Der römische Gutshof inmitten von Weinbergen

Meine Fahrt nach Lauffen am Neckar, der Wein- und Hölderlinstadt im Landkreis Heilbronn, führte mich zum römischen Gutshof. Dieser befindet sich idyllisch eingebettet in malerischen Weinberghängen. Ich hatte noch nie etwas von diesem Ort gehört und machte mich auf die Ausgrabungsstätte zu erkunden. Im späten ersten Jahrhundert nach Christus wurde entlang des westlichen Neckarufers die Grenze des römischen Weltreiches gesichert. Sie bestand aus einer Straße, die mit Kastellen befestigt wurde. Dieser Neckarlimes bestand bis um 150 nach Christus, als unter Kaiser Antonius Pius die Grenze zum letzten Mal innerhalb der Provinz Obergermanien verschoben wurde. In jenen Jahren wurde die Grenzlinie vom Neckar um 30 Kilometer nach Osten vorverlegt und die künstliche Grenze, der obergermanisch-rätische Limes, errichtet. Von Walldürn bis zum Haghof südlich von Welzheim verläuft dieser obergermanische Limes als eine über 80 Kilometer lange Gerade. Das Land hinter dieser Grenze wurde sehr rasch dicht besiedelt. Zahlreiche Gutsanlagen, kleine Dörfer und Siedlungen prägten das Bild der damaligen Landschaft. Diese Entwicklung war allerdings nur von kurzer Dauer. Schon im 3. Jahrhundert nach Christus wurden erste Anstürme der Germanen, insbesondere der Alamannen gegen den Limes unternommen, die dann schließlich 260 nach Christus den Limes überrannten und das rechtsrheinische Gebiet der Provinz Obergermanien in Besitz nahmen. Im Spätherbst 1977 wurde die Abteilung Bodendenkmalpflege des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg auf merkwürdige Stubensandsteinquader aufmerksam gemacht, die in den Weinbergmauern südöstlich von Lauffen in den Fluren „Brunnenäcker“ und „Nonnenberg“ verbaut worden waren. Als im Frühjahr 1978 mit der Rebflurbereinigung begonnen wurde, war klar, dass hier umfangreiche Ausgrabungen notwendig würden. Die archäologische Grabung wurde im März bis zum August 1978 durchgeführt und erbrachte einen vollständigen römischen Gutshof, der in seiner letzten Ausbauphase aus vier Gebäuden bestand. In einer vorbildlichen Zusammenarbeit zwischen dem Flurbereinigungsamt Heilbronn, der Stadt Lauffen und dem Landesdenkmalamt war es möglich, diese Grabung vollständig durchzuführen und anschließend ein ca. 1 Hektar großes Areal aus dem Flurbereinigungsgebiet herauszunehmen, um die Gutsanlage zu erhalten. Bei diesen Flurbereinigungsarbeiten wurden aber auch Siedlungsspuren angeschnitten, die weit älter sind als der römische Gutshof. Siedlungsreste aus der Jungsteinzeit und aus keltischer Zeit, zeigen deutlich, dass dieser Raum schon früh besiedelt wurde, nicht zuletzt bildete die Quelle oberhalb der Anlage einen Anziehungspunkt für frühe Siedlungen. Aus nachrömischer Zeit konnten im Frühjahr und Sommer 1979 zwei frühalamannische Adelsgräber aufgedeckt werden, deren reiche Beigaben mit zu den wichtigsten Funden dieser frühen Alamannenzeit im Lande gehören. Es handelt sich hierbei um eine Frau und ein Mädchen, die hier in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts nach Christus bestattet wurden. Beiden Toten wurde reicher Schmuck mit ins Jenseits gegeben. Haarschmuck aus Gold und Silber, Bronze und Bernstein sind Zeugnis für den sozialen Stand dieser Toten. Schließlich wurde im Frühjahr 1980 unmittelbar nordöstlich der Gutsanlage die zu den Gräbern gehörende Siedlung entdeckt. Die Anlage besteht aus insgesamt 4 Gebäuden. Das erste Gebäude befindet sich oberhalb des Neckars auf einer Felsnase mit prächtiger Aussicht ins Neckartal. Es ist ein kleines ursprünglich 10 Meter auf 8 Meter großes Wohnhaus, das im Laufe der Zeit mehrfach erweitert wurde und schließlich 15 Meter lang und 13 Meter breit war. Das zweite Gebäude, das ursprünglich 18 Meter auf 15 Meter groß und sehr solide aus Stein gebaut wurde, wurde in der jüngeren Bauphase des Hofes nach Südwesten erweitert. Es war nun 22 Meter lang und 15 Meter breit. Der stattliche Steinbau war für die wirtschaftliche Funktion des Landgutes von zentraler Bedeutung. Die Stärke und die Tiefe der Fundamente lassen