Die schwarze Spinne

Im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt befindet sich in der Straße Coburgbastei das 1845 fertiggestellte spätklassizistische Palais Coburg, bei dessen Renovierung Fragmente der Wiener Stadtmauer freigelegt wurden. Denn einst war die heutige Innere Stadt von einer Stadtmauer mit zahlreichen Stadttoren umgeben, die für Sicherheit sorgten und nachts abgeschlossen wurden, damit kein Fremder in die Stadt kam. Eines dieser ehemaligen Stadttore war das Stubentor, das unweit des gegenwärtigen Palais Coburg stand. Um dieses ehemalige Tor rankt die Sage vom Torwächter und der schwarzen Spinne. So klopfte in längst vergangener Zeit zu später Stunde an das bereits abgeschlossene Tor eine alte ärmlich gekleidete Frau, die um Einlass bat. Der Torwächter dachte aber nicht daran der Frau Einlass zu gewähren, da er sich von ihr kein Trinkgeld für das Öffnen des Tores versprach. Die Frau klopfte jedoch unentwegt an das Tor. Da schrie der Torwächter zu ihr, dass der Schlüssel zum Tor zu hoch hänge und er erst morgen früh wieder eine Leiter hätte, um den Schlüssel zu holen. Der alten Frau blieb daher nichts anderes übrig als im Freien die Nacht zu verbringen. Sie wünschte sich laut, dass der Schlüssel beim nächsten Mal, wenn jemand an das Tor klopfe und er dieses gegen Trinkgeld öffnen wolle, tatsächlich so hoch hinge, dass er ihn nicht erreichen könne. In der nächsten Nacht klopfte ein stadtbekannter wohlhabender Herr auf seinem Pferd sitzend an das Tor. Der Torwächter eilte sogleich zum Schlüssel, um das Tor aufzuschließen, denn der vornehme Herr gab immer ordentlich Trinkgeld. Doch als er nach seinem Schlüssel greifen wollte, sah er im Schein seiner Laterne wie eine große, schwarze Spinne ein Netz um den hoch an der Wand hängenden Schlüssel gesponnen hatte und diesen mit ihren Fäden immer höher zog. Er holte einen Stuhl, stellte sich darauf, konnte den Schlüssel aber nicht erreichen. Der reiche Mann klopfte unterdessen ungeduldig an das Tor, aber der Torwächter konnte den Schlüssel nicht greifen. Auch ein Tisch, den er an die Wand stellte, um darauf zu klettern, um so an den Schlüssel zu kommen, half nichts. Bei einem seiner Versuche kippte der Tisch zu allem Unglück auch noch um und der Torwächter verletzte sich am Bein. Der vornehme Herr wurde immer ungeduldiger und fragte wann ihm denn endlich Einlass gewährt würde. Da schrie der Torwächter zornig, dass er den Schlüssel wegen einer schwarzen Spinne, die diesen immer höher zog, nicht erreichen konnte. Der reiche Mann glaubte seinen Ohren nicht und ritt verärgert ab. Er dachte, dass der Torwächter ihn mit seiner Antwort verspotten wollte. Er ritt zu einem anderen Stadttor, dass er gegen Trinkgeld passieren konnte. Am nächsten Tag ging der wohlhabende Mann zum Stadtrat und beschwerte sich über den Torwächter, den er für angetrunken hielt, da er sich sonst seine freche Antwort nicht erklären konnte. Daraufhin musste der Torwächter ins Rathaus und den Vorfall schildern. Er beteuerte, dass eine schwarze Spinne, es ihm unmöglich gemacht hatte, den Schlüssel zu erreichen. Natürlich schenkte ihm niemand Glauben. Jeder dachte, dass es sich um ein Hirngespinst aus einem Alkoholrausch gehandelt habe. Der Torwächter durfte fortan nicht mehr das Stubentor bewachen und musste als Abdecker arbeiten. Dieser mittelalterliche Beruf hatte zur Aufgabe die toten Körper von verendeten Tieren weiter zu verarbeiten. Eine unangenehme Tätigkeit, die mit ungeheurem Gestank verbunden war. So hatte der ehemalige Torwächter seine gerechte Strafe doch noch erhalten. Denn wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. In diesem Sinne viel Freude mit meinen Fotos vom Palais Coburg im Herzen Wiens. 🙂 P.S. Allen Müttern wünsche ich einen wunderschönen Muttertag!

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