Auf der Flucht

Isabella Müller @isabella_muenchen Wien

Ein waschechter Ganove, dem die Flucht aus einem der sichersten Gefängnisse Österreichs gelang und deshalb sich in der österreichischen Kriminalgeschichte als der Ausbrecherkönig verewigte, war Adolf Schandl. Adolf Schandl wurde 1936 in Wien geboren. Im Alter von 18 Jahren wanderte er nach Australien aus, kehrte aber nach einigen Jahren wieder in seine alte Heimat Wien zurück. Er heiratete und wurde sesshaft. Er führte ein gutbürgerliches Leben und lebte mit seiner Ehefrau und seiner Tochter in einem trauten Heim. Doch als seine Ehe scheiterte und er seine Arbeit verlor, geriet er im Alter von 32 Jahren immer mehr auf die schiefe Bahn. Er trank, spielte und machte bald die verhängnisvolle Bekanntschaft mit einer Frau, mit der er von 1967 bis 1968 3 bewaffnete Raubüberfälle verübte, bei denen zwei Menschen Schussverletzungen erlitten. Dafür wanderte Adolf Schandl für 10 Jahre hinter Gitter, die er in der Strafanstalt Stein bei Krems verbüßen sollte, einem der sichersten Gefängnisse Österreichs. Bereits kurz nach seinem Haftantritt unternahm er einen Fluchtversuch, in dem er über die Gefängnismauern kletterte. Dabei brach er sich sein Bein, weshalb die Aktion scheiterte. Aber aufgeben wollte Schandl nicht. Er suchte sich zwei Komplizen, mit denen er aus der Justizanstalt fliehen wollte. Während einer Anhörung vor dem Untersuchungsrichter am 4. November 1971 setzte er den Ausbruchsplan erneut in die Tat um, indem das Trio bestehend aus den Mithäftlingen Alfred N. und Walter S. die zwei Wachebeamten überwältigten. Sie entwendeten deren Dienstpistolen und nahmen diese, den Richter und die Schriftführerin als Geiseln. Anschließend nahmen sie die Verhandlungen mit der Polizei auf. Sie forderten sowohl Zivilkleidung als auch freies Geleit, ein Auto und zwei Tage Vorsprung. Im Gegenzug wollten sie die Geiseln freilassen. Es gelang den Verhandlungsleitern, dass die Entführer die zwei Wachebeamten und die Schriftführerin freiließen. Die Polizei ging auf den Deal ein, setzte aber durch, dass die Schriftführerin durch den Polizeikommandant von Krems an der Donau ersetzt wurde. Nachdem ihnen ein Vorsprung von 30 Kilometern zugesichert worden war, fuhr das Trio mit dem Richter und dem Kommandanten als Geisel aus der Justizanstalt. Eine hollywoodreife Verfolgungsjagd mit der Polizei begann. Als das Trio mit dem Auto in Wien-Penzing in eine Sackgasse fuhr, machte die Polizei den Eingang der Sackgasse mit ihren Polizeifahrzeugen zu. Das Trio schaffte es den Ring von Einsatzfahrzeugen zu durchbrechen und fuhr zum Wiener Westbahnhof. Dort kidnappten sie ein Taxi samt dem Taxifahrer und nahmen eine Zeitungsverkäuferin als weitere Geisel. Dann fuhren sie auf Anraten des Polizeikommandanten zum Polizeipräsidium Wien, um die Verhandlungen mit dem Polizeipräsidenten Holaubek persönlich zu führen. Während der Verhandlungen wurde dem Trio ein weiterer Fluchtvorsprung zugesichert, wenn sie die Zeitungsverkäuferin freiließen, was diese auch taten. In Breitenlee stahlen sie ein Auto samt 2 Insassen, die ins Taxi umsteigen mussten. Einer der Kidnapper fuhr nun mit dem neuen Auto dem Taxi bis zu einem Steinbruch hinterher. Dort ließen sie den Taxifahrer und die beiden