Der mysteriöse Tod der Medizinalratswitwe

Isabella Mueller @isabella_muenchen Baden Baden

Am 17. Juli 1907 begann vor dem Schwurgericht des Landgerichtes Karlsruhe ein nervenaufreibender Prozess, der fünf Tage dauerte und über den selbst die internationale Presse wie die New York Times berichtete. Bei dem Prozess ging es um die Ermordung der 61 Jahre alten Medizinalratswitwe Josephine Molitor, die am Abend 6. November 1906 durch einen Revolverschuss in der Kaiser-Wilhelm-Straße in der mondänen Kurstadt Baden-Baden getötet worden war. Josephine Molitor war in Begleitung ihrer 20 Jahre alten Tochter Olga gewesen, die nur einen Mann mit dunklem Mantel und Hut davonlaufen gesehen hatte. Ansonsten gab es keine Zeugen. Sofort begann die Baden-Badener Polizei zusammen mit der zuständigen Staatsanwaltschaft Karlsruhe mit ihren Ermittlungen. Schnell geriet der Schwiegersohn, Carl Hau, der Getöteten in Verdacht. Dieser war ein angesehener Rechtsanwalt, der am 3. Februar 1881 als Sohn des Bankdirektors Johan Baptist Hau geboren wurde. Bereits im Alter von drei Jahren verstarb seine Mutter. Carl Hau machte sein Abitur an dem Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier und studierte anschließend in Berlin und dann in Freiburg Jura. Nachdem er 1901 einen Blutsturz erlitten hatte, reiste er zu seiner Genesung an verschiedene Orte. Sein letzter Aufenthaltsort war im Frühjahr 1901 Ajaccio auf Korsika, wo er die Bekanntschaft mit Josephine Molitor und ihren beiden Töchtern Lina und Olga machte. Lina musste ihre Rückreise nach Baden-Baden vorzeitig antreten und Carl Hau nutzte die Gunst der Stunde. Er bot sich als Reisebegleiter an und auf dieser Reise knüpften sie zarte Liebesbande. Fortan schrieben sie sich Briefe und trafen sich heimlich in Freiburg und Luzern. Lina, die 5 Jahre älter war, floh schließlich mit Carl im Juni 1901 in die Schweiz. Nachdem das Geld von Lina, 2.000 Mark, aufgebraucht war, kam es in Realp zu einem ominösen Schusswechsel, bei dem Lina aus nächster Nähe an der Brust verletzt wurde. Dies wurde als ein Selbstmordversuch der beiden gewertet. Um einen Skandal zu vermeiden, wurden beide zur Heirat gedrängt. Nach der Heirat zogen Carl und Lina nach Washington, wo Carl sein Jurastudium erfolgreich abschloss und Lina eine Tochter zur Welt brachte. Carls Karriere verlief prächtig. Er wurde Assistant Professor für römisches Recht und erhielt seine Zulassung als Rechtsanwalt. Bald arbeitete er als Sekretär für den türkischen Generalkonsul mit dem er oft in den Orient reiste, wo er verlustreiche Geschäfte tätigte. Im Sommer 1906 reiste Lina und Carl Hau zusammen mit ihrer Tochter und dem Kindermädchen nach Europa, wo sie einen Zwischenstopp bei ihrer Mutter und ihrer Schwester Olga in Baden-Baden einlegten. Ihre Schwester Olga begleitete die kleine Familie am 25. Oktober 1906 auf ihrer Rückreise nach Washington bis nach Paris. Sie wollten gemeinsam die Stadt der Liebe besuchen. Doch im Pariser Hotel kam es zu einem heftigen Eifersuchtsdrama. Denn Lina bemerkte, dass Carl und Olga sich wohl ineinander verliebt hatten. In der Zwischenzeit hatte Linas und Olgas Mutter am 29. Oktober 1906 ein Telegramm in ihrer Baden-Badener Villa erhalten, in dem stand, dass sie sofort nach Paris reisen sollte, da Olga erkrankt sei. Unterschrieben war das Telegramm in Linas Namen. Doch als Josephine im Hotel in Paris ankam, erfreuten sich alle Reisenden bester Gesundheit. Niemand wusste zudem, wer das Telegramm aufgegeben hatte. Familie Hau reiste daraufhin weiter nach London, während Josephine mit ihrer Tochter Olga nach Baden-Baden zurückkehrte. Als die Familie Hau im Londoner Hotel ankam, wartete auf Carl Hau ein Telegramm der Standard Oil Company, die ihn aufforderte wegen dringender Geschäfte nach Berlin zu reisen. Carl ließ sich vorher beim Friseur noch einen Bart und eine Perücke anfertigen und reiste ab. Doch er reiste nicht nach Berlin, sondern nach Frankfurt, wo er sich die Perücke umfärben und einen langen Vollbart anfertigen ließ. In dieser Maskierung reiste er am 6. November 1906 mit dem Zug nach Baden-Baden, wo er vor der Villa seiner Schwiegermutter wartete. Dann rief er gegen 17.45 