vermuten, dass es sich um einen zweigeschossigen Getreidespeicher handelt. Bei dem dritten Gebäude handelt es sich um ein älteres Wohnhaus, das offenbar im Laufe der Zeit zu klein geworden war. Es wurde durch ein 23 Meter langes und 18 Meter breites Wohnhaus ersetzt. Dieses Gebäude versetzte man innerhalb des Hofes nach Osten zurück. Von ihm besaß der Gutsherr einen hervorragenden Überblick über die gesamte Hofanlage. Der Grundriss mit zwei Eckbauten, einer Verbindungshalle und dem dahinter liegenden Wohntrakt ist im gallischen und germanischen Raum für die Wohnhausarchitektur typisch. Es handelt sich hierbei um eine sogenannte Porticusvilla mit zwei vorspringenden Eckrisaliten, die hier in klassischer Form vorliegt. An der Nordostecke wurde ein in sich geschlossenes Badehaus mit Ankleideraum, Warmbad, Kaltbad und Toilette angebaut. Das vierte Gebäude war der rechteckige, an die Hofmauer angebaute und in den Hang eingegrabene Bau der wohl als Viehstall diente. Eine Drainagerinne führte aus dem Inneren unter der Hofmauer hindurch nach außen. In dem Gebäude fand sich ein 26 Zentimeter hohes Bruchstück eines kleinen Merkurreliefs aus Sandstein. Die gesamte Gutsanlage war von einer Hofmauer umzogen, die mindestens 2,5 Meter hoch war. Lediglich die nordwestliche Begrenzung konnte nicht mehr festgestellt werden, so dass die Ausdehnung nach Norden nur ungefähr bestimmt werden kann. Der heute konservierte römische Gutshof stellt die letzte Ausbauphase dar, die bis zur Aufgabe um die Mitte des 3. Jahrhunderts bestand. Bei der Gründung des Hofes um die Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus waren innerhalb einer Hofmauer von 90 Meter auf mindestens 94 Meter ein kleines in sich abgeschlossenes Wohngebäude, die Wirtschaftsbauten und ein einfaches Holzgebäude, unter dem Bau des dritten Gebäudes liegend, errichtet worden. Etwas später wurde der Gutshof erweitert und die Hofmauer um das neu erbaute Wohnhaus herumgeführt. Die alte Hofmauer konnte hier noch in Teilen nachgewiesen werden. Bei den Ausgrabungen konnte ein umfangreiches Fundmaterial geborgen werden, das interessante Einblicke in die Lebensweise auf einem landwirtschaftlich ausgerichteten Anwesen im mittleren Neckarland gewährt. Unter den Keramikfunden fällt vor allem der hohe Anteil an Gefäßen zur Aufbewahrung von Flüssigkeit auf. Krüge und Amphoren in vielerlei Größen, häufig mit weißer Bemalung, heben sich deutlich vom übrigen Fundgut ab. Unmittelbar südwestlich vom ersten Gebäude konnte außerdem ein römischer Kalkbrennofen aufgedeckt werden, der zur Gewinnung von Kalk zum Bau der Gebäude diente. Die wirtschaftlichen Grundlagen des Guthofes beruhten auf Ackerbau und Viehzucht. Das Anwesen lag wie ein moderner Aussiedlerhof inmitten seiner Wirtschaftsflächen. Der Lauffener Gutshof ist eine der ganz wenigen vollständig ausgegrabenen Anlagen in Baden-Württemberg. Nach Abschluss der Ausgrabung konnte dank dem Entgegenkommen der Grundstücksbesitzer das etwa 1 Hektar große Areal aus dem Rebflurbereinigungsgebiet herausgenommen werden. Die Stadt Lauffen hat mit der Unterstützung des Landesamtes für Flurbereinigung Baden-Württemberg, des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, des Landkreises Heilbronn und zahlreicher privater Spender diese Anlage restauriert. Ich erkundete dieses Freilichtmuseum und las mir jede Station auf einer Informationstafel durch. Ich erlebte ein Stück Zeitgeschichte hautnah mit und das in einer traumhaften Kulisse von Weinbergen. Ich war fasziniert von diesen römischen Landgut, das zwischen Neckar und der Stadt nach Ilsfeld gelegen ist. Besonders die gut erhaltenen Grundmauern und Überreste der Heizungs- und Badeeinrichtungen eröffneten mir Einblicke in die Lebensweise auf einem landwirtschaftlich ausgerichteten römischen Anwesen im mittleren Neckarraum. Ich genoss diese Zeitreise in eine längst vergessene Zeit, bevor ich mich wieder auf meinen Heimweg begab. Euch wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos vom römischen Gutshof in Lauffen am Neckar. 🙂

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