Die Panzerknacker

In den 20er Jahren galt das Bruder-Duo Sass als Meisterdiebe, da ihnen einer der spektakulärsten Raubüberfälle in der Weimarer Republik gelungen war. Das Duo bestand aus Franz und seinem eineinhalb Jahre jüngeren Bruder Erich Sass, zwei von fünf Söhnen des Lohnschneiders Andreas Sass und der Wäscherin Marie Sass aus dem Berliner Arbeiterviertel Moabit, wo allesamt in einer 40 Quadratmeter großen Wohnung in ärmlichen Verhältnissen lebten. Das städtische Jugendamt ging dort regelmäßig ein und aus, da Marie große Mühe hatte die männliche Rasselbande in Zaum zu halten. Schon früh geriet das Bruder-Duo auf die schiefe Bahn, das sich bald auf das Knacken von Banktresoren spezialisierte. Dabei setzten diese einen mit Benzol betriebenen Schneidbrenner der Firma Fernholtz ein, was zur damaligen Zeit revolutionär war. Doch zunächst war das Panzerknacker-Duo wenig erfolgreich. Ihr erster Versuch im März 1927 den Tresor der Depositenkasse der deutschen Bank in Moabit zu knacken, scheiterte am nicht berechneten Sauerstoffverbrauch des Schneidbrenners. Denn dieser nahm ihnen im stickigen Keller die Luft zum Atmen. Auch diverse andere Versuche die Dresdner Bank an der Budapester Straße, die Reichsbahndirektion am Schöneberger Ufer und die Oberfinanzkasse des Landesfinanzamtes in Moabit auszurauben, waren nicht von Erfolg gekrönt. Jedoch erweckten die gescheiterten Einbruchsserien das Interesse des Kriminalsekretärs Max Fabich, der sich fortan an die Fersen des bis dato erfolglosen Bruder-Duos heftete. Doch nach etlichen Fehlschlägen gelang ihnen tatsächlich einer der größten Raubüberfälle der Weimarer Republik. Im Winter 1928 hatte das Bruder-Duo über Wochen einen Tunnel vom Keller eines Nachbarhauses zum Keller der Zweigstelle der Disconto-Bank am Wittenbergplatz gegraben, in dessen Stahlkammer sie am 27. Januar 1929 eindrangen und über einen Luftschacht an die Außenwand des Tresorraums gelangten, den sie geräuschlos mit dem Schneidbrenner öffneten. Von den 181 Schließfächern brachen sie stolze 179 auf, die sie ausräumten. Erst nach 3 Tagen wurde der Einbruch bemerkt, da sich die 40 Zentner schwere Tür nicht öffnen ließ, die von innen blockiert war. Die Firma Arnheim brauchte weitere zwei Tage, um diese zu öffnen. Der Schaden belief sich auf 2 bis 2,5 Millionen Reichsmark, eine stattliche Millionenbeute, den das Bruder-Duo mit zwei Flaschen Wein noch im Tresorraum begossen hatte. Der Kriminalsekretär Fabich war sich sicher, dass die Brüder Sass hinter diesem Einbruch steckten. Er ließ deren Wohnung in Moabit durchsuchen und beide verhaften. Er musste beide aber wieder am 6. April 1929 aus Mangel an Beweisen frei lassen. In Freiheit gaben die Brüder Sass sogleich eine Pressekonferenz im noblen Traditionslokal Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt. Dort prahlten sie in ihrer unverfrorenen Dreistigkeit mit Filmangeboten und stellten ungeniert ihren Reichtum zur Schau. Dies wurde ihnen bei der Bevölkerung aber keineswegs zum Verhängnis, da sie wie Robin Hood, der Rächer der Enterbten, den bedürftigen Menschen in Moabit regelmäßig Geldscheine in ihre Briefkästen steckten. Die Presse feierte ebenfalls das dreiste Bruder-Duo, da sie den Berliner Polizeiapparat vortrefflich an der Nase herumführten. Die Medien liebten sie deswegen und verpassten ihnen die Spitznamen „Gentleman-Ganoven“ und „Meisterdiebe“. Als im Januar 1933 die Nationalsozialsozialisten die Macht ergriffen, setzte sich das Bruder-Duo nach Dänemark ab, wo sie ihre Einbruchserie fortsetzten. Jedoch kamen ihnen schnell die Kopenhagener Polizei auf die Schliche, allen voran der Kriminalassistent Christian Bjerring, der 1934 ihr Hotelzimmer durchsuchen ließ und dabei eindeutige Beweise für die Einbrüche sowie versteckte Devisen fand. Das Bruder-Duo wurde deswegen zu 4 Jahren Haft verurteilt. Nach ihrer Haftentlassung 1938 wurden sie nach Deutschland ausgeliefert. Der Kriminalassistent Christian Bjerring gab diese Information umgehend an den Kriminalsekretär Fabich weiter. In Deutschland angekommen, wurden die Brüder Sass sofort verhaftet. Nach zwei Jahren U-Haft in Moabit und Plötzensee, wo sie gefoltert wurden, damit sie das Versteck der Millionenbeute des Discontobank-Raubes preisgaben, was sie aber nicht taten, wurden sie wegen gemeinschaftlich begangenen schweren Diebstahls und Devisenvergehens vom Berliner Gericht verurteilt. Franz Sass erhielt eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren und sein Bruder Erich wurde zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 27. März 1940 wurde das Bruder-Duo bei der Überführung ins KZ Sachsenhausen auf Befehl des Kommandanten Rudolf Höß erschossen. Bis heute fehlt jede Spur der Millionenbeute des Disconto-Einbruchs. Dieses Geheimnis nahm das Bruder-Duo Sass mit in ihr Grab. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Kopenhagen, wo das Bruder-Duo nach seiner Flucht aus Berlin gelebt und 4 Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte. 🙂

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