neuen Geiseln gefesselt zurück. Zuvor hatten sie das Taxi fahrunfähig gemacht. Mit dem neuen Auto und dem Richter und Kommandanten als Geiseln setzten sie ihre Flucht fort. Schließlich ließen sie beide frei, nachdem diese versprochen hatten, 20 Minuten lang keine Polizei zu informieren. Das Trio fuhr in den 7. Wiener Gemeindebezirk Neubau, wo sie sich ein neues Fahrzeug besorgen wollten. Als der Diebstahl jedoch vereitelt wurde, wurde dem Trio die ganze Situation zu brenzlig. Nach fast drei Tagen auf der Flucht konnten Schandls Komplizen zur Aufgabe überredet werden. Adolf Schandl hingegen konnte erst nach 16 Tagen auf der Flucht verhaftet werden. Er war bei der Mutter eines seiner Mithäftlinge im 17. Wiener Gemeindebezirk Hernals untergetaucht, wo er seelenruhig Kaffeehäuser besuchte bis er letztendlich verhaftet wurde. Adolf Schandl wurde wegen des Gefängnisausbruches und der Flucht zu weiteren 16 Jahren Haft verurteilt. Anno 1985 wurde er vorzeitig entlassen. Aber Adolf Schandl hatte Blut am Nervenkitzel geleckt und wurde 1992 wegen gemeinschaftlich schweren Raubes und eines Schusswechsels mit der Polizei zu 19 Jahren Haft verurteilt, die er wieder in der Justizanstalt Stein verbüßen musste. Anfang Oktober 1996 wurde er wegen akuter Fluchtgefahr jedoch in die Justizanstalt Graz-Karlau verlegt. Doch hier endete Schandls Geschichte nicht, der dort zwei Komplizen fand, die mit ihm aus dem Gefängnis ausbrechen wollten. Diese waren der zweifache Mörder Tawfik Ben Ahmed Chaovali und der Mörder und Zuhälter Peter Grossauer, die am 14. November 1996 im Anstaltsgeschäft auf wundersame Weise zusammen einkaufen durften. Im Geschäft war in einem Plastiksack ein Messer versteckt, dass Chaovali plötzlich zückte und zwei der Wachebeamten durch Messerstiche überwältigte. In der Zwischenzeit fesselten Schandl und Grossauer die Verkäuferinnen. Jedoch konnte der dritte Wachebeamter seine schwerverletzten Kollegen noch auf den Flur ziehen, wo er den Alarm auslöste. Den Verkäuferinnen wurden selbstgebastelte Flaschenbomben um ihre Körper gebunden. Die dafür notwendige Nitroverdünnung hatte Schandl aus der Gefängniswerkstatt geklaut. Schandl übernahm die Verhandlungen mit der Anstaltsleitung. Das Kidnapper-Trio forderte einen Hubschauber sowie 8 Millionen Schilling. Falls sie den Forderungen nicht nachkamen, sollten die Frauen gefoltert, missbraucht und getötet werden. Mit der Geiselnahme wurde das Einsatzkommando Cobra betraut, dessen Verhandlungsleiter gelang es das gesetzte Zeit-Ultimatum zu verlängern. Zwischenzeitlich bezogen die Scharfschützen ihre Stellung. Nach 9 Stunden gelang es den Cobra-Beamten die Geiselnehmer zu überwältigen. Bei der Aktion wurde niemand verletzt. Adolf Schandl wurde am 18. Dezember 1997 am Landgericht für Strafsachen in Graz zu 19 Jahren Haft verurteilt. Obwohl seine vorherige Strafe auf das Jahr 2027 festgesetzt war, wurde er im Juni 2012, 17 Jahre früher unter strengen Bewährungsauflagen vorzeitig entlassen, was ein absoluter Rekord war. Bis heute inspiriert sein Leben die Medienlandschaft. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Wien, dem Geburtsort vom legendären Ausbrecherkönig und Kidnapper Adolf Schandl. 🙂

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