Mord im Lainzer Tiergarten

Isabella Mueller @isabella_muenchen Wien

Der Lainzer Tiergarten am Rand der Donaumetropole Wien bietet dank seiner Fläche von 2.450 Hektar, von der 1.945 Hektar Waldfläche sind, ein ideales Naherholungsgebiet. Neben freilaufenden Rehen, Hirschen, Europäischen Mufflons und Wildschweinen beeindruckt der Lainzer Tiergarten auch durch seine Eichen- und Buchenwälder. Kein Wunder, dass dort Kaiser Franz Josef für seine geliebte Sisi in den 1880er Jahren die Hermesvilla als Sommerresidenz des schillernden Kaiserpaares errichten ließ, die heute kulturhistorische Ausstellungen beheimatet. Unweit von der Hermesvilla ereignete sich ein Mord, der in Wiens Kriminalgeschichte als der Mord im Lainzer Tiergarten einging. Am 17. Juli 1928 hörten gegen 16 Uhr die Waldarbeiter Leopold Zepil und Agatha Riedlinger mehrere Schüsse. Zunächst gingen sie davon aus, dass es sich um Schießübungen des Country Club-Schießstandes handelte. Etwa eine Dreiviertelstunde später wurde von den Waldarbeitern und Spaziergängern ein Feuer bemerkt. Als sie gegen 17 Uhr an der Brandstelle eintrafen, um das Feuer zu löschen, entdeckten sie eine verkohlte Frauenleiche und beobachteten einen dunkelhaarigen Mann, der im Wald verschwand. Um die Identität der Frauenleiche zu klären, wurde eine Moulage angefertigt. Der Pionier auf diesem Gebiet war der Wiener Arzt Dr. Alfons Poller, der im Auftrag der Wiener Polizei 1924 eine Abformungsmethode entwickelt hatte. Dafür wurden die Gesichter der Leichen mit einer Abformmasse übergossen, so dass eine Maske entstand, in die Konstrukteure eine neue Masse gossen und daraus ein Gesicht modellierten. Mit dieser Methode wurde auch das Gesicht der im Sommer getöteten Frau im Lainzer Tiergarten nachgebildet, um deren Identität zu klären. Doch die Identität der Frau, die zuerst erschossen und dann angezündet wurde, klärte ihr Zahnarzt Dr. Reißberg auf. Dieser hatte die Nachbildung einer Goldbrücke im Wiener Kriminalmuseum entdeckt und sofort erkannt, dass er diese für Katharina Schäftner, eine verheiratete Fellner, die am 7. Februar 1885 in Schleinbach geboren wurde, 1924 angefertigt und ihr eingesetzt hatte. Die Identität der Ermordeten war somit geklärt. Nur wer hatte Katharina Fellner ermordet? Zunächst verdächtigte die Wiener Polizei ihren Ehemann Andreas Fellner, der nicht nur Vorstrafen wegen Betrugs hatte, sondern auch Schulden bei seiner eigenen Ehefrau. Außerdem hatte er keine Vermisstenanzeige gestellt. Dies lag daran, dass er bereits seit längerem von seiner Frau getrennt lebte und ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau hatte. Mit dieser war er auch zum Tatzeitpunkt in Bad Ischl. Damit hatte er ein Alibi und schied als Mörder aus. Im Sommer 1930 stieß die Polizei auf den Kaufmann Gustav Bauer, der bis 1925 Katharina Fellners Liebhaber war. Danach pflegte er eine freundschaftliche Beziehung zu ihr. Gustav Bauer, der mit einer Agatha Maier verlobt war, hatte nebenbei eine Affäre mit Alice Decker. Sein Lebensstil war äußerst fragwürdig. Am 7. November 1930 wurde er wegen des Verdachts des Mordes an Frau Katharina Fellner angeklagt. Ihm zur Last wurde ein telegraphischer Schriftverkehr gelegt, aus dem hervorging, dass Katharina Fellner sich am Mordtag, dem 17. Juli 1928, mit Gustav Becker treffen wollte. Zudem hatte Gustav Becker am Mordtag Schmuck und Pelze aus dem Besitz von Katharina Fellner verkauft, was angeblich im Auftrag von Frau Fellner geschehen war. Eine schriftliche Bestätigung lag nicht vor. Laut seinem Dienstmädchen hatte Becker Stangenspiritus der Marke „Meta“ sowie eine Flasche Reinigungsbenzin besessen, mit der Katharina Fellner übergossen und danach angezündet worden war, die nach dem Mordtag fehlten. Außerdem besaß Herr Becker eine Pistole Browning Kaliber 6.35, die mit den Schusswunden der toten Katharina Fellner übereinstimmten. Auch die Falschaussagen anlässlich des Pistolenbesitzes und der Kenntnis des Tatortes belasteten Gustav Becker. Andererseits war per Fahrtenbuch des Mietwagen Singer dokumentiert, dass am Mordtag Herr Becker mit Alice Decker zum Lainzer Tiergarten unterwegs war, wo er als Mitglied des dort ansässigen Country Clubs Tennis und Golf gespielt hatte. Zudem war der Stangenspiritus „Meta“ sowie das Reinigungsbenzin überall erhältlich. Darüber hinaus wurden keine Patronenhülsen am Tatort gefunden, die aus einer Pistole hätte ausgeworfen sein müssen. Das Schwurgericht entschied sich in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten zu urteilen. Aus Mangel an Beweisen wurde Gustav Becker am 24. März 1931 mit 7:5 Stimmen durch ein Geschworenengericht freigesprochen, was die Presse und die Öffentlichkeit als Fehlurteil bewerteten. Am 17. Juli 1932, vier Jahre nach dem Mord an Katharina Fellner, beging Gustav Becker Selbstmord. Vielleicht war dies ein Schuldeingeständnis? In seinem Abschiedsbrief hatte er den Mord an Katharina Fellner jedoch nicht gestanden, sondern sich nur darüber beklagt, dass er trotz Freispruch als Mörder gehalten wurde. Dadurch war er gesellschaftlich und geschäftlich ruiniert. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos, der Hermesvilla, Sisi´s Schloss der Träume, im Lainzer Tiergarten. 🙂

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