Mord in höchsten Kreisen

Isabella Mueller @isabella_muenchen München

Ein aufsehenerregendes Verbrechen, das monatelang die internationale Presse in Atem hielt und sich in einer hoch brisanten politischen Zeit in der das alte Feudalsystem dem neuen liberalen Zeitgeist gegenüberstand passierte, war der Fall Chorinsky. Seit Anfang Oktober 1867 wohnte die 34 Jahre alte Mathilde Baronin von Ledsky nun schon in einem Zimmer bei der Witwe Elise Hartmann in der Münchner Amalienstraße. Diese lebte bescheiden und pflegte nur Umgang mit dem Studenten Albert Mikulitsch bis sie am 20. November 1867 eine junge Dame aus Wien, die im Hotel „Vier Jahreszeiten“ logierte, zweimal vormittags aufsuchte. Auch am nächsten Tag besuchte die junge Dame die Baronin, mit der sie einen kurzen Spaziergang unternahm. Bei ihrer Rückkehr bat die Baronin ihre Vermieterin Hartmann ihr doch ihr Opernglas zu borgen, da sie gemeinsam mit der jungen Dame am Abend ins Theater gehen wollte. Gegen 18.30 Uhr war die junge Dame zur Baronin ins Zimmer gekommen. Sie rief die Vermieterin Hartmann und bat diese eine Kutsche zu holen, verwehrte dieser aber den Blick ins Zimmer. Elise Hartmann hatte nach fünf Minuten bereits einen Kutscher gefunden. Als sie den beiden Damen Bescheid geben wollte, fand sie jedoch die Zimmertür der Baronin verschlossen vor. Elise Hartmann bestellte die Kutsche wieder ab, da sie dachte, dass die jungen Damen wohl doch zu Fuß ins Theater gegangen seien. Allerdings hörte Elise Hartmann auch am nächsten Tag nichts von der Baronin, die sehr ungewöhnlich für sie über Nacht weg geblieben war. Aber vielleicht hatte diese im Hotel ihrer Freundin übernachtet. Doch auch am nächsten Tag fehlte jede Spur von der Baronin. Die besorgte Elise Hartmann suchte nun das Hotel auf, um sich nach dem Verbleib der beiden Damen zu erkundigen. Dort stellte sich heraus, dass die fremde, junge Frau bereits am 21. November, einen Tag zuvor, abgereist war. Eine andere junge Dame wurde jedoch nicht gesehen. Elise Hartmann machte sich nun noch mehr Sorgen und erzählte alles ihrem Nachbarn, dem Studenten Struve. Dieser schlug vor, dass Elise Hartmann im Zimmer der vermissten Baronin nachsehen sollte. Zusammen mit ihrer Tochter Fanni schloss Elise Hartmann eine Seitentür des Zimmers auf. Im Zimmer fand sie die Leiche der Baronin, deren Beine auf dem Boden unter einem Tisch lagen, während ihr Kopf auf dem Sofa ruhte. Da die Leiche bereits stark erkaltet war, musste ihr Tod schon einige Tage zurückliegen. Aufgrund der Tatsache, dass auf dem Tisch ein Teeservice stand, ging sowohl die Vermieterin wie auch später die Polizei davon aus, dass diese kurz vor ihrem Tod noch mit jemanden gemeinsam eine Teatime abgehalten hatte. Jedoch fehlte die Teekanne und der Tee war in einen Wasserkrug gegossen worden. Auch der Zimmer- und der Kommodenschlüssel war verschwunden. Elise Hartmann alarmierte die Polizei. Als der Polizeiarzt die Leiche und das Szenario erblickte, vermutete dieser sofort, dass die Baronin vergiftet worden war. Diese erste Vermutung bewahrheitete sich bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung durch die Gerichtsärzte Prof. Dr. Martin und Dr. Riedinger. Die Baronin von Ledske war mit Zyankali vergiftet worden. Da keine Wertgegenstände fehlten, konnte ein Raubmord ausgeschlossen werden. Auch einen Selbstmord schloss die Polizei aus, da die Baronin als lebensfrohe Frau galt. Bei der Untersuchung der Wohnung fand die Polizei interessante Dokumente, die die wahre Identität der Baronin preisgaben. Diese war Mathilde Gräfin Chorinsky, Freifrau von Ledske. Ihr geschiedener Ehemann war Gustav Graf Chorinsky, Freiherr von Ledske, der aus einem der ältesten und einflussreichsten Häuser Österreichs stammte. Dieser war der Sohn des kaiserlich und königlichen Statthalters von Niederösterreich, Gustav Ignaz Graf Chorinsky, dem