Das Fenster zum Hof

Im 9. Wiener Gemeindebezirk befindet sich der Narrenturm. Dieser fünfstöckige Rundbau auf dem Gelände des alten Allgemeinen Krankenhauses am Campus der Universität Wien war weltweit die erste Psychiatrische Klinik, die 1784 auf Veranlassung von Kaiser Josef II. zur Behandlung von geistig Kranken errichtet wurde. Heute ist dort das pathologisch-anatomische Museum untergebracht. Unweit davon befand sich das Lazarett Johannes in der Siechenals, das ein sogenanntes Seuchenhospital war, in dem Pestkranke behandelt wurden. Denn in Wien grassierte 1410 wiederholt die Pest und es gab viele an der Pest Erkrankte, die von der öffentlichen Gesundheitspflege isoliert behandelt werden mussten. In diesem Pesthospital arbeitete ein junger Mann, der sich aufopferungsvoll, um die Erkrankten trotz hoher Ansteckungsgefahr kümmerte. Gegenüber vom Hospital gab es ein Wohnhaus, in dem eine junge, hübsche Frau wohnte, die gern von ihrem Fenster aus das Geschehen im Krankenhaus beobachtete. Wie das Schicksal es wollte, trafen sich eines Tages die Blicke der jungen Frau mit denen des jungen Mannes. Es war sprichwörtlich Liebe auf den ersten Blick und seit diesem magischen Augenblick lief der Krankenpfleger mehrmals täglich zum Fenster, um mit der jungen Frau zu flirten, die seine Avancen erwiderte. Er vernachlässigte dafür immer mehr seine Patienten. Doch viel schlimmer war der Verdacht, dass er seine Patienten bestehlen würde. Denn nur bei seinen Patienten war Schmuck gestohlen worden, aber beweisen konnte man ihm nichts. Es kam wie es kommen musste und der junge Mann erkrankte selbst an der Pest. Als die Frau wieder sehnsüchtig aus dem Fenster schaute und auf den jungen Mann wartete, sah sie wie dieser in den wilden Bach, den Alserbach, der durch den 9. Bezirk fließt, von seinen Kollegen geworfen wurde. Sie öffnete entsetzt ihr Fenster und sprang krank vor Liebe ihrem Liebsten hinterher, um mit ihm für immer vereint zu sein. Die junge Frau konnte nicht ahnen, dass der junge Mann am Morgen an der Pest gestorben war. Als seine Kollegen den Schrank des Toten öffneten, entdeckten sie den gestohlenen Schmuck. Aus lauter Zorn über sein schändliches Verhalten warfen sie ihn aus dem Fenster, da sie keinen Dieb beerdigen wollten. Die junge Frau aber soll auch tot keine Ruhe gefunden haben und heute noch im Haus umherspuken und am Fenster Ausschau nach ihrem Liebsten zu halten. So die traurige Sage vom Fenster am Hof. Euch wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos vom einzigartigen Narrenturm, dessen über 50.000 kranke Exponate echt zum Gruseln sind. 🙂

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