Die Mariotti-Prozesse, die Hamburger Justizgeschichte schrieben

Isabella Mueller @isabella_muenchen Hamburg

Eine spektakuläre Prozess-Reihe, die Hamburger Justizgeschichte schrieb, war die von Eva Mariotti. Diese wurde wegen Raubmordes an der reichen Zahnarztwitwe Maria Moser angeklagt und sage und schreibe wurde ihr deswegen dreimal der Prozess gemacht. Eva Mariotti war eine schillernde Person, die am 24. Dezember 1917 in Prag als Eva Maria Stiebeck geboren wurde. Sie wuchs in behüteten Familienverhältnissen auf und absolvierte bis 1932 eine höhere Mädchenschule. Im Alter von 18 Jahren im Oktober 1936 heiratete die schöne Eva einen Mann namens Nemeck, mit dem sie eine Tochter namens Jeanette zeugte. Doch die Ehe wurde bereits nach 10 Monaten Ehe wegen der Untreue ihres Mannes geschieden. Danach kamen die deutschen Besatzer in die Tschechoslowakei. Da ihr Vater deutscher Abstammung war, erhielt sie die deutsche Staatsangehörigkeit und nannte sich für kurze Zeit Höger. Wegen ihrer Verbindungen mit deutschen Offizieren, besonders zu dem NS-Offizier Dr. Kunze, mit dem sie verlobt war, es aber nie zu einer Heirat kam und mit dem sie einen erheblichen Handel mit Antiquitäten betrieb, die sie von Prag nach Deutschland überführten, floh Eva Mariotti zusammen mit ihrer Tochter und Mutter nach Deutschland. Kurzerhand heiratete sie den Franzosen André Mariotti, um nach Südamerika zu gelangen. Dies war nur für Staatsbürger alliierter Staaten möglich. Ihr zweiter Ehemann war wie die ermordete Witwe Moser im Schwarzmarkthandel tätig. Eva Mariotti lernte durch ihren Mann die Witwe Moser kennen, die lesbische Neigungen hatte und sich stark zu Eva Mariotti hingezogen fühlte. Diese besuchte die Witwe oft und nähte auch wertvollen Schmuck in ihr Korsett ein. Dieser Schmuck wurde bei dem Raubmord, der Eva Mariotti zur Last gelegt wurde, aber nicht entwendet, was in den Prozessen aber keinerlei Beachtung fand. Anfang 1946 lernte Eva Mariotti den 21 Jahre alten tschechischen Fremdarbeiter Erich Streba kennen. Dieser verliebte sich in Eva Mariotti, die sich zwar von den Avancen des jungen Mannes geschmeichelt fühlte, diese aber nicht erwiderte. Am 28. Juni 1946 wurde die Witwe Maria Moser in ihrer Wohnung in der Loogestieg 8 in Hamburg-Eppendorf ermordet. Dabei wurde ihr Pelzmantel und ein Morgenmantel nicht aber der eingenähte Schmuck in ihrem Korsett entwendet. Einen Tag später reiste Eva Mariotti zusammen mit Erich Streba nach Frankfurt und von dort nach Esslingen, wo Evas Mutter und Tochter lebten. In dieser Zeit ließ sie einen Pelzmantel dort umarbeiten, was ihr später zum Verhängnis werden würde. Unterdessen wurde die Witwe gefunden. Schnell führte die Spur zu Erich Streba und Eva Mariotti, deren Reise nach Esslingen als Flucht ausgelegt wurde. Eva Mariotti musste sich in Esslingen im Polizeirevier melden, was sie auch tat. Auch ihre Wohnung wurde durchsucht, aber es gab keinerlei Hinweise, die auf den Mord der Witwe Moser schließen ließen. Danach flüchtete Eva Mariotti zusammen mit Erich Streba in die Schweiz. Aber kurz nach der Grenze wurden beide aufgegriffen, wegen illegalen Grenzübertritt zu 4 Tagen Gefängnis verurteilt und nach Deutschland abgeschoben. Beide reisten nach München, wo sich Erich Streba von Eva Mariotti trennte und in die Tschechoslowakei zurückkehrte. Als er 1949 einen illegalen Grenzübertritt verübte, verhafteten ihn die tschechischen Behörden. Schnell geriet Streba in der Verdacht, dass er Landesverrat begehen wollte, um Spionagedienste für die Amerikaner zu verüben. Auf Landesverrat stand Todesstrafe und darum behauptete Streba die Tschechoslowakei verlassen zu wollen, um mit Eva Mariotti nach Südamerika zu gehen. Er gestand den Mord an der