Die prächtige Eremitage: Rückzugsort ins Private

Isabella Müller Waghäusel Karlsruhe @isabella_muenchen

Wer hätte nicht gern ein kleines Schlösschen mit herrlichen Garten inmitten der Natur. So ein wunderbares Schlösschen befindet sich in Waghäusel auf dem Schlossplatz. Bei diesem Schloss handelt es sich um eine Eremitage. Das Wort stammt aus dem Französischen und bedeutet Einsiedelei. Denn dieser Schlosstyp sollte als Rückzugsort ins Private dienen. Stilprägend war kein geringerer als der französische König Ludwig XIV., der in die Geschichte als Sonnenkönig einging. Kennzeichnend für diesen Schlosstyp war die aufgelockerte Bauweise in Form eines von Pavillons umgebenen Hauptbaus. Die Eremitage, die sich in unmittelbarer Nähe zur Wallfahrtskirche und zum Kloster befindet, sollte den Speyerer Fürstbischöfen sowohl Ruhe für religiöse Übungen sowie Entspannung durch die Jagd bieten. Der Grundstein für das barocke Jagd- und Lustschloss wurde am 26. September 1724 von dem Fürstbischof Damian Hugo Philipp von Schönborn gelegt. Die erste Anlage der Waghäuseler Eremitage wurde von dem Baumeister Michael Ludwig Rohrer aus Raststatt geplant, die von 1724 bis 1729 erbaut wurde. Der Hauptbau lag im Zentrum eines von Mauern umgebenen Wegesystems mit acht Eremitenpavillons zwischen den Hauptwegen. Der originale Hauptbau war sechzehneckig. Über das eigentliche Dachgeschoss des Hauptbaus ragte ein Belvederesaal mit Fensterkranz und sechzehn Kaminen an der Außenwand. Dort brachte der italienische Freskomaler Giovanni Francesco Marchini um 1732 ein Deckenfresko an. Dargestellt war das Innere einer in römische Ruinen gebauten Eremitenhütte. Die Eremitage wurde dank ihrer architektonischen Schönheit auch zum Vorbild für das Schloss Clemenswerth im Emsland und das Jagdschloss auf dem Carlsberg bei Weikersheim. 1730 ließ Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn anstelle der kleinen Eremitenhäuschen vier zweistöckige Kavalierpavillons mit quadratischem Grundriss errichten, die mit einer Ringmauer verbunden waren. Der südliche Pavillon war für die Küche bestimmt, der nordöstliche für die wachhabende Garde zu Pferd und Fuß und die beiden westlichen für die fürstliche Garde. Im Westen der Anlage schlossen sich der Ökonomiehof mit Zehntscheuer, Amtskellerei, Pferdeställen, Wachstube, Jäger-, Gärtner – und Zollhaus sowie zwei Weiher an. Im Jahr 1747 beauftragte der Speyerer Fürstbischof Franz Christoph von Hutten den Architekten Balthasar Neumann mit einer Erweiterung des Hauptbaus der Eremitage. Dieser baute vier neue Flügel an den Hauptbau an, so dass der heutige kreuzförmige Grundriss entstand. Die fürstbischöflichen Appartements und eine Hauskapelle waren im Erdgeschoss beheimatet. Die vier Kavalierhäuser wurden ebenfalls erweitert, und zwar um die hinteren Teile außerhalb der Ringmauer. Erst dadurch erhielten sie ihren rechteckigen Grundriss. Unter dem Speyerer Fürstbischof Damian August von Limburg-Stirum wurden 1783 im Eingangsbereich des Hauptbaus die Uhr und das Glockentürmchen sowie ein schmiedeeiserner Altan über der Freitreppe angebracht. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurde der Hochstift Speyer aufgelöst, dessen rechtsrheinischer Teil mit Waghäusel fiel an den badischen Staat. Der letzte Speyerer Fürstbischof Philipp Franz Nepomuk Wilderich von Walderdorf behielt bis zu seinem Tod im Jahr 1810 ein Wohnrecht in den Schlössern Bruchsal und Waghäusel. Die Eremitage, für die man zunächst keine Verwendung mehr fand, entging der Versteigerung für einen geplanten Abriss nur dank des Einsatzes des Geheimen Finanzrates Bürklin. Im Jahr 1837 kaufte die Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation die rund 13 Hektar große Schlossanlage vom badischen Staat und errichtete hier die bis 1995 bestehende Zuckerfabrik Waghäusel. Die ersten Produktionsgebäude für die Zuckerherstellung entstanden im ehemaligen Ökonomiehof. Im Laufe