Die Tote in der Badewanne

Isabella Mueller @isabella_muenchen

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges herrschte auch in der Donaumetropole Wien große Not. Es mangelte an Lebensmitteln, Gebrauchsgütern und Wohnraum. In dieser harten Zeit ergatterte der 27 Jahre alte Textilingenieur Julius Kausel einen lukrativen Job als Geschäftsführer in einer Strickwarenfabrik im 6. Wiener Gemeindebezirk Mariahilf. An diesen war eine Wohnung geknüpft, die seiner Chefin der 49 Jahre alten, verwitweten Blanche Mandler gehörte. Die geizige Fabrikantin, die in der Josefstädter Trautsongasse ein Sechs-Zimmer-Appartement besaß, meldete ihren Prokuristen Julius Kausel dort an, um das Wohnungsamt zu täuschen. Seine Chefin galt als clevere Geschäftsfrau, die aber ein strenges Regiment führte und äußerst sparsam lebte. Für Julius Klausel lief es nicht nur geschäftlich Bombe, sondern auch privat war er glücklich verlobt mit der in Scheidung lebenden Maria, die eine Tochter in die spätere Ehe mitbrachte. Doch dann ereigneten sich plötzlich am Montag, den 7. November 1949 merkwürdige Dinge. Zunächst kehrte Blanche Mandler nach einem Auswärtstermin nach der Mittagszeit nicht mehr ins Büro zurück und niemand konnte diese erreichen. Dieses Verhalten war untypisch für die knallharte Geschäftsfrau, da es noch wichtige Geschäfte zu erledigen gab. Dann klingelte am nächsten Vormittag das Telefon bei Julius Kausel. Ein Mann mit schweizerischem Akzent sagte, dass Frau Blanche Mandler noch beim Arzt sei und erst am Nachmittag ins Büro zurückkehren würde. Dies kam Julius Kausel verdächtig vor, da neben den Steuern, die fällig waren, auch Überweisungen getätigt werden mussten, für die nur die Chefin zeichnungsberechtigt war. Am Nachmittag läutet das Telefon bei Julius Kausel erneut. Diesmal erklärte ein Mann, dass Frau Mandler im Union-Sanatorium in der Lazarettgasse liege, wo sie wegen ihres Rheumatismus Injektionen bekomme und noch ein paar Tage bleiben müsste. Julius Kausel schickte einen Angestellten dorthin. Dieser teilte ihm kurze Zeit später mit, dass es weder ein Union-Sanatorium noch eine Lazarettgasse in Wien gäbe. Auch in anderen Krankenhäusern gab es keine Patientin, die Blanche Mandler hieß. Julius Kausel machte sich zur Wohnung seiner Chefin auf, deren Zugang wie üblich abgeschlossen war. Als Kausel klingelte, öffnete niemand. Dann begab er sich in seine Wohnung, wo er feststellte, dass dort jemand seinen Pyjama benutzt und einen fremden Wecker deponiert hatte. Anschließend begab er sich nochmals zur Wohnung seiner Chefin, wo er auf den Mann der Buchhalterin traf. Dieser sollte nach Blanche Mandler sehen. Julius Kausel zögerte immer noch den Hausmeister zu holen und auch zur Polizei wollte er zunächst nicht. Auf Drängen des Ehemannes der Buchhalterin entschloss er sich zur nächsten Polizeiwache zu gehen. Da war es 20 Uhr, doch seine Aussage dort machte er erst um 21.10 Uhr. Er berichtete von dem Verschwinden seiner Chefin und den ominösen Anrufen. Die Polizei machte sich sofort zur Wohnung von Blanche Mandler auf und ließ diese vom Hausmeister öffnen. Alles war akkurat aufgeräumt, da die Chefin als Ordnungsfanatikerin galt. Einzig der schmutzige Topf mit Resten von Spinatbrei und zwei Zigarettenstummel im Aschenbecher störten. Danach ließen die Polizisten, die verriegelte Badezimmertür vom Hausmeister mit einer Eisenstange aufbrechen. Was sie dort erwartete, hätte glatt aus einem Horrorfilm stammen können. Blanche Mandler lag in der