Witwe Moser, den er ihm Auftrag von Eva Mariotti begangen hatte. Dafür wurde er im November 1950 zu 25 Jahre Haft verurteilt. Nach zwölf Jahren Haft wurde er 1962 entlassen. Erich Streba war nun der Hauptbelastungszeuge von Eva Mariotti. Diese war 1951 zusammen mit ihrer Mutter und Tochter nach Südamerika ausgewandert. In La Paz hatte sie ein Modegeschäft eröffnet. Zwei Jahre später kehrte sie Bolivien den Rücken und zog nach Buenos Aires, von dort nach Rio de Janeiro und dann nach São Paulo, wo sie unter dem Namen Sylvia Souza-Leith lebte, da sie von Interpol wegen des Raubmordes an der Witwe Moser gejagt wurde. Doch 1960 erkannte ein Deutsch-Brasilianer anhand eines Fotos in der Zeitschrift der „Neuen Illustrierten“ Eva Mariotti. Diese wurde von den brasilianischen Behörden nach 17 Jahre Flucht aufgrund eines internationalen Haftbefehls 1961 in die Bundesrepublik Deutschland ausgeliefert. Am 3. Juli 1963 kam es vor dem Schwurgericht in Hamburg zum ersten Prozess, der sich hauptsächlich auf die Aussagen von Erich Streba stützte. Eva Mariottis Verteidigung übernahm Dr. Bernard Servatius. Den Vorsitz hatte der 61 Jahre alte Landgerichtsdirektor Karl Steckel inne. Der Prozess endete am 10. Juni 1963 mit einem Aussetzungsbeschluss. Eva Mariotti wurde freigelassen. Danach verhandelte im März 1964 das Schwurgericht unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektor Ehrhardt erneut über Eva Mariotti. Insgesamt wurden 47 Zeugen und Erich Streba verhört. Der Prozess endete mit einem Schuldspruch für Eva Mariotti, die zu lebenslangen Zuchthaus verurteilt wurde. Das Gericht sah es als bewiesen an, dass Eva Mariotti Erich Streba als die Witwe Moser am Harmonium das „Ave Maria“ gespielt hatte, den Befehl gegeben hatte, auf diese einzuschlagen. Danach wurde die Witwe Moser von Eva Mariotti geknebelt und anschließend erstickt. Doch aufgrund eines Verfahrensfehlers wurde das Urteil am 20. Dezember 1964 durch den 5. Strafsenat aufgehoben. Es kam zu einem dritten Prozess. Diesmal unter dem Vorsitz des 45 Jahre alten Landgerichtsdirektor Heinrich Backen. Dieser begann am 31. März 1965. Diesmal wurde ein Ortstermin in der Wohnung der ermordeten Witwe Moser anberaumt. Dabei wurde festgestellt, dass die Angaben von Erich Streba über den Tathergang nicht stimmen konnten. Eva Mariotti schwieg während des gesamten dritten Prozesses, was die Staatsanwaltschaft als Schuldeingeständnis sah. Erst 1974 bestimmte der Bundesgerichtshof in einem Urteil, dass einem Angeklagten nicht zum Nachteil ausgelegt werden darf, wenn er sich nicht zur Sache äußerte oder nur seine Täterschaft bestreite. Am 14. Juli 1965 nach vier Jahren Untersuchungshaft kam es zur Sensation, Eva Mariotti wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen, da Erich Streba in seinen Aussagen über den Tathergang gelogen hatte und nun als unglaubwürdig galt. Eva Mariotti brach bei der Urteilsverkündung zusammen. Während Erich Streba zu seiner Frau und seinem Kind in die Tschechoslowakei rückkehrte, zog Eva Mariotti nach Gran Canaria. Mit ihrer Entschädigung von 200.000 DM eröffnete sie in Vecindario einen Kunstgewerbeladen. Dort stürzte sie von einer Leiter und musste an der Hüfte operiert werden. Doch der morphiumsüchtige Arzt, der sie operierte, verübte einen Kunstfehler, weshalb Eva Mariotti seitdem auf Krücken angewiesen war. Diese wollte sich deswegen in Deutschland behandeln lassen, doch ihr Pass war abgelaufen, weswegen ihr die Einreise verweigert wurde. Im Jahr 1979 starb Eva Mariotti völlig verarmt und einsam. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos von Hamburg, dem Ort an dem die legendären Mariotti-Prozesse stattfanden. 🙂

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