenen Gipsgrube verbunden. Ein ausgeklügeltes System, um den schnellen Abtransport zu garantieren. Nördlich des Eisenbahntunnels entdeckte ich den Bahnhof Finkenhof. Hier befand sich damals der Wareneingang und ein Rohlager. Der Bahnhof wurde nach Kriegsende von verschiedenen Firmen als Lager genutzt. Südlich des Tunnelausgangs befand sich der Heizbunker, in ihm war ein Kraftwerk untergebracht, das zur Trockenlegung der Stollen zum Einsatz kam. Ich erfuhr, dass die Trocknung der Stollen eine unverzichtbare Voraussetzung für den Einsatz der hochempfindlichen Spezialmaschinen war. Dieser Bunker wurde 1986 beim Bau der Umgehungsstraße zur Hälfte abgebrochen und der Rest zugeschüttet. Einzig zu erkennen sind heute noch oberflächlich die Querschnitte von drei der mehr als einen Meter dicken Seitenwände. Die Verbunkerung am Eingang der Gipsgrube zum Schutz vor Luftangriffen ist bis heute erhalten. Ich war erschlagen von so viel Informationen und gleichzeitig fasziniert von der spannenden Geschichte dieses Goldfischlehrpfads. Unweit von ihm befindet sich die KZ-Gedenkstätte Neckarelz, die 2011 neu gestaltet wurde. Ich hatte eine erlebnisreiche Reise durch die Zeit auf meinem Rundweg durch den Wald gemacht. Die Stationen hatten etwas mystisches und machten mir bewusst, wie sehr die Gefangenen leiden mussten und bis heute Millionen von Menschen bei Kriegen ums Leben kommen oder grausam gefoltert werden. Wie sagte schon der Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi: „Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Friede ist der Weg.“

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