Badewanne. Ihr Kopf war bis zur Wirbelsäule abgetrennt worden, ihr rechter Oberschenkel ganz und am linken Fuß fehlten alle Zehen. Das Wasser strömte aus dem Wasserhahn, während es durch den Abfluss wieder abfloss. Der Gerichtsmediziner Prof. Walther Schwarzacher identifizierte zwei auf dem Sessel liegende Küchenmesser als Tatwerkzeuge, mit denen der Täter versucht hatte, die Leiche zu zerstückeln. Mit einem Schal, der im Wannenwasser gefunden wurde, war die Fabrikantin erwürgt worden. Der Tathergang wurde folgendermaßen rekonstruiert. Blanche Mandler wurde im Vorzimmer überfallen und niedergeschlagen. Dann wurde sie mit dem Schal erdrosselt und in die Küche geschleift. Dort versuchte der Täter sie zu zerstückeln, da ihm dies nicht gelang, setzte er seine Tat im Badezimmer fort. Die gerichtsmedizinische Untersuchung hatte ergeben, dass die Blutspritzer im Bad und in der Küche von zwei Personen stammten. Die Blutgruppe AB stammte von Blanche Mandler. Die andere Blutgruppe A musste folglich vom Täter stammen. Julius Kausel hatte zwar keine Verletzungen am Körper. Jedoch hatte er die Blutgruppe A, was noch nichts bewies. Die Obduktion ergab außerdem, dass der Oberschenkel des Opfers 9 frische Einstiche aufwies. Stammten diese von der Rheumabehandlung? Zwar bat die Polizei mithilfe der Presse die Ärzte, die Blanche Mandler behandelt hatten, sich zu melden, doch erfolglos. Vielmehr wurde bekannt, dass Julius Kausel im Krieg als Sanitätsobergefreiter am Hauptverbandplatz gearbeitet hatte und sich natürlich mit Injektionsspritzen auskannte. Die Polizei ermittelte in alle Richtungen. Da Blanche Mandler als berechnende Geschäftsfrau galt, hatte sie viele Feinde. Doch jede Spur verlief im Sande. Als Todeszeitpunkt galten die Nachmittags- und Abendstunden des Dienstags und zu dieser Zeit hatte Julius Kausel kein hieb- und stichfestes Alibi. Julius Kausel wurde daraufhin als dringend Tatverdächtiger verhaftete und fristete nun sein Dasein in der Untersuchungshaft. Im Kreuzverhör gestand er zudem nach der Chefin ein zweites Mal gegen 18.30 Uhr geschaut zu haben. Er war also zur Mordzeit am Tatort. Als die Polizisten in seinem Sakko noch Kinokarten für den US-Film „Stadt ohne Masken“ fanden, der von einem Badewannen-Mord handelte, wurde die Indizienlast für den jungen Geschäftsführer immer erdrückender. Am 31. November 1949 wurde dieser dem Wiener Landesgericht übergeben. Der junge Mann beteuerte seine Unschuld und tatsächlich kamen dem Polizeirat Zweifel, ob dieser schmächtige Mann auch tatsächlich der Mörder von Blanche Mandler war. Warum gab es keine Blutspuren auf Julius Kausels Kleidung, was hatte es mit dem benutzten Pyjama und fremden Wecker auf sich und was bedeuteten die geheimnisvollen Anrufe, gab es einen unbekannten Dritten, der Blanche Mandler getötet hatte? Zudem ließ dem Polizeirat Dr. Heger nicht los, dass Blanche Mandler ihren Topf nicht abgewaschen hatte. Die Frau, die sonst sofort jeden Krümel auffegte, da sie Dreck so sehr hasste. Die knauserige Mandel kochte sich immer riesige Portionen, von denen sie tagelang aß. Zuletzt hatte sie sich Spinatbrei gekocht, was aus dem in der Küche sichergestellten Kochtopf erkennbar war. Dr. Heger wollte wissen, wann sie den Spinat gekauft hatte. Darum ließ er all ihre Gemüsehändler befragen. Dabei kam heraus, dass Blanche Mandler am Samstagvormittag den Spinat gekauft hatte. Wenn dies so war, dann wäre Blanche Mandler schon am Montag, am Tag ihres Verschwindens ermordet worden. Doch der