Die Frauenleiche im Ziegelteich

Isabella Mueller @isabella_muenchen Wien

Am 29. Oktober 1962 gab Stefan Mitteregger eine Vermisstenanzeige für seine schwer depressive Ehefrau, die1,72 Meter große, 45 Jahre alte, brünette Karoline Mitteregger im Kommissariat des 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten auf. Ein halbes Jahr später fand ein Hilfsarbeiter im Wasser eines Ziegelteichs eine stark verweste Frauenleiche. Anhand ihres Schuhes, an deren Sohle der Bleistiftvermerk „S 3 M“ stand, konnte der Schuster ermittelt werden, der die Schuhe repariert hatte. Dadurch konnte die Identität der Frauenleiche bestimmt werden. Es handelte sich tatsächlich um die seit einem halben Jahr vermisste Ehefrau von Stefan Mitteregger. Da diese an Depressionen gelitten hatte, ging die Polizei zunächst von Selbstmord aus. Doch den Leiter des Sicherheitsbüros, Hofrat Dr. Heger, irritierte ein Detail. Warum trug die Tote noch ihre Brille? Diese Frage ließ ihn nicht mehr los. Warum hatte Karoline Mitteregger diese als sie ins Wasser ging, nicht abgenommen. Er bat die Staatsanwaltschaft eine Obduktion anzuordnen. Bei dieser wurde Tod durch Ertrinken festgestellt. Da die Leiche schon sehr stark verwest war, konnten keine Spuren von fremder Gewalteinwirkung mehr nachgewiesen werden. Der Todeszeitpunkt konnte aufgrund der nicht wasserdichten Armbanduhr, die elf Minuten nach zwei Uhr morgens stehen geblieben war und den halb verdauten Linsen, die der Gerichtsmediziner Dr. Wilhelm Holczabek im Dickdarm gefunden hatte und die es am Tag bevor Karoline Mitteregger verschwand, zum Mittagessen gegeben hatte, auf zwei Uhr morgens festgelegt werden. Bei einer routinemäßigen Untersuchung des Mageninhalts fand der Gerichtsmediziner Dr. Gottfried Machata keinerlei Medikamente oder Drogen. Doch es wurden bei der spektroskopischen und volumetrischen Blutuntersuchung sowie dem Test mit den Gaschromatographen festgestellt, dass das Blut von Karoline Mitteregger einen 53-prozentigen Gehalt von kohlenstoffmonoxid-gebundenen Hämoglobin aufwies. Diese hohe Dosis musste Karoline Mitteregger bewusstlos gemacht haben, die dann im Ziegelteich ertrank. Aber wie gelangte die ohnmächtige Karoline Mitteregger in das Wasser und von wo stammte das Kohlenstoffmonoxid? Im Umkreis von eineinhalb Kilometer gab es keine Gasleitung. Karoline Mitteregger konnte sich also nicht am gefundenen Tatort vergiftet haben oder doch? Die Polizei ermittelte nun in alle Richtungen. Karoline Mitteregger hatte bereits einen Selbstmordversuch unternommen und stand seitdem unter permanenter Beobachtung ihrer Angehörigen. Kontakt zu Freunden oder Nachbarn hatte sie keinen. Ihr Ehemann, der als Musiklehrer arbeitete, kümmerte sich aufopferungsvoll um seine psychisch kranke Frau und die drei gemeinsamen Kinder. Die beiden älteren Söhne studierten und die jüngere Tochter ging aufs Gymnasium. Die Polizei schloss aus, dass die Familie irgendetwas mit dem Verschwinden von Karoline Mitteregger zutun hatte. Aber wer dann sollte Karoline Mitteregger umgebracht haben? Vielleicht hatte sich Karoline Mitteregger doch selbst das Leben genommen? Wenn ja, aber wie? Das war hier die Frage. Im Februar 1960 wurde ein Drechslergeselle im Keller tot aufgefunden. Dieser hatte sich über den Kopf eine Plastiktüte gestülpt, die mit Gas gefüllt war und diese dann mit einer Schnur luftdicht abgeschlossen. Doch im Keller gab es keine Gasleitung. Wie gelangte das Gas in die Plastiktüte? Die Erklärung war recht simpel. Der Drechslergehilfe hatte in seiner Wohnung vom Herd den Kunststoffschlauch entfernt, den Plastiksack mit Gas gefüllt, den Schlauch wieder angeschlossen und sich zum Sterben in den Keller gelegt. Dieser spektakuläre Selbstmord beherrschte damals die Medien. Hatte sich Karoline Mitteregger von diesem inspirieren lassen? Die Ermittler rekonstruierten den Tathergang gemeinsam mit dem Toxikologen Dr. Gottfried Machata. Dazu entfernten sie den Brenner vom Gasherd und schlossen diverse Plastiktüten an die Austrittsdüse an. Die Plastiktüten wurden wie Luftballons mit dem Gas aufgeblasen. Sie hielten diese mit den Händen zu, da so das Gas nur sehr langsam ausströmte. Danach lief ein Kriminalbeamter von der Wohnung der Mittereggers mit einem mit Gas befüllten Plastiksack zum Ziegelteich. Als er dort ankam, war der Plastiksack noch voll mit Gas. So ergab der Tathergang plötzlich Sinn. Karoline Mitteregger hatte nachts gegen 1.30 Uhr, als alle anderen Familienmitglieder schliefen, einen Plastiksack mit Gas befüllt und sich dann aus der Wohnung geschlichen. Sie ging zum Ziegelteich, stieg ins Wasser und atmete das Gas in der Plastiktüte ein bis sie ohnmächtig ins Wasser sank und ertrank. Doch anders wie beim Drechslergehilfen hatte sie den Plastiksack nicht über den Kopf gestülpt, so dass sie die Brille noch auf der Nase trug. Durch die Rekonstruktion des Tathergangs konnte der außergewöhnliche Selbstmord, der zunächst wie ein Mord wirkte, aufgeklärt werden. Denn die Dinge sind nicht immer so wie sie scheinen. In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Freude mit meinen Fotos vom Museum der Illusionen in Wien. 🙂

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