Uhr von der Hauptpost aus in der Villa an, wo er sich gegenüber dem Zimmermädchen als Postinspektor Graf vorstellte. Dieser bat darum, dass Josephine Molitor sogleich auf das Postamt kommen sollte, da dort das Original des Pariser Telegramms eingetroffen sei. Die Medizinalratswitwe begab sich sogleich mit ihrer Tochter Olga auf den Weg dorthin, wo sie wenig später heimtückisch von hinten erschossen wurde. Schon kurz danach stellte sich heraus, dass der Polizeiinspektor Graf eine bloße Erfindung war, um Josephine Molitor aus ihrer Villa zu locken. Das Zimmermädchen, das den Anruf entgegen genommen hatte, war sich sicher, dass es sich bei der Stimme, um die von Carl Hau gehandelt hatte. Dieser war um 18.15 Uhr mit dem Abendzug von Baden-Baden nach Karlsruhe gefahren, um von dort über Ostende nach London zu kommen. Doch wenige Minuten nachdem er in seinem Hotelzimmer angekommen war, klopfte schon die englische Polizei an seine Hotelzimmertür und verhaftete ihn. Im Januar 1907 wurde er nach Deutschland ausgeliefert und kam im Karlsruher Gefängnis in Untersuchungshaft. Nach anfänglichen Abstreiten räumte er ein, dass er zur Tatzeit in Baden-Baden war und auch den Anruf getätigt hatte. Jedoch bestritt er vehement seine Schwiegermutter ermordet zu haben. Er wollte einfach nur noch einmal vor seiner Rückkehr nach Washington seine Schwägerin Olga sehen. Währenddessen beging seine Ehefrau Lina Selbstmord, in dem sie sich im Pfäffikersee ertränkte. Zuvor hatte sie verfügt, dass ihr gemeinsames Kind einen anderen Namen bekomme und von einer fremden Familie großgezogen werde. Der Staatsanwalt erhob Anklage wegen Mordes gegen Carl Hau Ende 1906 vor dem Schwurgericht des Landgerichtes Karlsruhe. Das Tatmotiv wurde in der verheerenden Finanzlage der Familie Hau gesehen. Da das Vermögen seiner Ehefrau verbraucht war und er Schulden bei Freuden von 20.000 Dollar hatte, wollte Carl Hau seine vermögende Schwiegermutter ermorden, um so an den Erbteil seiner Ehefrau zu gelangen. Der Prozess dauerte vom 17. bis zum 23. Juli 1907. Den Vorsitz führte der Landgerichtsdirektor Dr. Carl Eller. Das Gericht war mit 3 Berufsrichtern und 12 Geschworenen besetzt. Auf dem Richtertisch stand das in Spiritus eingelegte Herz der Ermordeten in einem Glasbehälter. Der Prozess wurde zu einem riesigen Medienspektakel. Täglich waren 20 Journalisten vor Ort, um darüber zu berichten. Am letzten Prozesstag kam es dadurch zu einem Volksaufstand. Als das Urteil Todesstrafe wegen Mordes mit dauerndem Verlust der bürgerlichen Rechte fiel, protestierten 20.000 Menschen gegen das Todesurteil. Der Volksaufstand konnte erst durch das Militär gewaltsam aufgelöst werden. Carl Haus Verteidiger, Eduard Dietz, legte Revision gegen das Urteil ein. Diese wurde im Oktober 1907 vom Reichsgericht abgelehnt. Danach reichte er ein Gnadengesuch ein, worauf der badische Großherzog Friedrich II. am 1. Dezember 1907 das Urteil in eine lebenslange Zuchthausstrafe verwandelte. Diese verbrachte Carl Hau im Bruchsaler Gefängnis. Nach 17 Jahren, von denen 12 Jahre in Einzelhaft war, wurde er unter der Bedingung seinen Fall nicht medienwirksam zu vermarkten im Spätsommer 1924 vorzeitig aus der Haft entlassen. Carl Hau zog zu seiner Stiefmutter nach Bernkastel, wo er die Schriften „Das Todesurteil“ und „Lebenslänglich“ verfasste, die beide Bestseller wurden. Auch an einem Film über sein Schicksal arbeitete Carl Hau. Damit verstieß er gegen die amtlichen Auflagen, woraufhin seine Strafaussetzung im Oktober 1925 widerrufen wurde. Am 27. November 1925 erging ein Haftbefehl gegen ihn. Er flüchtete nach Italien, wo er in einem Hotel in Tivoli unter falschen Namen lebte. Am 5. Februar 1926 begann er in den Ruinen der Villa Hadriana in Tivoli Suizid. Bis heute inspiriert die Ermordung von Josephine Molitor Menschen aus aller Welt zu Büchern, Filmen und Theaterstücken. Vielleicht liegt es daran, dass Carl Hau nie die Tat gestanden und während des gesamten Prozesses geschwiegen hatte. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von der Kurstadt Baden-Baden, in der Josephine Molitor einst lebte und ermordet wurde. 🙂

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