der Jahre mussten alle barocken Wirtschaftsgebäude neuen Industriebauten weichen. Die Grundlinien der barocken Anlage und einige Reste der Wegeachsen konnten sich aber überraschend deutlich in der Struktur der Fabrikanlage halten. Zwischen den Fabrikanlagen blieben einzig der Eremitage-Hauptbau, der von der Fabrikverwaltung genutzt wurde und die Kavalierhäuser, die als Werkswohnungen dienten, erhalten. Im südwestlichen Bau wohnten zeitweise die Fabrikdirektoren. Dieser wurde in den 1870er Jahren nochmals verlängert und erhielt eine Veranda in zierlicher Wintergartenarchitektur in Form der Gründerzeit. Das nordwestliche Kavalierhaus wurde 1968 abgerissen, um einen Melassetank Platz zu machen. Die übrigen drei Kavalierhäuser entgingen dem geplanten Abriss und wurden von 1988 bis 1992 mit Mitteln der Südzucker AG, der Stadt Waghäusel, der Denkmalstiftung Baden-Württemberg und des Landesdenkmalamtes renoviert. Der Hauptbau blieb im Wesentlichen unverändert. Im Jahr 1860 richtete die Direktion der Zuckerfabrik für die protestantischen Beschäftigten, eine Minderheit in der überwiegend katholischen Gegend, einen Betsaal im Erdgeschoss mit eigenem Zugang und später auch eigener Kirchenglocke ein. Er wurde bis zur Fertigstellung der Waghäuseler Friedenskirche 1967 genutzt. Erst im Rahmen eines großen Umbaus in den 1920er Jahren wurde die barocke Freitreppe mit der eisernen Baldachin-Architektur entfernt, der Keller unter dem Eingangsbereich zugeschüttet und der heutige neoklassizistische Eingang geschaffen. Im Inneren wurde die ursprüngliche Raumaufteilung verändert und Zwischendecken entfernt, so dass in der Gebäudemitte ein dreigeschossiger Kuppelsaal entstand, in dem man vom ersten Stock aus bis zu Marchinis Deckengemälde sehen konnte. Leider wurde dieses 1946 durch einen Brand genauso wie die historische Dachkonstruktion zerstört. 1997 verkaufte die Südzucker AG das Zuckerfabrikgelände einschließlich der Eremitage an die Stadt Waghäusel, die über Jahre mit Zuschüssen des Landes Baden-Württemberg umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an der denkmalgeschützten Schlossanlage durchführte. Zunächst wurden am Hauptbau Dächer, Fenster, Sockel, Verputz und Farbgebung erneuert. Im Jahr 2004 erhielt die Rotunde des Hauptbaus einen neuen, dem historischen Vorbild nachempfundenen Dachstuhl aus Holz und Stahl. Die seit dem Umbau in den 1920er Jahren zugeschütteten Teile des Kellers unter dem Eingangsbereich und Reste des von Balthasar Neumann konzipierten Treppenhauses wurden freigelegt. Im Bauschutt fanden sich dort noch Kacheln und Putzreste der Originalausstattung des 18. Jahrhunderts. Man entdeckte und sicherte die Reste des für die Zeit um 1750 überaus fortschrittlichen Kanalsystems. Teile des historischen Achsensystems der Anlage wurden durch die Pflanzung von Baumalleen wiederhergestellt. Die Innensanierung des Hauptbaus dauerte von Mitte 2010 bis Ende 2013, dabei wurden historische Befunde freigelegt und konserviert. Seit Januar 2014 wird die Eremitage nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So beherbergt das Obergeschoss seit Januar 2020 vier Museumsräume zu den Themen „Geschichte Eremitage“, „Zuckerfabrik Waghäusel“, „Naturschutzgebiet Wagbachniederung“ und „Badische Revolution 1848/49 – Schlacht bei Waghäusel“. Ein weiteres Highlight ist der Trausaal, in dem an bestimmten Samstagen im Jahr Trauungen stattfinden. Für mich ist die Eremitage ein herrliches barockes Schloss mit wunderbarer Parkanlage, die zum Entspannen inmitten der Natur einlädt. Ich genoss meinen Ausflug dorthin und schlenderte vergnügt bei eisigen Temperaturen, aber purem Sonnenschein durch den Eremitagepark, der das nordöstliche Carré der ursprünglichen barocken Gartenanlage der Eremitage umfasst. Euch wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos dieser über 300 Jahre alten Eremitage. 🙂

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