Der legendäre Gourmettempel Jelissejew in St. Petersburg am Newski-Prospekt

Isabella Mueller, @isabella_muenchen

Ich hatte bei meinem letzten Besuch der russischen Metropole St. Petersburg das erste Mal eineinhalb Stunden Freizeit, die ich auf dem Newski-Prospekt, der berühmtesten Straße Russlands verbringen durfte. Dabei stand ganz oben auf meiner Liste der „must have seen places“ auf dieser weltbekannten Straße der Besuch des legendären Feinkostgeschäfts Jelissejew. Die Jelissejewläden auf dem Newski-Prospekt in St. Petersburg und der Twerskaja Straße in Moskau zählen zu den bekanntesten Adressen in Russland, wenn es um ein gehobenes Sortiment an Luxuswaren geht. Hier bekommt man vom schwarzen Kaviar über exquisiten Champagner alles, was das Feinschmeckerherz begehrt und das Wichtigste in einem absolut prunkvollen Ambiente, das an Adelspaläste erinnert. Die Geschichte des Feinkostgeschäftes besagt, dass der Graf Scheremetjew auf seinem Anwesen im Jahre 1812 zum Festmahl geladen hatte. Seine adligen Gäste wurden mit frischen Erdbeeren im Winter aus einer Orangerie seines Gärtners Pjotr verwöhnt. Die Erdbeeren schmeckten so ausgezeichnet, dass die Gäste baten Pjotr zu holen um ihm zu danken. Dieser Bitte kam der Graf nach und gewährte seinem Gärtner einen Wunsch. Dieser wünschte sich seine Freiheit, denn er war ein Leibeigener des Grafen. Der erfüllte ihm seinen Wunsch und belohnte ihn für seine gute Arbeit mit einer kleinen Geldsumme, dem Startkapital für das spätere Feinkostgeschäft. Ob diese Legende sich tatsächlich so zugetragen hat, ist schwer zu sagen. Doch Pjotr zog 1813 nach St. Petersburg, änderte seinen Namen in Jelissejew und gründete zusammen mit seinem Bruder Grigori mehrere kleine Läden in St. Petersburg. Das Unternehmen, das Handelsgenossenschaft Gebrüder Jelissejew hieß, florierte, so dass sie bereits in den 1820er Jahren über eigene Schiffe verfügten, um die Luxusgüter schneller transportieren zu können. Ab den 1840er Jahren wurden sie mit ihren eigenen Weinen sogar Hoflieferanten des Zaren. Der Feinkostladen am Newski-Prospekt in St. Petersburg, der in den Jahren 1902 und 1903 gegründet wurde, war auf den Import und den Vertrieb von Weinen, exotischen Früchten, Tee, Kaffee und anderen Kolonialwaren in Russland spezialisiert. Schnell avancierte das Unternehmen zu einer der erfolgreichsten Kaufmannsdynastien Russlands. Dies lag auch an der günstigen Standortwahl, denn St. Petersburg war das Tor des Russischen Kaiserreichs zum Meer und erlebte nach dem Sieg über Napoleon einen Wirtschaftsboom. Das Imperium der Jelissejew wuchs stetig. Die Weichen für den rasanten Erfolg bildete der erste Gourmettempel, der in Moskau an der Twerskaja gebaut wurde und dank einer geschickten Werbeaktion sofort einschlug. Bis zu seiner Eröffnung wurde das Geschäft mit Brettern verhüllt, so dass niemand wusste, was sich dahinter befand. Erst zur großen Eröffnungsfeier, in der die High Society von Moskau geladen wurde, ließ man die Bombe platzen. Ein geschickter Werbezug, der das Geschäft sofort in Moskau berühmt machte. Das Unternehmen in seiner heutigen Form wird nicht mehr von der Jelissejew-Dynastie betrieben. Nach dem Tod Pjotr Jelissejews 1825 übernahm seine Witwe und seine Söhne das Unternehmen. Danach führte Pjotr Jelissjews Enkel, Grigori Grigorjewitsch Jelissejew das Unternehmen bis es kurz nach der Oktoberrevolution 1917 verstaatlicht wurde. Während den Sowjetzeiten hieß der Jelissejew-Laden Gastronom Nr. 1. Heute werden die Läden von Unternehmern betrieben, die nichts mehr mit der ursprünglichen Jelissejew-Dynastie zu tun haben. Ich war sehr gespannt auf den legendären Feinkostladen Jelissejew, der sich im Herzen der Stadt am Newski-Prospekt 56, an der Kreuzung mit der Malaja Sadowaja-Straße befindet. Schon allein der Anblick der Jugendstil-Fassade mit den Skulpturen des estnischen Bildhauers Amandus Adamson ist atemberaubend schön. Allerdings noch traumhafter ist die Schaufensterdekoration des Feinkostladens, in dem sich Puppen aus dem Nussknacker-Märchen bewegen. Ich war begeistert von diesem Anblick und öffnete voller Ehrfurcht die alte Holzeingangstür. Danach betrat ich eine luxuriöse Zauberwelt des Jugendstils, das sowohl ein Café als auch zwei Restaurants beherbergt. Ich erblickte herrliche Torten und Pralinen, die mir das Wasser im Munde zusammen laufen ließen. Das edle Jugendstildekor aus Kunstschmiedearbeiten, Vergoldungen, Kronleuchtern, aufwendig gestalteten Buntglasfenstern sowie Spiegeln verzauberte mich von der ersten Minute an als ich den Feinkosttempel betreten hatte. Hier war alles prunkvoll und luxuriös. In der Mitte befand sich eine riesige Palme, die für exotischen Flair im noblen Palastambiente sorgte. Dieses prächtige Gebäude des Architekten Gabriel Baranowski zählt zurecht zu den renommiertesten und schönsten Lebensmittelgeschäften in St. Petersburg. In den 4 Etagen hohen Jugendstil-Verkaufsraum leuchteten elegante Lampen, Musik klimperte und in Vitrinen und Theken wartete feinstes Naschwerk. Ich war einfach nur überwältigt von diesem wunderbaren Jugenstilgeschäft. Ich kann jedem nur einen Besuch dieses imposanten Ladens ans Herz legen. In diesem Sinne viel Freude mit meinen Fotos vom Gourmettempel und Feinkostladen Jelissejew in St. Petersburg.

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