Botanischer Obstgarten Heilbronn: ein absolut zauberhafter Garten

Isabella Mueller @isabella_muenchen

Der Botanische Obstgarten in Heilbronn geht auf eine besondere Geschichte zurück. Im Jahr 1859 gründeten engagierte Bürger eine Knabenbeschäftigungs-Anstalt gegen Armut und Verwahrlosung bei Arbeiterkindern. Damit die Jungen im Alter von acht bis vierzehn Jahren in ihrer schulfreien Zeit keinen Unsinn anstellten, wurden sie in einer Obst- und Gemüsegärtnerei beschäftigt. In den Wintermonaten flochten die Jungen Weidekörbe. Der Lohn betrug dabei im Jahr 1870 pro Stunde einen halben Pfennig sowie ein Glas Milch und Brot. Im Jahr 1900 zog die Knabenbeschäftigungs-Anstalt auf das Gelände des heutigen Obstgartens und nannte sich fortan Knabenbeschäftigungs-Anstalt. Ihr Haupthaus wurde 1912 errichtet. Im Jahr 1934 wurden die Anstalt und die Gärtnerei geschlossen, da die nationalsozialistischen Machthaber alle Bereiche des sozialen Engagements gleichschalteten. So wurde das Gelände zum städtischen Obstgarten. 1965 wurde aus dem Obstgut die städtische Baumschule. Seit 1999 entstand auf dem Gelände der Botanische Obstgarten Heilbronn mit Obstgehölzen, Blumenbeeten und Lauben. Seit 2000 übernimmt der Förderverein Garten- und Baukultur die Partnerschaft und belebt das Gelände durch Märkte und Seminare zum Thema Gartengestaltung, Obstbau, Kulturlandschaft und Landwirtschaft. Ich startete meine Entdeckungstour am Eingang durch den 2 Hektar großen Botanischen Obstgarten und erblickte sofort ein Gartenhäuschen. Auf einer Tafel wurde mir erklärt, dass das Gartenhaus aus dem Biedermeier stammt. Der Baustil des Gartenhauses ist spätklassizistisch, also der Formensprache der Antike nachempfunden. Nur die Tür und der Fußboden stammen aus den 1920er Jahren. Diese achteckige Laube stand ursprünglich in Güglingen und kam hierher, als der Garten bebaut wurde. Nach dem Ende der Herrschaft von Napoleon 1814 hoffte das Bürgertum in Deutschland auf mehr Freiheit und politische Beteiligung. Doch nichts davon war durchzusetzen. Enttäuscht zogen sich die Bürger in den privaten Bereich wie in ihr Gartenhäuschen zurück. Ich spazierte an verschiedenen exotischen Gehölzen vorbei und bestaunte die vielen Blumenbeete. Es gab hier allerhand Spannendes zu entdecken. Dann erblickte ich eine rote Holzlaube und erfuhr, dass sie Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde und als Erholungsort diente. Im Garten befinden sich überall Parkbänke, die zum Verweilen einluden und es gab sogar einen kleinen Tempel. Dabei handelte es sich um eine Miniaturausgabe eines griechischen Tempels, der um 1900 im Garten einer Heilbronner Familie stand. In recht aufwändiger Weise wurde von einem unbekannten Architekten vier ionische Säulen mit umlaufendem Architrav und einem Fries mit Zahnschnittmuster gestaltet. Um die Wende zum 20. Jahrhundert griff man gerne auf historische Bauformen zurück, die in den Villengärten des Bildungsbürgertums beliebt waren. Ich war verblüfft, was es hier alles zu erkunden gab und gelangte nach wenigen Gehminuten zur Kleingärtnerlaube. Diese Laube stammt aus Heilbronn-Böckingen und strahlte in ockergelb und englischrot mit der Sonne um die Wette. Die Laube verdeutlichte, dass durch die zunehmende Industrialisierung ab den 1850er Jahren immer mehr Menschen in die Städte zogen. So entstanden um die Städte herum Gärten zur Selbstversorgung der Bevölkerung mit frischen Obst und Gemüse. Auf meinem Rundgang durch den Botanischen Obstgarten kam ich an großen Sammlungen heimischer Obstgehölze, blumenreichen Schul- und Schaugärten sowie historischen Gartenhäuschen vorbei. Ich las mir die Informationstafeln durch und war überrascht, was ich noch über die Flora und Fauna lernen konnte. Ein besonders prachtvolles Gartenhaus stammt aus der Gründerzeit. Es wurde zwischen 1870 und 1900 erbaut und stand einst auf einem Gartengrundstück im Heilbronner Osten. Nach dem Krieg gegen Frankreich 1871 wird das Deutsche Reich gegründet. Wilhelm I. von Preußen wird deutscher Kaiser und Berlin Hauptstadt. Ein schön angelegter Ziergarten mit Gartenhaus wird zum Statussymbol des gehobenen Bürgertums der so genannten Gründerzeit zwischen 1870 und 1900. Ich bestaunte die vielen Blumen und kam zu einer achteckigen Laube, die ein Geschenk der Stadt Schwäbisch Hall ist. Sie hat eine wunderschöne antike Form des Oktagons und viele geschnitzte und ausgesägte Zierelemente sowie die Sandsteinstufen lassen vermuten, dass sie im Garten wohlhabender Bürger stand. Ich spazierte eine ganze Weile durch den Garten und kam zum Hauptgebäude, in dem heute die Jugendkunstschule untergebracht ist. Die ehemalige Obstlagerhalle wird für Märkte, Feste, Lesungen, Seminare und sonstige Aktionen genutzt. Die Nebengebäude dienen als Werkstätten. Ab Ende Juni bis September öffnen freitags und samstags der Hofladen und das „Pestalozzicafé“ ihre Pforten. Mit ihrem Angebot an Kaffee und Kuchen von Schülern der Pestalozzischule, saisonaler und regionaler Floristik, Obst und kleineren Nachmittagsveranstaltungen machen sie den Besuch im Botanischen Obstgarten zu einem besonderen Erlebnis. Ich war absolut beeindruckt von diesem wunderbaren Gartenparadies, das ganzjährig geöffnet hat und das jeder unentgeltlich besuchen kann. Ich tankte noch etwas Sonne, bevor ich mich auf meinen Heimweg machte. Wie heißt ein Sprichwort: „Willst Du ein Leben lang glücklich sein, dann leg einen Garten an“. In diesem Sinne viel Freude mit meinen Fotos vom wunderschönen Botanischen Obstgarten in Heilbronn am Fuße des Wartbergs. 🙂

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