Stellvertreter des Kaisers. Die Münchner Polizei hatte es also mit einem Mord in den höchsten Kreisen zu tun, auf den sich die Presse stürzte. Darum leitete der Münchner Polizeidirektor Karl Alexander von Burchtorff höchstpersönlich die Ermittlungen. Die Polizei konzentrierte sich dabei auf den letzten Gast der Gräfin. Dieser war die junge Dame, die im Hotel „Vier Jahreszeiten“ unter dem Namen „Maria Baronin Vay“ in Begleitung eines jungen Mannes am 20. November 1867 morgens um 5.45 Uhr eingecheckt hatte. Zwar bezog das sehr elegant gekleidete Paar separate Zimmer, doch es dinierte gemeinschaftlich und besuchte auch zusammen eine Theatervorstellung. Am nächsten Morgen reiste der junge Herr jedoch schon wieder ab. Die junge Dame blieb und ließ sich von ihrem Lohndiener Deininger in zwei Kristallflaschen eine Flasche Muskat Lunel und einen Rotwein hineingießen, die sie abends trinken wollte. Danach wollte sie eine Sightseeingtour durch München unternehmen. Insgesamt wollte die junge Dame noch zwei Tage in München verbringen. Doch völlig überraschend und in größter Eile kehrte die junge Dame gegen 19 Uhr ins Hotel zurück, um auszuchecken. Angeblich hatte ihr Ehemann ihr ein Telegramm geschickt, in dem er sie bat, sofort nach Paris zu reisen. Zwar war das Telegramm nie im Hotel angekommen, aber selbstverständlich kam das Personal dem Wunsch der Dame nach, die überaus hohe Trinkgelder bei ihrer Abreise gab. In der Zwischenzeit hatte die Polizei den geschiedenen Ehemann über den Tod der Gräfin informiert. Dieser reiste zusammen mit seinem Vater zur Bestattung nach München. Der Polizeidirektor von Burchtorff hatte telegrafisch von der Wiener Polizei erfahren, dass der junge Graf hohe Schulden, viele Affären und einen unglaublich großen Hass gegen seine frühere Ehefrau gehegt hatte, die er ausspionieren ließ. Herr von Burchtorff erwirkte wegen dringenden Tatverdacht einen Haftbefehl gegen den Grafen. Bei der anschließenden Leibesvisitation fand die Polizei Fotografien einer jungen Dame. Sowohl die Vermieterin Elise Hartmann als auch die Hotelangestellten, identifizierten diese als die letzte Besucherin der Gräfin, die sich als Maria Baronin Vay vorgestellt hatte. Bei der jungen Dame handelte es sich um die 25 Jahre alte ungarische Aristokratin und Stiftsdame Julie Malvine Gabriele Ebergenyi von Telekes, die im 1. Wiener Gemeindebezirk in der Krugerstraße 15 lebte. Noch am Abend des 26. Novembers wurde der Polizeikommissar Karl Breitenfeld zur Wohnung von Julie Ebergenyi von Telekes geschickt, wo er sie in ihrer Wohnung verhaftete. Die zunächst geständige Julie gab den Giftmord zu, dann beschuldigte sie ihren Geliebter sie zum Giftmord angestiftet zu haben. Wenig später wollte sie glaubhaft machen, dass die Gräfin sich wegen der Streitigkeiten mit ihrem geschiedenen Ehemann und der Tatsache, dass sie die neue Frau an der Seite ihres Exmannes war, vor ihren Augen das Leben genommen hatte. Am 25. April 1868 wurde Julie Ebergenyi von Telkes zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Diese wurde am 4. Mai 1972 aufgrund ihres labilen Geisteszustandes von der Strafanstalt Wiener Neudorf in die niederösterreichische Landesanstalt „Brünnlfeld“ verlegt, in der sie am 8. April 1873 an Cholera starb. Ihr abtrünnig gewordener Geliebter, Gustav Graf Chorinsky , dessen Prozess am 22. Juni 1868 in München begann, wurde ebenfalls zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Wenige Jahre danach starb dieser, der bei seinem Tod wie seine einstige Geliebte geistig umnachtet war. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos vom Hotel „Vier Jahreszeiten“ in München, in dem einst Julie Ebergenyi von Telkes gemeinsam mit ihrem Geliebten Gustav Graf von Chorinsky den Giftmord an dessen geschiedener Ehefrau geplant hatte. 🙂

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