Gerichtsmediziner Prof. Dr. Schwarzacher beharrte auf sein Gutachten und den Todeszeitpunkt. Darum wurde ein zweiter Sachverständiger Dr. Leopold Breitenecker hinzugeholt, der den Todeszeitpunkt aufgrund der Kälte des Wiener Hochquellwassers widerlegte. Da eingetrocknetes Blut in der Wanne gefunden wurde, schloss Dr. Breitenecker daraus, dass die Tote mindestens eine Stunde lang in der trockenen Wanne gelegen, bevor der Mörder den Wasserhahn aufgedreht hatte. Anschließend hatte das kalte aus dem Hochgebirge kommende Wiener Leitungswasser das geronnene Blut gefrieren lassen. Dies hatte Prof. Dr. Schwarzacher nicht berücksichtigt. Dadurch ergab auch der Spinatkauf einen Sinn. Denn Mandler hatte diesen am Samstag gekauft und zum Mittag- und Abendessen gegessen. Dann folgten zwei Mahlzeiten am Sonntag. Am Montag aß sie ihre Portion zu Mittag, dann fuhr sie mit dem schmutzigen Topf in ihre Wohnung, wo sie auf einen Mann wartete. Blanche Mandler war also bereits am Montagnachmittag getötet worden und für die Zeit hatte Julius Kausel ein stichhaltiges Alibi, da er im Büro war, was die Angestellten bezeugen konnten. Trotzdem wurde Kausel nicht aus der U-Haft entlassen, da die Justizbehörden nicht an einen Unbekannten glaubten. Doch der Polizeirat Dr. Heger gab nicht auf, den wahren Täter zu fassen. Er fand Indizien, die für einen Raubmord sprachen. Denn es fehlte ein Fotoapparat, eine Aktentasche und ein Schlüssel zu einem Safe. Ferner fand er ein Telegramm von einem Dr. Bossarth, das am Morgen des 7. Novembers, jenem Montag, an dem Blanche Mandler verschwand, im Wiener Postamt aufgegeben worden war. Zudem wurde ein handgeschriebener Brief von Dr. Bossarth gefunden. Es stellte sich nun die Frage, wer war Dr. Bossarth? Nach intensiven Recherchen entpuppte sich dieser als Rudolf Lutz, der fünfeinhalb Jahre wegen Veruntreuung, Postraub, Schwarzmarktgeschäften und Misshandlung eines Geschäftspartners im Zuchthaus gesessen hatte. Dr. Heger machte einen Unterschriftenvergleich des Telegramms von Dr. Bossarth. Die Handschrift war eindeutig die von Rudolf Lutz. Zudem wurde nachgewiesen, dass dieser vom 7. bis 8. November in einem Hotel in der Mariahilfer Straße übernachtet hatte. Er hatte darüber hinaus auch kein Alibi für den Montagnachmittag und konnte auch die 50.000 Schilling, die er nach dem Mord von Blanche Mandler auf sein Tiroler Bankkonto eingezahlt hatte, nicht erklären. Im Verhör leugnete er den Mord an Blanche Mandler, gab jedoch zu sich als Dr. Bossarth ausgegeben zu haben, um kreditwürdig zu scheinen. Selbst als Tiroler Ermittler bei einer Hausdurchsuchung einen blutbefleckten Anzug sicherstellten, leugnete Rudolf Lutz noch immer den Mord an Blanche Mandler. Erst als Dr. Heger ihm seine neue Spiegelreflexkamera vorhielt, die er gegen den gestohlenen Fotoapparat von Blanche Mandlers Wohnung getauscht hatte, knickte er ein und gestand den Mord an seiner Geliebten. Erst am 9. Januar 1950 wurde Julius Kausel aus dem Gefängnis entlassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits 63 Tage unschuldig dort eingesessen. Nach seiner Haftentlassung heiratete seine Verlobte Maria 1961 und adoptierte ihre Tochter. Doch er litt ein Leben lang unter dem Getuschel hinter seinem Rücken. Dir wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos vom Naschmarkt, dem größten Markt Wiens im 6. Wiener Gemeindebezirk Mariahilf, in dem sich die Firma der Blanche Mandler befunden hatte. 🙂

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