Die Gruft der 100 Toten

Isabella Müller Wien @isabella_muenchen

In einem der ältesten Stadtteile Wiens befindet sich auf dem Franziskanerplatz die Franziskanerkirche. Diese Kirche zählt zu Wiens meist besuchten Kirchen, deren Geschichte damit beginnt, dass 1451 der Orden der Franziskaner nach Wien kam und auf der Laimgrube die Theobaldkirche samt Kloster betreute. Bei der Ersten Türkenbelagerung am 25. September 1529 wurde das Kloster und die Kirche vollständig zerstört. Dem Orden wurde erst 1589 von der Stadt Wien das leerstehende Büßerinnenkloster zu St. Hieronymus geschenkt. Dieses Kloster war 1306 von reichen Bürgern gestiftet worden, die sich um die Prostituierten kümmerten, die ihr Gewerbe aufgegeben hatten. Der Orden ließ das Kloster zusammen mit den angrenzenden Gebäuden größtenteils abreißen. Am 14. August 1603 wurde der Grundstein für eine neue Kirche im Stil der Renaissance mit gotischen Elementen gelegt. Am 11. Dezember 1611 wurde die einschiffige Franziskanerkirche dem heiligen Hieronymus geweiht, der schon der Schutzpatron des Büßerinnenklosters war. Die Franziskanerkirche im Herzen Wiens stach mir sofort ins Auge mit ihrer einzigartigen Renaissancefassade. Besonders die Statuen an der schmalen Westfassade mit Franz von Assisi und Antonius von Padua mit Hieronymus, der von zwei Engelsputti in der Mitte des Giebels gesäumt wird, sind beeindruckend. Auch der Innenraum mit seiner reichen barocken Ausstattung ist bemerkenswert. So befindet sich über dem Hochaltar in Baldachinform von Andrea Pozzo, das als Meisterwerk der Kulissenarchitektur gilt, die spätgotische Madonna mit Kind, die auch als Grünbergmadonna und Maria mit der Axt bekannt ist. Dieser Name Maria mit der Axt verdankt sie einer Legende. Demnach war ihr ursprünglicher Standort ein Männerkloster in Grünberg. Als dieses 1464 durch den böhmischen Oberstburggrafen Zdenko von Sternberg in ein Schloss umgebaut wurde, wurde die Statue kurzerhand in der Schlosskirche untergebracht. Dort verblieb sie bis in die 1770er Jahre unbeschadet. Die Adelsfamilie war inzwischen protestantisch geworden und wollte die katholische Madonna loswerden. Deshalb wurde sie ins Feuer geworfen. Doch am nächsten Tag stand sie wieder wie durch ein Wunder in ihrer ganzen Pracht in der Schlosskapelle. Daraufhin wollte Andreas von Sternberg die Statue mit der Axt vernichten. Doch die Axt blieb stecken. An dieses Ereignis erinnert die Hacke in ihrer linken Schulter, das ihr den Namen Maria mit der Axt einbrachte. Die Madonna blieb daraufhin in der Kapelle bis Graf Ladislaus, der Bruder von Andreas von Sternberg, sie auf einen Kriegszug mitnahm. Aus Geldnot verkaufte er die Statue an den polnischen Edelmann Peter von Turnoffsky. Dieser vermachte sie 1607 dem Franziskanerorden, da seine Gattin Protestantin war. Nach über 100 Jahren steht sie nun am Hochaltar der Franziskanerkirche. Besonders sehenswert ist auch das Kruzifix zwischen der Madonna und dem Altartisch, das von der Holzstatue des Franziskus und dem Heiligen Hieronymus flankiert wird. Die Statuen stammen aus der Franziskaner-Schnitzschule, die von 1690 bis 1730 von Laienbrüdern betrieben wurde. Die Franziskanerkirche beherbergt zudem Wiens älteste Orgel, die 1642 von dem Orgelbauer Hans Wöckherl erbaut wurde und heute hinter dem Hochaltar steht, so dass sie im Kirchenraum nicht sichtbar ist und nur gegen ein Eintrittsgeld besichtigt werden kann. Besonders ihr reich geschnitztes Gehäuse und die bemalten Orgelflügel sind beeindruckend. Bemerkenswert sind auch die Seitenkapellen an den beiden Längsseiten der einschiffigen Kirche sowie die prächtige Kanzel und deren Pendant, das nach den Entwürfen von Matthias Steinl geschaffen wurde. Die Kanzel entstand 1726 und zeigt an ihrer Brüstung ein Holzrelief der vier Evangelisten: Matthäus, Markus, Lukas und an der Kanzeltür Johannes. Außerdem sind an der Brüstung die Statuen von Capistran und Bonaventura und auf dem Schalldeckel Antonius von Padua und Berhardin von Siena zusehen . Bekrönt wird die Kanzel von dem Standbild des Franziskus von Assisi. Das Gegenstück zur Kanzel ist das Monument des Johann Nepomuk. Dieses „Martyrium des heiligen Johannes Nepomuk“ zeigt ihn im Wasser der Moldau treibend, nachdem er auf Anlass des Kaiser Wenzl IV. in Prag dort hineingeworfen wurde. Denn er war der Beichtvater der Gemahlin des Kaisers und weigert sich dem Kaiser ihr Beichtgeheimnis zu verraten. Nachdem Tod Nepomuks hatte die Kaiserin eine Erscheinung von 5 Sternen, die dem Weg zum Leichnam zeigten. Dies besagt die Legende. Fakt ist, dass Johann Nepomuk auf Befehl des Kaisers gefoltert und in die Moldau geworfen wurde. Anlass dafür war ein Disput zwischen dem Kaiser und dem Erzbischof von Prag über den Bau eines neuen Klosters, bei dem Johannes Nepomuk zum Handkuss kam. Neben der reichen Innenausstattung befindet sich unter der Franziskanerkirche eine Gruft, in der über 1000 Tote bestattet sind, die erst wieder 1970 geöffnet wurde. Eine erste Messe fand dort 1998 statt. Die Franziskanergruft, die von massiven Gewölben getragen wird, war übrigens einer der sichersten Plätze während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Die Franziskanerkirche mit ihrer barocken Innenausstattung, den zahlreichen wertvollen Reliquien und der weitläufigen Gruftanlage ist ein wahres Kulturgut, das mich in seinen Bann gezogen hatte. Euch wünsche ich viel Freude mit meinen Fotos davon. 🙂

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