Kannibalismus auf hoher See

Southampton Isabella Mueller @isabella_muenchen England

Ein britischer Kriminalfall, der als Präzedenzfall sich weltweit auf die Rechtsprechung auswirkte, war das Strafverfahren Regina versus Dudley and Stephens. Man schreibt das Jahr 1884 als am 19. Mai das kleine Segelschiff „Mignonette“ von Southampton aus sich auf den Weg nach Sydney machte. An Bord war neben dem Kapitän Thomas Dudley, auch der Steuermann Maat Edwin Stephens, der Matrose Edmund Brooks und der 17 Jahre alte Schiffsjunge Richard Parker. Die Reise verlief zunächst ohne große Zwischenfälle. Doch aufgrund einer Schlechtwetterzone geriet die Jacht etwa 1400 Meilen vom Kap der Guten Hoffnung entfernt in einen starken Sturm, der das kleine Segelschiff innerhalb weniger Minuten zum Sinken brachte. Die Besatzung konnte sich gerade noch rechtzeitig in ihr vier Meter langes Beiboot retten. Jedoch hatten sie in der Eile nur zwei Dosen weiße Rüben einpacken können. Mit diesem geringen Proviant trieben sie nun auf offener See, Hunderte Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt und weit weg von den üblichen Schifffahrtsrouten. Die Aussicht auf Rettung schien äußerst gering. Hunger und Durst, die sengende Sonne tagsüber sowie die kalten Nächte und die umkreisenden Haie, plagten sie. Am vierten Tag hatten sie das Glück eine Meeresschildkröte zu fangen, von der sie sich ernähren konnten. Da es kein Süßwasser gab, begann die vierköpfige Crew in ihrer Verzweiflung am achten Tag ihren eigenen Urin zu trinken. Die drei erfahrenen Seemänner tranken kein Salzwasser, da dieses den Körper nur austrocknet. Sie wussten, dass die Nieren es nicht schaffen, das Salz aus dem Meerwasser auszuscheiden. Denn die Nieren benötigen mehr Wasser, als was der Mensch mit Meerwasser zu sich nehmen würde. Doch der unerfahrene Schiffsjunge trank vom Salzwasser und erkrankte am 20. Juli deshalb stark. Damit war sein Todesurteil besiegelt. Denn ein alter Seefahrerbrauch, der custom of the sea, erlaubte es in Notlagen unter Einhaltung verschiedener Regeln, dass ein Crewmitglied geopfert werden konnte, um so die anderen zu retten. Dieses wurde per Los entschieden, wer das kürzeste zog, wurde getötet, damit die übrigen sich von seinem Fleisch ernähren konnten. Dieser Hungerkannibalismus war in der viktorianischen Zeit auf hoher See in äußerster Not erlaubt. Da der Schiffsjunge krank war und nach Ansicht von Dudley und Stephens sowieso sterben würde, schlitzten sie ihm am 20. Tag mit einem Taschenmesser die Kehle auf und schnitten die Eingeweide heraus. Sein Blut fingen sie in einem Chronometer-Gehäuse auf. Der Matrose Brooks hatte sich zwar nicht an der Tötung des Jungen beteiligt, trank und aß aber auch von dem Körper des Jungen. Am 29. Juli vier Tage nachdem sie den Jungen getötet hatten, wurden die drei Schiffbrüchigen von dem deutschen Segelschiff Moctezuma gerettet, von dem sie am 6. September 1884 in Falmouth von Bord gingen. Dudley und Stephens waren sich keiner Schuld bewusst. Deshalb schilderten sie den Vorfall den Behörden ausführlich. Die englische Justiz wollte dem Seemannsbrauch, custom of the sea, ein Ende setzen und klagte Dudley und Stephens wegen Mordes an. Der Matrose Brooks wurde zum Kronzeugen und war darum von der Anklage ausgeschlossen. Der High Court of Justice, das höchste englische Strafgericht mit Sitz in London verurteilte die beiden Angeklagten am 9. Dezember 1884 wegen Mordes an dem Schiffsjungen Parker zum Tode. Die Begründung lautete, dass kein unschuldiges Leben, um das eigene Leben zu retten, einen Mord rechtfertigt, auch wenn dies unter extremer Hungersnot geschieht. Aufgrund der Proteste in der Bevölkerung, die die geretteten Männer als Helden sahen, die sich in einer ausweglosen Situation befunden hatten, wurde die Verurteilten von der Königin zu sechs Monaten begnadigt. Dieses Gnadenrecht steht nur der Königin zu, in deren Namen „Regina“ der Prozess geführt wurde. So ließ man letztendlich Gnade vor Recht ergehen. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von der Hafenstadt Southampton, von der aus die vierköpfige Crew ihre Reise gestartet hatte. 🙂

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