Die St. Vituskirche: Älteste Kirche Heidelbergs mit barocken Grabsteinen

Isabella Müller Heidelberg @isabella_muenchen

Eine ganz besondere Kirche entdeckte ich durch Zufall im Heidelberger Stadtteil Handschuhsheim. Hier existiert bereits seit der karolingischen Zeit die St. Vituskirche. Diese wurde 774 erstmals urkundlich erwähnt und war zu dieser Zeit dem Heiligen Nazarius, dem Patron des Klosters Lorsch, geweiht. Die erste Kirche war ein Steinbau von dem heute noch Mauerreste im Triumphbogen und in der östlichen Turmmauer zeugen. Zwischen 1053 und 1057 entstand unter dem Abt Arnold von Lorsch ein frühromanischer Neubau. Davon sind bis heute ein Teil der Westwand des südlichen Seitenschiffs, die ehemalige Nikolauskapelle mit der Krypta südlich vom Chor und die Giebelwand über dem runden Chorbogen vorhanden. Die Erweiterung des Langhaus zur dreischiffigen Basilika, die auf Rundpfeilern mit Würfelkapitellen ruhte, erfolgte im Jahr 1200. Im Jahr 1232 fiel die Kirche ans Erzbistum Mainz und der Heilige Nazarius wurde durch die Heiligen Vitus und Georg ersetzt. Im Jahr 1483 wurde die Choranlage mit den heute noch vorhandenen Arkaden des südlichen Seitenschiffs sowie die Nonnenempore und ein dreiseitig geschlossener Chor im spätgotischen Stil errichtet. Die Nonnenempore wurde für die benachbarten, um 1470 gegründeten und im 17. Jahrhundert abgebrochenen Augustinerinnenklosters errichtet. Diese hatten sogar einen eigenen Zugang vom Kloster zur Kirche. Im Jahr 1629 wurde das Maßwerk und Rippengewölbe des Chors erneuert. Nach dem Bergsträßer Rezess, bei dem Handschuhsheim 1650 vom katholischen Kurmainz zur protestantischen Kurpfalz kam, war St. Vitus bis 1910 eine Simultankirche, die von Protestanten und Katholiken gleichermaßen genutzt wurde. Doch durch den Bau einer evangelischen Friedenskirche fiel St. Vitus an die katholische Gemeinde. Dir Kirche wurde im Jahr 1933 durch den Architekten Kuhn erweitert. So entstand ein neues 15 Meter großes Kirchenteil im Norden und somit wurde die Chorapsis zur Nebenkapelle. Eine vollständige Renovierung erfolgte im Jahr 1980 unter der Leitung des Erzbischöflichen Bauamts in Heidelberg. Der Chor wurde wieder in seinen Urzustand von 1483 zurückversetzt. Eine ausgiebige Innenrenovierung erfolgte in den Jahren 1961 und 1980. Die Außenrenovierung und Dacherneuerung wurde von 2005 bis 2006 durchgeführt. Mein erster Gang führte mich zum großen ummauerten Kirchhof, einem ehemaligen Friedhof mit barocken Grabkreuzen. Mir fiel sofort bei der St. Vituskirche ihr hohes, wuchtiges Dach auf, das von einem 25 Meter hohen romanisch-gotischen Turm, der ein sechsstimmiges Geläut beherbergt, überragt wird. Die älteste und kleinste Glocke, die sogar beide Weltkriege überlebt hat, stammt von dem Heidelberger Anselm Speck aus dem Jahr 1791. Ich betrat die Kirche durch ihr Hauptportal im Süden und mein erster Blick fiel auf die mächtigen Säulen im alten Kirchenraum und den beiden Freskenzyklen an der West- und Südwand. Die Malereien stammen aus dem 14. Jahrhundert. Sie stellen in zwei Zonen übereinander die Lebens- und Leidensgeschichte Christi dar. Angefangen mit der Verkündigung an Maria bis zur Grablegung Christi und zum Jüngsten Gericht. Die St. Vituskirche diente seit 1376 bis zum Aussterben 1600 den Herren von Handschuhsheim als Grablege. So finden sich im Kirchenraum und an der Außenwand zahlreiche Grabsteine, die zu den bedeutendsten Werken mittelalterlicher Plastik im Raum Heidelberg zählen. Im gotischen Chor entdeckte ich das Renaissance-Grabmal von Heinrich von Handschuhsheim und seiner Gemahlin Amale von Ingelheim aus grauem Keupersandstein. Im rechten Seitenschiff des Neubaus fand ich den Grabstein für Margarethe von Handschuhsheim und ihren Gatten Hans von Ingelheim. Die beiden betenden Figuren sind lebensgroß und vollplastisch darstellt. Als besonders schön empfand ich die Buntglasfenster, die vom Kunstmaler Peter Valentin Feuerstein 1964 in Neckarsteinach gestaltet wurden. Der freistehende Altar aus Kirchheimer Muschelkalk, das Altarkreuz, die Leuchter und der Taufdeckel aus Bronzeguss wurden von dem Freiburger Bildhauer Karl Rißler geschaffen. Die mechanische Schleifladenorgel wurde von der Firma Vleugels in Hardheim-Rüdental im Jahr 1980 gebaut. Die wunderschöne Orgel an der Emporenbrüstung verfügt über 22 Register mit 1555 klingenden Pfeifen. Die St. Vituskirche spiegelt Geschichte von Jahrhunderten wider und ist in ihrem Kern das älteste Gotteshaus der Stadt Heidelberg. Mein Besuch dieser Kirche ließ mich ein Stück Zeitgeschichte hautnah erleben. Euch wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos der St. Vituskirche in Heidelberg-Handschuhsheim.

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